Nr. 02/2011 vom 13.01.2011

Der Nationalheilige

Von Pit Wuhrer

Sein hochgerühmtes literarisches Werk ist umfangreich, die Qualität seiner Gedichte, Romane, Essays und Übersetzungen wird nicht bestritten. Nur sein politisches Wirken sorgt noch immer für Debatten: Die einen sehen in ihm einen Nationalrevolutionär, dessen historische Mission mit der formalen Unabhängigkeit seines Landes 1902 abgeschlossen war. Für viele andere aber bleibt er ein Sozialrevolutionär und Antiimperialist von aktueller Relevanz. Sicher ist, dass kaum jemand die kubanische Befreiungsbewegung Ende des 19. Jahrhunderts so geprägt hat.

Denn schon als Zwölfjähriger hat der 1853 in Havanna geborene Zögling eines freiheitlich denkenden und literarisch gebildeten Lehrers gegen die Welt angeschrieben, die ihn umgab. Kuba war damals eine spanische Kolonie, es herrschte ein Sklavenhalterregime, und um das zu schützen, war sein Vater aufgeboten worden: Er musste auf der karibischen Insel seinen Militärdienst absolvieren. Seine Eltern waren in Spanien in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, und während sich das Familienoberhaupt als Gefängniswärter durchschlug, liess die Mutter ihrem Erstgeborenen (sieben Töchter folgten) die bestmögliche Ausbildung zukommen.

Ihre Fürsorge und ihr Gerechtigkeitssinn prägten ihn ebenso wie sein Lehrer und das Elend der SklavInnen. Und so schrieb er bald einfühlsame Gedichte und flammende Aufrufe gegen die spanische Herrschaft. Mit sechzehn wurde er zum ersten Mal verhaftet, mit siebzehn verurteilte ihn die Kolonialjustiz wegen «Verrat» zu sechs Jahren Haft, und mit achtzehn schafften ihn die Behörden nach Spanien aus – damit er endlich «sein Heimatland» lieben lerne. Dort setzte er aber seine Agitation fort: Viele Zeitungen ver­öf­fent­lich­ten seine aufrührerisch-aufklärenden Texte. 1874 reis­te der Anwalt nach Mexiko, wo er Victor Hugo übersetzte. 1878 kehrte er nach Kuba zurück – und wurde wieder ausgewiesen. In den folgenden Jahren besuchte er viele exilkubanische Gemeinden in den USA und in Zentralamerika, sprach als begnadeter Redner an Arbeiterversammlungen und gründete 1892 die Revolutionäre Partei Kubas. «Rechte muss man sich nehmen und nicht erbetteln», sagte der Freiheitskämpfer und warnte zugleich vor einem militärischen Eingreifen der USA, das sich manche erhofften: «Wer vertreibt dann die, wenn sie erst einmal da sind?» Obwohl er kein Freund bewaffneter Aktionen war, entwarf er 1894 einen Aufstandsplan – und kam, erstmals seit Jahren wieder zurück auf Kuba, bei seiner ersten Guerillaaktion im Alter von 42 Jahren ums Leben.

Wie heisst der Schriftsteller und Aufrührer, dessen Verse im Lied «Guantanamera» anklingen und dessen Denkmal vor jeder kubanischen Schule steht?

Wir fragten nach José Martí (1853-1895). Das kurze Leben des ­revolutionären Schriftstellers war von Rebellionen geprägt: Auf den Zehnjahreskrieg gegen die spanische Herrschaft (1868–1878) folgte der Kleine Krieg (1879–1880) und schliesslich der kubanische Unabhängigkeitskrieg (1895–1898), den er mit ausgelöst hatte und der zum Spanisch-Amerikanischen Krieg 1898 führte. «Ich habe in dem Monster gelebt und kenne sein Inneres», schrieb Martí –
und bekam mit seiner Warnung posthum recht: Mit diesem Krieg betraten die USA erstmals als imperiale Macht die Weltbühne: Sie eroberten die spanischen Kolonien Kuba und die Philippinen. Die Philippinen gewannen erst 1946 ihre formale Unabhängigkeit, und Kuba konnte sich nur durch die Revolution 1959 dem US-amerikanischen Einfluss entziehen. Doch selbst die USA kamen um eine Würdigung ihres Kritikers nicht herum: Als die für die castrofeindlichen ExilkubanerInnen in Miami einen Sender einrichteten, nannten ihn die Behörden «Radio und TV Martí».

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