Nr. 08/2011 vom 24.02.2011

Fahrten voller Erkenntnisse

Selten macht es so viel Spass, ein politisches Sachbuch zu lesen. Mit «Im Taxi», das Ende 2006 in Kairo erschien und nun auch auf Deutsch zu lesen ist, lassen sich die Hintergründe für die jüngsten Ereignisse in Ägypten sozusagen beim Taxifahren erleben. Eine Begegnung mit dem Autor Chalid al-Chamissi in einer bewegten Stadt.

Von Werner Scheurer, Kairo

«Die Regierung hat Angst, ihr schlottern die Knie. Ein Windstoss, und sie fällt um. Eine Führung ohne Rückgrat.» Oh prophetisches Gemüt: Die hellseherische Aussage stammt von einem Kairoer Taxifahrer. Er regt sich über einen Verkehrsstau auf, der von einer Manifestation verursacht wurde. «Da sind etwa 200 Demonstranten, (...) ihnen gegenüber stehen an die 2000 Polizisten und 200 Offiziere. Deren Autos und Lastwagen blockieren alles.» Früher, zu den Zeiten, als Gamal Abdel Nasser Staatspräsident war (1954–1970), da seien sie noch 50 000, ja 100 000 gewesen, erinnert sich der Fahrer und lamentiert, das heute seien doch keine Demonstrationen mehr.

Inzwischen sind die Protestmärsche jedoch wieder deutlich grösser geworden, und ihr Orkan hat die Regierung weggeblasen. Das obige Zitat stammt aus einem Buch, das Ende 2006 in Kairo erschien, dort eben seine 21. Auflage erreicht hat und in zehn Sprachen übersetzt wurde – darunter jetzt auf Deutsch. In 58 kurzen Begegnungen mit Taxichauffeuren erfahren die LeserInnen, was die Fahrer und ihre Fahrgäste bewegt.

Während der kurzen Fahrten oder bei längeren Wartezeiten im typischen Kairoer Stau kommt alles zur Sprache: Die teuren Nachhilfestunden für die Kinder und die Armee als Schule fürs Leben. Die für Zigaretten und Mobiltelefone ausgegebenen Unsummen und das fehlende Geld fürs Heiraten. Die kleinen Diebe auf der Strasse und die grossen Diebe in den Ministerien. Der ständige Kleinkrieg der Taxifahrer mit den Polizisten und mit der Bürokratie des Verkehrsamtes. Die einschläfernden Nachrichten der offiziellen Medien, die kruden Witze des Volkes, der bevorstehende Krieg mit Israel und die Katastrophe im Irak. Der Nil, dessen Anblick das Herz läutert, und die Lügen, an die alle glauben. Die unerschwinglichen Fussballtickets genauso wie der Milchpreis. Und der vielleicht vom Innenministerium arrangierte Terrorismus so gut wie ein Regime der Muslimbrüder als letzter Versuch, nachdem es in Ägypten mit Monarchie, Sozialismus und Kapitalismus nicht geklappt habe: «Vielleicht haut es ja mit denen hin, wer weiss?», sagt ein Fahrer.

Ägypten als Festung

Nach 180 Seiten unterwegs mit Chalid al-Chamissi in Kairoer Taxis wirkt der Volksaufstand in Ägypten der letzten Wochen geradezu unausweichlich. Hat der Autor ihn nicht vorausgesehen? «Seit etwa 2004 war ich überzeugt, dass so etwas geschehen wird», sagt Chalid al-Chamissi. «Aber ehrlich gesagt erwartete ich, dass es etwa 2007 passieren müsste. Ich habe mich um vier Jahre geirrt – aber besser spät als nie.»

Der 48-jährige Schriftsteller und studierte Politologe empfängt in seiner Wohnung im Kairoer Stadtzentrum – dem Stadtteil, wo er auch aufgewachsen ist, ein paar Hundert Meter entfernt vom nun weltberühmten Tahrir-Platz. «Und ich vermutete, dass es die Mittelschicht und die Arbeiter sein würden, die sich als Erste auflehnten. Nun war es die Jugend der oberen Mittelklasse, die den Stein ins Rollen gebracht hat.»

Doch Chalid al-Chamissi relativiert sogleich: «Es ist nur halb richtig, von einer ‹Jugendrevolution› zu reden in einem Land, wo zwei Drittel der Bevölkerung unter 25 Jahre alt sind.» Es sei paternalistisch und verharmlosend, von «Jugend», «Kairo» oder gar nur vom Tahrir-Platz zu reden, wenn von Alexandria im Norden bis Assuan im Süden, von al-Arisch im Osten bis Matruh im Westen Menschenmassen auf die Strasse gegangen sind. Und die sogenannte Facebookjugend habe schon vor dem 25. Januar mehrmals zu mobilisieren versucht – und es kamen jeweils nur etwa 150 bis 200 Nasen.

Nun hat die Revolte stattgefunden – und es war laut al-Chamissi keine Hungerrevolte der armen Mehrheit der ägyptischen Bevölkerung, sondern eine Revolution für Freiheiten. Der Sprössling einer Familie von KommunistInnen – Eltern wie Grosseltern haben viele Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbracht – hat seine eigene Analyse der ägyptischen Gesellschaftsstruktur. Die Bilder, die er dabei verwendet, orientieren sich an seinem 2009 erschienenen Roman «Safinit Nuh» («Arche Noah», noch nicht ins Deutsche übersetzt). Darin schildert der Autor Ägypten als Festung, an deren Mauern die Wellen der Sintflut nagen. Die einzige Rettung ist die «Arche Noah», das Schiff in die Emigration.

So schätzt Chalid al-Chamissi, dass sechzig Prozent, die arme Mehrheit der ÄgypterInnen, längst «unter Wasser» leben. Zwanzig Prozent halten sich knapp an der Oberfläche und schlagen sich schlecht und recht mit gelegentlichen Tauchern durch. Zehn Prozent befinden sich auf einem sicheren Schiff, und die obersten zehn Prozent schweben hoch über allem. Al-Chamissi meint, dass der Anstoss für die Revolte von den mittleren zwanzig und zehn Prozent gekommen ist und sich Teile der Armen dann angeschlossen hätten. «Wer sicher nicht dabei war, zumindest anfänglich, waren die Muslimbrüder. Es war kein einziger islamistischer Slogan zu sehen an den Protesten», beobachtete er – auch dann nicht, als die Muslimbrüder sich zu den DemonstrantInnen gesellten.

Mehr Facebook, weniger Marx

Angesichts der Ereignisse der letzten Wochen ist es kaum möglich, mit Chalid al-Chamissi über ein Buch zu sprechen, das er vor über fünf Jahren geschrieben hat. Lieber redet der alte Linke über die neuen Fragen, die sich nun stellen – und über die er gerade seine Kolumne für eine Kairoer Tageszeitung schreibt. Zum Beispiel: Wie wird sich die Parteienlandschaft entwickeln? Er zeigt den Rundbrief von InitiantInnen einer neuen Linkspartei – und die Mail aus Kreisen der Tahrir-Jugend: Letztere fordert, «mit vielen Orthografie- und Grammatikfehlern», dazu auf, zuhanden des Programms für eine zu gründende Partei die eigene Vision beizutragen – «auf zwei Zeilen!», lacht al-Chamissi. Seine Generation hätte sich noch durch Marx und Engels gelesen – doch auch er als Politologe habe nie gewählt. Die heutige Jugend sei da sehr viel praktischer und engagiere sich «mit amerikanischen Marketingmethoden» in sozialen Bewegungen zu einzelnen Fragen. «Meine Tochter geht mit Kolleginnen für ein Entwicklungsprojekt drei Wochen nach Farafra, eine Oase in der Westwüste. Andere putzen an einem Wochenende den Zoo.» Aber zu einer politischen Kraft würden sie wohl nicht so bald.

Wenn der Autor kaum mehr über seinen Erstling spricht, soll doch noch eine kompetente Stimme zu Wort kommen. Ich schenkte das Buch meinem langjährigen Taxifahrer Magdi Taha – wohl das erste Buch, das er in seinem Leben besitzt. Er war begeistert: «Das ist grossartig, was der schreibt, stimmt genau! Der bringt alles: das Grosse und das Kleine – all das, was ich dir schon seit Jahren zu erklären versuche.»