Nr. 16/2011 vom 21.04.2011

Wenn Opfer über Opfer richten

Von Claudio Habicht

Die Zehntausenden eingepferchten Jüdinnen und Juden fürchteten und hassten ihn: Chaim Rumkowski, den Vorsitzenden des Judenrats im Lodzer Ghetto. Sie nannten ihn Chaim den Schrecklichen. Dabei wollte er nur das Beste. Um die Menschen vor dem sicheren Tod zu retten, machte Rumkowski aus dem Ghetto ein – wie er glaubte – für die Deutschen unentbehrliches «Produktionszentrum». Unzählige Werkstätten produzierten für die Wehrmacht. Wer arbeitete, überlebte vorerst, alle anderen wurden deportiert. Über Leben oder Tod entschied Rumkowski, er musste auf Befehl die Deportationslisten anfertigen. Sein Plan rettete die Lodzer Juden nicht, 1944 wurde das Ghetto aufgelöst und die Verbliebenen vergast – auch Rumkowski und seine Familie.

War Rumkowski der Wohltäter, der im Ghetto Fabriken, Spitäler und Schulen aufbaute, oder war er der servile Diener der Nazis, der Günstlingswirtschaft betrieb? Darüber wird bis heute gestritten. Einen scharfsinnigen Debattenbeitrag liefert der polnische Schriftsteller Andrzej Bart mit seinem Roman «Die Fliegenfängerfabrik»: In einem fiktiven Prozess gegen Rumkowski lässt er Opfer, Täter und ZeitzeugInnen auftreten – Richter ist kein geringerer als Gott. Eine kafkaeske Villa ist die Bühne des Justizthrillers, in dem Historisches und Erfundenes verschmelzen. Mit viel Ironie und Witz versteht es Bart, die Gefühle der LeserInnen zu irritieren, deren Gunst zwischen dem Angeklagten und der Anklage hin- und herpendelt.

Je mehr der Prozess voranschreitet, desto deutlicher wird, dass der moralische Zeigefinger die Diskussion um die Judenräte nicht weiterbringt. Diese führten nur die Befehle der Deutschen aus. Das Gericht fällt folglich ein weises Urteil, ein Urteil von Opfern über ein Opfer: Die Nachwelt soll sich an Rumkowski erinnern, wie er war – ein «widerwärtiger» Charakter, dem die Macht zu Kopf stieg. Auch Opfer sind nicht davor gefeit, zu Tätern zu werden.

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