Nr. 25/2011 vom 23.06.2011

Der Aufstand in den Käffern

Von François Moore

Zuerst revoltierte Deraa. Dann Banyas. Etwas später Dschisr asch-Schughur. Das ist alles Provinz, tiefe Provinz. Dort, wie auch in den Damaszener Vororten, auf die sich der jetzige Aufstand in Syrien ausgeweitet hat, leben die VerliererInnen. Die Vielfalt, der Aufschwung, der intellektuelle und kulturelle Reichtum von Damaskus und Aleppo scheinen dort ewig weit weg. Was diese Käffer verbindet, ist ihre Trostlosigkeit. Sichtlich konservativ sind sie. Wer nicht muss, geht kaum dorthin.

Das «menschliche Antlitz», das Baschar al-Assad der syrischen Erbdiktatur eine Zeit lang verpasst hat, ist in der Provinz kaum zu sehen. Korruption und Willkür prägen das Leben. Was du tun kannst und darfst, hängt nicht davon ab, was im Gesetz steht, sondern davon, wer du bist, wen du kennst, was du bezahlst. Und noch schlimmer: Was dir in einem Moment erlaubt ist, trägt dir im nächsten eine Tracht Prügel auf dem Polizei- oder Geheimdienstposten ein – ohne dass du weisst, warum.

Die Menschen in Deraa, Banyas, Dschisr haben allen Grund, sich zu wehren. Was genau in den letzten Wochen wo passiert ist, lässt sich von aussen kaum feststellen. Ob sich die Aufständischen mit oder ohne Waffen gegen die Prügelknechte der Geheimdienste und die Panzer der Armee verteidigen, spielt letztlich aber kaum mehr eine Rolle, denn es steht fest: Die Gewalt ging vom Regime aus. Sicher formen die Verhältnisse der syrischen Provinz keine VorzeigedemokratInnen, sicher mischen ausländische Kräfte mit, wo sie nur können, sicher gewinnen unerfreuliche Gestalten an Einfluss. Die lautstarken Stimmen der Muslimbrüder zeigen das. Aus der Gegend von Dschisr stammen zudem viele Dschihadisten, die sich ab 2003 dem Widerstand im Irak anschlossen. Auch kam es in der Region in den letzten Jahren gelegentlich zu Schiessereien zwischen islamistischen Gruppen und dem Staatsapparat.

Doch das Regime in Damaskus ist kein Hort der Moderne und des Säkularismus, das es zu verteidigen gälte. Obwohl das Leben in Damaskus und Aleppo in den letzten Jahren freier, die politische Debatte öffentlicher und vielfältiger, die zulässige Kritik lauter wurden, blieben Regime und herrschende Baath-Partei, was sie schon jahrzehntelang sind: ein Machtapparat mit dem einzigen Zweck der Machterhaltung. Ein Klüngel von Bonzen und einem sich permanent bereichernden Familienclan. Trotz vieler versprochener und manch umgesetzter Reförmchen, trotz Baschar al-Assads freundlichem Gesicht: Wenn es ernst gilt wie jetzt, handelt er wie schon sein grimmiger Vater Hafis – er lässt verhaften, prügeln, schiessen.

Wenn Assad wie in seiner Rede dieser Woche das Volk in paternalistischer Manier zur Beteiligung am politischen Prozess, zu Dialog und Teilhabe aufruft, ist das zynisch. Denn wie in kaum einem arabischen Land gab es in der syrischen Bevölkerung die Bereitschaft, zum gesellschaftlichen Aufbruch beizutragen. In den Wohnzimmern und Kaffeehäusern von Aleppo und Damaskus wurde der Wille, mitzutun, mitzugestalten, immer vernehmlicher. Da ging es noch nicht um den Sturz des Regimes, man hätte sich wohl auch mit einem Präsident Baschar al-Assad auf Lebenszeit arrangiert. Doch das Regime verweigerte sich, stellte sich taub, wenn konkrete Vorschläge gemacht wurden, liess verhaften, wenn die Forderungen allzu laut wurden. Was zu einer Art konstitutionellen Diktatur hätte werden können, endet in einem Blutbad.

Solange sich das aufgeklärte Bürgertum, die demokratisch und fortschrittlich denkenden Menschen in Damaskus und Aleppo nicht offen gegen das Regime wenden, kann sich Assad kraft seiner Waffen wohl halten. Denn diese Menschen haben grosse und berechtigte Angst, dass sich in Syrien die Tragödien der Nachbarländer wiederholen: der religiös-ethnische Bürgerkrieg im Libanon, die tribale, ethnische, religiöse, politische oder schlicht kriminelle Gewalt im Irak. Der Krieg, den der frühere US-Präsident George Bush gegen den Irak führte, der Krieg, der vorgeblich die Demokratie in den Nahen Osten hätte bringen sollen, ist das Trauma der Region. Irakische Verhältnisse will in Damaskus niemand, dann noch lieber Assads Diktatur. Ausgerechnet Bush hat also dazu beigetragen, dass der Diktator heute, Jahre später, seine Haut retten könnte.

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