Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

«Bleib lieber da, wo du bist»

Die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien tragen immer mehr ethnisch-religiöse Züge. Viele Oppositionelle ächten die AlawitInnen als regimetreu. Doch das treibt diese erst recht ins Regierungslager.

Von Anja Pietsch (Text) und Lia Darjes (Foto), Tasucu

176 Kilometer von seiner Heimatstadt entfernt: Gefährlich ist es für den Alawiten Suleyman Ramadan im Moment überall.

Suleyman Ramadan* zieht seine Schiebermütze in den Nacken. Der Syrer blickt ins nächtliche Mittelmeer. Nur in der Ferne leuchten vereinzelt die Lichter der sich durch die Dunkelheit navigierenden Schiffe. «Irgendwo da hinten liegt Latakia.» Ramadan deutet ins schwarze Nichts. Rund 176 Kilometer Luftlinie trennen die syrische Hafenstadt von Tasucu, seiner neuen Heimat in der südtürkischen Provinz.

Die meiste Zeit verbringt Ramadan vor dem Laptop. Er verfolgt die Nachrichten aus der nahen Heimat, postet Kommentare, twittert Botschaften gegen das Regime. Er gehört, wie auch der syrische Präsident Baschar al-Assad, der islamischen Religionsgemeinschaft der Alawiten an. Eine kleine, aber einflussreiche Minderheit in Syrien. Und wie die Assads stammt Ramadans Familie aus der Provinz Latakia. Seine Eltern und die fünf Geschwister leben in einer nur von AlawitInnen bewohnten Stadt in der Nähe von Hama. Manchmal schicken die Brüder ihm SMS. Sie werfen ihm seine Flucht vor. Die Familie sei enttäuscht, dass er sie jetzt, wo die Not am grössten ist, im Stich lässt. Er antwortet nicht auf die Vorwürfe und auch nicht auf ihre Freundschaftsanfragen auf Facebook. Einmal in der Woche telefoniert er mit seiner Mutter. Sie fragt ihn, wann er nach Hause kommen wird; er erkundigt sich nach seinen Geschwistern.

«Ich habe meinen Eltern immer gesagt, dass ich nicht zur Armee gehen werde», erinnert sich der 24-Jährige. «Aber sie haben gedacht, ich sage das nur so. Ich habe immer versucht, mit ihnen über meine Gedanken und mein Leben, aber auch über unsere Religion und das Regime zu sprechen. Einfach, um sie zum Denken anzuregen. Nach den Ereignissen haben sie mir noch aufmerksamer zugehört. Aber gehen lassen wollten sie mich nicht. Besonders jetzt nicht. Denn für sie hat der Heilige Krieg begonnen.»

Beliebte Militärakademien

Sofern man keinen Bruder hat oder nicht über genügend Geld verfügt, um jemanden bestechen zu können, kommt ein Syrer nicht um den Militärdienst herum. Die Einberufung erfolgt oft kurz nach Beendigung des Studiums. Ramadan, der eben sein Diplom in Bibliothekswissenschaften absolviert hat, musste täglich mit dem Aufgebot rechnen. Also stieg er eines Morgens mit all seinen Ersparnissen in den Bus nach Latakia. Von dort ging es weiter in die Türkei. An der Grenze fragte ihn der Grenzbeamte, aus welcher Gegend er komme, und zeigte sich zufrieden, als Ramadan ihm den Namen seiner kleinen Stadt nannte. «Das kenne ich, ist gar nicht weit von meinem Dorf entfernt.»

Die AlawitInnen stellen in Syrien nicht nur den Präsidenten, sie halten auch wichtige Posten in der Regierung und dominieren den Sicherheitsapparat. Vom Militär bis zum Geheimdienst sind Angehörige dieser Minderheit seit über vierzig Jahren überproportional vertreten. Ihr gesellschaftlicher und politischer Aufstieg begann 1920 unter der französischen Mandatsherrschaft. Von sunnitischen Muslimen als HäretikerInnen und Aussätzige verfolgt, lebten sie bis zu diesem Zeitpunkt isoliert und zurückgezogen in den unwegsamen Bergen bei Latakia. Da Frankreich das syrische Mandatsgebiet nach ethnischen Kriterien aufteilte, erhielten die AlawitInnen erstmals eine gewisse politische Autonomie, durch die sie zugleich der Kontrolle durch die Sunniten entgingen.

Die französischen Besatzer öffneten das Militär für die Angehörigen der Minderheiten, die nun in grosser Anzahl in die Armee strömten, um der desolaten wirtschaftlichen Situation auf dem Land zu entkommen. Besonders die Militärakademien boten die Perspektive eines sozialen Aufstiegs, der ihnen bis dahin verwehrt worden war. Die wohlhabenden sunnitischen Grundbesitzer und grossbürgerliche Städter hingegen verboten ihren Söhnen, Militärdienst zu leisten, und kauften sie kurzerhand frei.

Auch Ramadan möchte sich vom Militärdienst freikaufen. In ein paar Jahren will er die 5000 US-Dollar, die er dazu benötigt, zusammengespart haben. Vorerst arbeitet er für Kost und Logis in einem kleinen Café. Ramadan nippt nachdenklich an seinem Bier. Er weiss, dass er hier nicht bleiben kann. Aber er weiss nicht, wohin er gehen soll. Manchmal fühlt er sich nutzlos und oft sehr einsam. Weder seine Freunde in Damaskus, die jetzt andere Sorgen haben, noch seine Familie kann er unterstützen. Die Gemeinschaft der anderen syrischen Flüchtlinge in der Türkei muss er meiden.

Viele sind nicht gut auf die AlawitInnen zu sprechen, auch nicht, wenn diese dem Regime kritisch gegenüberstehen. «Bleib lieber da, wo du bist», riet ihm kürzlich sein ehemaliger Mitbewohner Hasan am Telefon, «hier gibt es eine Menge Leute, die einfach nur Alawiten töten wollen.» Vier Jahre teilten die beiden in einem Damaszener Studentenwohnheim ein Zimmer. Auch Hasan floh in die Türkei. Seit einigen Monaten lebt er im Flüchtlingscamp in Reyhanli, einem von vielen Zeltlagern in der Region Hatay. Der Sunnit musste fliehen, weil sein Bruder zur Freien Syrischen Armee (FSA) übergelaufen war. In Hasans Heimatstadt Homs gibt es einen von AlawitInnen und einen von SunnitInnen bewohnten Teil. Die Mehrzahl der sunnitischen BürgerInnen verliess die Stadt, nachdem regimetreue Armeetruppen willkürlich Häuser im sunnitischen Teil beschossen hatten.

Historischer Zufall

Hunderttausende, heisst es, wurden in den vergangenen Monaten aus ihren Wohnorten vertrieben und suchten Zuflucht in den grossen Städten Damaskus und Aleppo. Viele flohen auch ins Ausland: in den benachbarten Libanon, nach Jordanien, in den Irak oder in die Türkei. Angehörige der FSA brachten Hasan und seine Familie über die Grenze. Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) sind bisher zwischen 60 000  und 70 000  Menschen aus Syrien geflohen. Allein in der Türkei gibt es bereits 30 000  syrische Flüchtlinge.

«Sie würden mich sofort verdächtigen, ein Spitzel des Regimes zu sein», sagt Ramadan. «Es ist eigentlich egal, wohin ich gehe, ob nach Syrien oder in die Flüchtlingscamps, es ist an allen Orten gefährlich für mich.» Ramadan klappt seinen Laptop auf und legt, trotz des einsetzenden Windes, seine Schiebermütze beiseite.

Dem politischen Aufstieg der Alawiten liegt eigentlich ein historischer Zufall zugrunde. Verursacht durch eine Erosion der traditionellen Eliten, setzte nach dem Abzug der Franzosen 1946 eine ungeplante Transformation des öffentlichen Lebens ein. Sowohl die Streitkräfte als auch die Baath-Partei spielten dabei eine bedeutende Rolle. Im Militär wurden wichtige Positionen mit Sunniten besetzt, in den unteren Rängen waren vor allem die Minderheiten vertreten. Jeder der unzähligen Regierungswechsel – bis 1970 erlebte Syrien 21 Staatsstreiche – zog eine Säuberung in den Reihen des sunnitischen Offizierskorps nach sich. Das erlaubte es den alawitischen Offizieren, nachzurücken. Die Solidarität unter den Alawiten erwies sich dabei als verlässlicher als die wechselnden Allianzen der sunnitischen Offiziere.

Neben dem Militär begünstigte auch die 1947 gegründete Baath-Partei den politischen Aufstieg der Alawiten. Der von der Baath postulierte Säkularismus war für sie besonders attraktiv. Er versprach den Rückzug der Religion aus dem öffentlichen Leben und entsprach damit ganz dem Wunsch einer bis dahin verachteten Minderheit nach gesellschaftlicher Anerkennung. Obwohl die Baath-Partei versuchte, eine nationale Identität Syriens zu bilden, blieben die ethnisch, religiös und regional orientierten Gruppenidentitäten bestehen. Der aktuelle Konflikt aktiviert nun alte Ressentiments. Sollte das Regime von Baschar al-Assad stürzen, droht ein Szenario wie im Irak.

«Alle haben immer versucht, die anderen umzubringen», sagt Ramadan. «Das ist in jeder Religion gleich. Das war auch schon vor den Unruhen so, nur verdeckt. Deswegen habe ich begonnen, mit dem Sozialismus zu sympathisieren.» Er engagierte sich in seiner Studienzeit kurzzeitig als Mitglied in einer der vielen sozialistischen Parteien. «Ich war sehr aktiv. Ich habe dann die Partei verlassen, nachdem ich bemerkt habe, wie die meisten Mitglieder denken. Diskutiert wurde nur innerhalb der Religionsgruppe.»

Kürzlich wurde Ramadans Onkel entführt und ins Nachbardorf verschleppt. Vier Tage lag er gefesselt in einem Keller, bevor er sich befreien konnte. Die Entführer, Sunniten aus dem Nachbardorf, wollten so einen Angehörigen freipressen. Bei ethnisch-religiös orientierten Kidnappings, bekannt aus dem Libanon und dem Irak, sollen die Angehörigen der Entführten durch Kontakte und Bestechung von Sicherheitsorganen bestimmte Gefangene freikaufen.

Die Identitätsfrage

Die ersten Berichte über eindeutige ethnisch-religiöse Gewalt kamen aus Homs. Auf der Strasse fand man fünf getötete Polizisten mit abgehackten Händen und anderen eindeutigen Spuren von Misshandlungen. Alawitische Schabiha-Milizen überfielen daraufhin sunnitische Dörfer in der Umgebung. Es folgten Racheakte in alawitischen Dörfern, in denen man Angehörige der Schabiha vermutete.

Solange sich die Opposition nicht der Identitätsfrage annimmt, wird sich die städtische Bevölkerung nicht dem Aufstand anschliessen – aus Angst vor einem Bürgerkrieg, der schon längst begonnen hat. Bisher gibt es in der Opposition noch keine populären Figuren, mit der sich die Mehrheit der Bevölkerung identifizieren könnte. Ein Aufschrei ging durch die Oppositionsgruppen, als Burhan Ghaliun, der Vorsitzende des Syrischen Nationalrats (SNC), verkündete, dass die syrische Identität schon immer sunnitisch-arabisch gewesen sei. Die Aussage war eine Konzession an die Muslimbrüder. Die Opposition muss erklären, wie sie bei einer allfälligen Machtübernahme mit Angehörigen der Sicherheitskräfte verfahren will, die inzwischen zu siebzig Prozent aus Alawiten bestehen. «Alle Alawiten, die ich kenne», so ein westlicher Diplomat, der viele Jahre in Damaskus lebte, «auch die kritischen, rücken immer mehr in Richtung Regime.»

Manchmal zweifelt Ramadan, ob es richtig war, zu fliehen: «Dann denke ich, ich sollte einfach zurückgehen. Zur Armee gehen und das tun, was ich tun soll. Einfach gehen. Ich verbringe den ganzen Tag nur damit, darüber nachzudenken, wie es jetzt weitergehen soll. Aber ich will einfach nicht das Spielzeug des Regimes sein.»

* Name geändert.

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