Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

Bleib sauber, Schätzchen!

«Butterfahrten für Medientätige» nennt der Ethikrat der Hamburger Akademie für Publizistik die Pressereisen für JournalistInnen. WOZ-Kolumnistin Karin Hoffsten machte sich im Gefolge einer Bestsellerautorin auf den schlüpfrigen Weg zwischen Gunst und Tugend.

Von Karin Hoffsten

Zum Unerklärlichen zwischen Himmel und Erde zähle ich an diesem grauen Morgen auch mich. Während ich auf dem Flug nach Hamburg den trockenen Getreidestängel der Lufthansa mit dünnem Kaffee anfeuchte, brüte ich zum x-ten Mal über der Frage: Wie komme ich hierher?

Am Anfang stand ein Anruf, am Telefon war Frau Habersaat vom Deutschen Taschenbuch Verlag: dtv feiere in diesem Jahr den 50. Geburtstag, den wolle man zusammen mit der Erfolgsautorin Dora Heldt feiern, die auch bald fünfzig werde.

Während ich innerlich an einem höflichen Satz bastle, die Autorin passe vermutlich nicht ganz in unser literarisches Spektrum, sagt Frau Habersaat: Im neuen Roman gehe es um ein Wellnesswochenende von drei Frauen an der Ostsee. Gemeinsam mit Autorin und Presse wolle man genau so eine Reise machen – an die Ostsee, mit Wellness. An wen sie denn die Druckfahnen des neuen Buchs schicken könne? «An mich!», sage ich entschlossen.

In der Redaktion sind wir uns einig: Die haben uns verwechselt, vermutlich mit der «Weltwoche». Oder sie finden sonst niemanden. Von Dora Heldt hat bei uns noch nie jemand gehört, geschweige denn etwas gelesen. Kollegin M. sagt streng: «So was machen wir nicht – wir sind nicht käuflich!» Sie hat recht. Aber ich will an die Ostsee.

Frau Habersaat meint es ernst

Drei Tage später landen Flugticket, Teilnehmerinnenliste und Reiseprogramm in meiner Mailbox, die für mich reservierte Wellnessbehandlung umfasst: «Thalasso-Vital-Programm – reinigendes Ganzkörper-Meerespeeling, kräftigendes frisches Meerwasserbad mit Algen & Hydromassage und entschlackende Ganzkörper-Algenpackung.» Acht Journalistinnen hat dtv nach Warnemünde eingeladen, natürlich auch die Autorin, eine Fotografin und drei Damen von dtv. Die meisten reisen mit dem Flugzeug an, plus zwei Übernachtungen im Fünfsternehotel Neptun mit Wellnessprogramm. Normalsterbliche zahlen 398 Euro für das Paket, lese ich im Internet, dazu kommen alle Getränke und Mahlzeiten. Ich rechne.

Das Hotel Neptun kenne ich: Der gigantische Betonklotz aus dem Jahr 1971 dominiert den breiten Strand vor Warnemünde. Vor vielen Jahren landete ich dort in stockfinsterer Nacht, bis zum Ende der DDR sollte es noch drei Jahre dauern, nur das Hotel Neptun ragte hell gen Himmel. Meine Hoffnung, die Stunden bis zur Abfahrt der Fähre nach Dänemark in einem weichen Bett zu verbringen, zerschlug sich schnell. Selbst wenn ein Zimmer frei gewesen wäre, hätte man es nicht uns gegeben. Ins «Neptun» durften damals nur Parteibonzen. Schliesslich liess man uns zum Warten in die Sternen-Bar im 19. Stock.

Als mir beim Kofferpacken einfällt, welche Bedenken damals meine Turnschuhe beim Hotelpersonal auslösten, springt mich die Frage an, welcher Dresscode wohl heute dort angesagt ist. Schliesslich nehmen auch Kolleginnen von Zeitschriften wie «Freundin Donna» – für die Frau über vierzig! – an dieser Reise teil. Am Ende enthält mein Koffer Garderobe für rund vier Wochen inklusive Galadiner, und immer schwerer drückt mich die Frage: Worauf lasse ich mich da eigentlich ein?

Doch die Frauen, die ich am Hamburger Flughafen treffe, sind unkompliziert und sympathisch, mit einigen bin ich schnell beim Du; was die WOZ für eine Zeitung sei, lässt sich zum Glück in Deutschland schnell mit «wie die ‹taz›, bloss wöchentlich» erklären. Herr Stirnweiss vom Hotel Neptun lädt uns in einen Kleinbus, nach Warnemünde bei Rostock sind es noch zwei Stunden Autobahn. Während der Fahrt stelle ich erleichtert fest, dass ich mit meiner Nachbarin locker ins Gespräch komme. Uns beschäftigt dieselbe Frage: Was wollen die von uns?

Zwischen Zweifel und Genuss

Um mich seriös vorzubereiten, habe ich im Vorfeld zwei Bücher von Dora Heldt gelesen: In «Ausgeliebt» baut sich die vierzigjährige Protagonistin nach der Trennung von ihrem Mann mithilfe ihrer tollen Freundinnen ein neues Leben auf. Der Roman liest sich flott, enthält nachvollziehbare Gefühle und jede Menge Cüpli. «Urlaub mit Papa» muss ich unbeendet weglegen, zu sehr nervt mich der Papa. Die Druckfahnen der Neuerscheinung «Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt» schaffe ich gerade noch knapp vor dem Abflug. Drei Freundinnen um die fünfzig gestehen sich während des besagten Wochenendes ihre Lebenslügen und beschliessen, Neues zu wagen: Sie schreiben gemeinsam ein Buch. Auch diese Geschichte macht Spass, liefert realitätsnahe Frauenfiguren, ziemlich viel Alkohol und ein Happy End.

Im Internet lese ich, dass Dora Heldt eigentlich Bärbel Schmidt heisst, gelernte Buchhändlerin ist und seit zwanzig Jahren als Vertreterin des dtv-Verlags Buchhandlungen besucht. Wie bitte? Und genau dort ist sie jetzt Bestsellerautorin?

Um vier Uhr nachmittags gibts Kaffee, Kuchen und natürlich Cüpli in der Sternen-Bar, die jetzt Sky-Bar heisst. Wir lernen Dora Heldt kennen, die wir Frau Schmidt nennen dürfen, und werden über die nächsten Tage informiert, samt Stundenplan für Einzelinterviews und Fotosessions. Einige Kolleginnen wissen schon genau, welche Bilder sie wünschen: Dora Heldt im Strandkorb, an der Bar oder im Bademantel beim Wellnessen. Ich fühle mich überfordert und gehe erst mal in die Panoramasauna mit Blick auf den westlichen Abendhimmel und das Meer.

Beim Nachtessen zeigt sich, dass mein kürzlich zum halben Preis erworbenes Armani-Jäckchen keine Fehlinvestition war. Alle Damen haben sich aufgebrezelt. Schon bei der Vorspeise beginnt die Arbeit: Frau Schmidt wird nochmals eingehend vorgestellt. Die dtv-Programmleiterin Belletristik hält einen leidenschaftlichen kleinen Vortrag über die unsinnige Unterscheidung zwischen U(nterhaltung) und E(rnst) im Literaturbetrieb und erläutert das Spezielle der Heldt’schen Romane im Allgemeinen und das Besondere der Neuerscheinung: Im Zentrum ihrer Bücher stehen nicht die in diesem Genre sonst unvermeidlichen Dreissigjährigen auf Männersuche, sondern gestandene Frauen mit Wechseljahrbeschwerden und Lebenskrisen, die sie am Ende meistern.

Beim Dessert frage ich Petra Büscher, die Pressesprecherin des Verlags, was dtv für diese Reise eigentlich von uns als Gegenleistung erwarte. Wie ein Alb sitzt mir der Zwiespalt im Nacken: Ich geniesse das grosszügige Geschenk und fühle mich unter den Frauen sehr wohl. Doch was wird, wenn ich nichts schreibe? Oder das Buch blöd finde?

«Nichts erwarten wir», sagt Frau Büscher, «wir feiern das 50-Jahr-Jubiläum von dtv und den 50. Geburtstag unserer Erfolgsautorin.» Die Reise sei auch ein Dank an sie, und so etwas gehöre zur AutorInnenpflege. Ob oder was ich schreibe, sei ganz mir überlassen. Solche Reisen seien üblich. Zudem sei es praktisch, die Interviewanfragen zu bündeln, Bärbel Schmidt sei eine vielbeschäftigte Frau. Meine Frage werde ich während der nächsten Tage auch noch anderen stellen und höre dabei, dass manche Grossverlage mit dem Pressetross schon mal zwei Wochen nach St. Petersburg oder Schottland reisen.

Bärbel Schmidt versus Dora Heldt

Mein Interviewtermin ist am nächsten Morgen. Bärbel Schmidt ist eine authentische, wache und humorvolle Person, man spürt, dass viel von ihr in ihren Romanen steckt. Sie möchte Frauen ihrer Generation zeigen, wie das Leben mit fünfzig noch sein kann, selbst wenn frau glaubt, alles gehe bachab. Sie erzählt vom Verlagsgeschäft und wie sie mit ihrer heiklen Doppelrolle bei dtv – Autorin und Verlagsvertreterin – umgeht: Ihr erstes Manuskript sei unter dem Pseudonym «Dora Heldt», dem Namen ihrer Grossmutter, bei dtv gelandet und ihre Identität erst nach Annahme des Manuskripts bekannt geworden. Noch heute trennt sie beide Rollen strikt: An der Frankfurter Buchmesse ist sie drei Tage lang die Bestsellerautorin, die Lesungen macht und Interviews gibt, an den anderen Tagen ist sie die Verlagsvertreterin Bärbel Schmidt und führt am Messestand Kundengespräche. Zu ihrem Sortiment gehören auch ihre eigenen Bücher, die sie aber am schlechtesten verkaufe, weil ihr da nicht so nach Anpreisen zumute sei. Ob ihr als Autorin grössere Wertschätzung entgegengebracht werde als in der Rolle als Vertriebsmitarbeiterin, will ich noch wissen. Frau Schmidt bejaht, doch sie findet das ungerecht: Eine Verlagsvertreterin müsse weit mehr an fundiertem Fachwissen in den Job einbringen.

Die nächsten Stunden verbringe ich in Sprudelbad und Algenpackung, und am Nachmittag zeigt uns Herr Stirnweiss bei stürmischem Wind und klarem Himmel die Sehenswürdigkeiten Warnemündes. Die Zeit fliegt dahin, die Gespräche sind anregend. Verschiedentlich werde ich auf die politische Entwicklung in der Schweiz angesprochen, die aus der Ferne etwas besorgniserregend wirke. Eine Kollegin erzählt, wie sie in der Telefonwarteschlaufe des Schweizer Fernsehens mit «eusi Schwiiz, euses Fernseh» berieselt worden sei. Das müsse man sich mal bei der ARD vorstellen, sagt sie leicht fassungslos: «Unser Deutschland, unser Fernsehen!»

Zum Abschied sind wir uns einig: Es war wirklich schön! Auf dem Rückflug rechne ich noch mal vor mich hin: Die gesamte Reise dürfte dtv irgendwas zwischen 10 000 und 13 000 Euro kosten. Vor dem Hintergrund, dass Heldts Romane inzwischen zweieinhalb Millionen Mal verkauft wurden, ist das eigentlich ein Klacks. Eins will ich aber zum Schluss noch wissen: Hat Frau Habersaat uns nun mit der «Weltwoche» verwechselt oder nicht? «Nein», sagt sie energisch, «nie!» Als gebürtige Schweizerin kenne sie die Presselandschaft ihrer alten Heimat.

In diesem Moment beschliesse ich frohgemut, käuflich zu sein. Dem Pfad der Tugend kann ich nächste Woche wieder folgen.

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