Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Festival

Gypsy Festival

Die Sängerin Ida Kelarova und der Gitarrist Desiderius Duzda sind charismatische VertreterInnen der tschechischen Romakultur. Mit ihrem Swingoktett pflegen sie das reiche Erbe und singen von Liebe, Hoffnung und Freude. Besonders beeindruckend ist dabei der immense Tonumfang von Kelarova, die nebst anderem in ihrer Heimat einen Chor mit sechzig Kindern leitet. Das Gypsy Festival wird im Umfeld der einheimischen Gruppe Ssassa organisiert. Sie hat sich ebenfalls der Musik des Balkans verschrieben und ist dieses Jahr mit den Tänzerinnen Ljuba Nyima und Nicole Trossmann mit dabei.

Esmeralda & Talisman stehen für die neuen Gipsy-Sounds. Die drei russischen MusikerInnen lassen Swingjazz auf brasilianische Bossa Novas und argentinische Tangos treffen. Ganz dem andalusischen Flamenco hat sich das Quadro Juan Mateo y Gloria Palos verschrieben. Schachlo schliesslich, die lange dem usbekischen Tanzensemble Lazgy angehörte, entführt das Publikum in die Welt der orientalischen Tänze der Seidenstrasse.
Fredi Bosshard

Gypsy Festival in: Luzern KKL, Do, 10. November, 20 Uhr. Zürich Kongresshaus, Fr, 11. November, 20 Uhr. Winterthur City Hall, Sa, 12. November, 20 Uhr. Basel Stadtcasino, So, 13. November, 19 Uhr. www.gypsyfestival.ch

Tage für Neue Musik

Die beiden Komponisten Gérard Zinstag und Thomas Kessler haben vor einem Vierteljahrhundert die Tage für Neue Musik in Zürich gegründet. Inzwischen wird das Festival von Mats Scheidegger und Nadir Vassena kuratiert, und die Zusammenarbeit mit der Tonhalle-Gesellschaft ist enger geworden. Scheidegger und Vassena haben für das Jubiläum einen Schweizer Schwerpunkt programmiert und werden neben Entdeckungen auch Vergessenes präsentieren.

Die beiden Ensembles Collegium Novum und Laboratorium bringen Uraufführungen von Rudolf Kelterborn und Gary Berger zum Klingen. Kelterborn setzt mit «Das Ohr des Innern» japanische Haikus der Musik gegenüber, und Berger kombiniert für «Dis» das Ensemble mit der digitalen Welt des Samplers. «Fama» von Beat Furrer ist ein Hörtheater für grosses Ensemble, acht Stimmen und Schauspielerin.

Mit Maurice Ohana (1913–1992) gibt es einen französischen Komponisten zu entdecken, der hierzulande noch kaum bekannt ist. Sein Werk «Chiffres de clavecin», für Cembalo und Kammerorchester, entstand 1968/69. Im Rahmen des Jubiläums kommt es auch zur Aufführung der 1971 entstandenen Komposition «Persepolis» des Griechen Iannis Xenakis (1922–2001). Sie ist in einer neuen Fassung für Tonband, Licht, Klang und Bewegung zu erleben.

Musikalische Porträts des italienischen Komponisten Francesco Filidei und des Dänen Morten Olsen sind erstmals in der Schweiz zu hören. Olsen zollt mit einer stark reduzierten Fassung von «In a Silent Way» dem Jazztrompeter Miles Davis Tribut, sucht so die Verbindung zwischen Komposition und Improvisation.
Fredi Bosshard

Tage für Neue Musik in: Zürich Hochschule der Künste, Tonhalle, Museum für Gestaltung, Do, 10., bis So, 13. November. www.tfnm.ch

Queersicht

Vor fünfzehn Jahren wurde das Queersicht in der Reitschule in Bern ins Leben gerufen: Das älteste lesbisch-schwule Filmfestival der Schweiz kehrt dieses Jahr wieder an den Ort seiner Geburt zurück und positioniert seine Lounge und das Festivalzentrum im Frauenraum der Reitschule. Hier, im schönsten Raum der ganzen Reitschule, lässt sich bei Kaffee, Prosecco, Sirup und Sandwiches auch mit Filmschaffenden diskutieren. Der Themenschwerpunkt des diesjährigen Queersicht-Festivals ist Afrika. Zu sehen sind Filme wie «Cameroun – sorti du Nkuta» von Céline Metzger, der von der ersten Juristin des Landes erzählt, die der Homophobie den Kampf angesagt hat, oder «Uganda: Killing in the Name» von Dominique Mesmin über die schlimme Situation Homosexueller in Uganda. Dazu gehört auch ein Podiumsgespräch: Zum Thema «Queer refugees – Sexualität als Fluchtgrund» diskutiert der emeritierte Professor Udo Rauchfleisch, der seit einiger Zeit in der Demokratischen Republik Kongo lebt, mit der Juristin Eylem Copur und der Menschenrechtlerin Regula Ott.

Ausserdem gibts eine grosse Anzahl internationaler queerer Kurzfilme zu sehen und wie immer zum Abschluss die Queersicht-Party, an der die Bielerin DJ Sanguine auflegt und Cath’n’Dan Deep- und Techhouse spielen.
Silvia Süess

Queersicht in: Bern mehrere Kinos, Festivalzentrum Frauenraum Reitschule, Do, 10., 
bis Mi, 16. November. www.queersicht.ch

Debatte

Heimatabend, der zweite

In Basel hat eine Gruppe von Kunst- und Medienschaffenden um den Schauspieler Dan Wiener eine Serie von sieben «Heimat-Abenden» konzipiert. Gestartet wurde im Oktober im Bahnhof St. Johann.

Die Abende gehen der Sehnsucht nach Heimat in einer differenzierten Auseinandersetzung nach: Was ist Heimat für dich, für mich, für uns? Und warum wird das Wort so selten im Plural verwendet? Die Reihe versteht sich so auch als Gegengewicht zur Vereinnahmung des Begriffs durch nationalistische Strömungen. An jedem Abend findet ein Talk mit bekannten und unbekannten Persönlichkeiten über ihre Heimaten statt. In einem künstlerischen Teil wird das «Forschungsprojekt» jeweils mit Bild, Wort und Musik weitergeführt.

«Vergängliche Heimat – Hat Heimat eine Zukunft?» lautet die Ausgangsfrage zum zweiten Abend. Es diskutieren Lukas Kundert (Pfarrer im Basler Münster und Theologieprofessor), Martin Fossiler (Arzt und Umweltaktivist) und Bettina Eichen (Künstlerin). Moderation: Felix Schneider. In einem szenischen Beitrag werden die Arbeiten Eichens für einen Brunnen auf dem Basler Marktplatz, die jetzt im Kreuzgang des Münsters stehen, und das Gedicht «Vergänglichkeit» von Johann Peter Hebel miteinander in Verbindung gebracht. Es liest Ueli Jäggi, Regie: Maria Thorgevsky.
Adrian Riklin

«Heimat-Abend 2» in: Basel Kreuzgang Basler Münster, Eingang Rittergasse. So, 13. November, 
19 Uhr. www.heimat-abend.ch

Theater

Replay Palestine

Am 31. Oktober ist Palästina als Vollmitglied in die Unesco aufgenommen worden. Doch auch damit bleibt der Status des Landes politisch ungeklärt und rechtlich umstritten. Ein Teil der Autonomiegebiete befindet sich weiterhin unter vollständiger israelischer Kontrolle, der Rest darf sich selbst verwalten, besitzt aber keinerlei staatliche Souveränität.

Auch das Kulturschaffen in Palästina ist geprägt von dieser Situation. Welchen Stellenwert haben Kunst und Kultur in einem besetzten Land? Welches sind die künstlerischen Formen und Inhalte unter diesen Bedingungen? Welche Art von Kunst entsteht dabei? Kann Kunst unter solchen Umständen überhaupt unpolitisch sein?

Die Veranstaltungsreihe «Palästina – Kulturaspekte» in der Roten Fabrik unternimmt den Versuch, einige Antworten auf diese Fragen zu geben. Als Ausgangslage dienen aktuelle Produktionen aus den Bereichen audiovisuelle Kunst, Theater, Tanz, Film und Musik. Begleitet werden sie durch Diskussionen zu den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, die den Hintergrund der meisten dieser Produktionen bilden.

Speziell hingewiesen sei an dieser Stelle auf «Replay Palestine – die Vertreibung», ein dokumentarisches Theaterstück des Basler Schriftstellers Roland Merk. Darin setzt er sich mit der Vertreibung von rund 750  000  PalästinenserInnen aus ihrer Heimat und der Zerstörung von palästinensischen Dörfern und Stadtteilen während des israelisch-arabischen Krieges von 1948 auseinander. Die gegenwärtige Vertreibung durch Siedlungs- und Mauerbau wird in einem letzten Teil durch den Bericht eines Soldaten nachgezeichnet.
Adrian Riklin

«Palästina – Kulturaspekte» in: Zürich Rote Fabrik, bis 7. Dezember. «Replay Palestine – Die Vertreibung»: Mi, 16. November, 20 Uhr in der Aktionshalle. www.rotefabrik.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch