Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

Willkommen in Schnauzland

Etrit Hasler fragt nach den Parallelen zwischen Frauenboxen und Ständeratswahlkämpfen

Wir haben einen neuen Feiertag im Osten: den 27. November. In St. Gallen wissen wir seitdem: «Ein anderer Schnauz ist möglich.» Und in Winterthur haben wir seit dem Cup-Sieg über YB mit Christian Leite eine neue Goalielegende. Da passte es, dass am selben Tag ein potenzieller Bundesratskandidat über seine Verbandelung mit der Fifa stolperte. Natürlich, man mag sagen, die Kandidatur Heinz Tännlers wäre ohnehin völlig unsinnig gewesen. Ein Zuger SVP-Regierungsrat in der Bundesregierung, da kann man ja gleich den (finanziellen wie moralischen) Staatsbankrott ausrufen – das wäre in etwa, wie wenn der Thurgauer Kantonstierarzt als Geschäftsführer des WWF vorgeschlagen würde. Oder Michael Hüppi als Ständerat.

Verzeihen Sie mir, ich drifte etwas ab – das ist nach so einem Wochenende ganz normal. Zurück zu ekligen Sportverbänden. Bei all dem Gerede um die Fifa ging in den letzten Jahren der andere dubiose Riese gerne vergessen, das Internationale Olympische Komitee (IOK). Ein Verband, der sich nach seiner eigenen Satzung für Frieden und Gleichheit auf der Welt einsetzt, den Standard aber tief hält. Dem IOK stand vor gerade einmal zehn Jahren ein Mann mit Vergangenheit im spanischen Franco-Regime (und erstaunlich schlechtem Gedächtnis) vor. Ein Verband, der die Olympischen Spiele immer wieder als Propagandainstrument für Unrechtsregimes hergibt, ohne mit der Wimper zu zucken. Kommt dazu, dass Frauen bei Olympia nach wie vor nur eine Nebenrolle spielen: Zwar verpflichtet die Charta das IOK, «die Förderungen der Frauen im Sport auf allen Ebenen und in allen Strukturen zu ermutigen und unterstützen, im Hinblick auf das Prinzip der Gleichberechtigung von Mann und Frau». Das klingt schön, täuscht aber nicht über die Realitäten und machoiden Attitüden seiner Mitglieder hinweg.

So liess sich Gian-Franco Kasper (Präsident des Skiweltverbands FIS und gleichzeitig Mitglied des IOK) in der Diskussion um die Zulassung des Frauenskispringens zu den Winterspielen 2010 zitieren, die Sportart sei nicht für Frauen geeignet (siehe WOZ Nr. 7/09). Angeblich könnte unter der Belastung zum Beispiel die Gebärmutter platzen – Kasper krebste zwar von der offensichtlich haltlosen Behauptung zurück, das IOK liess die Skispringerinnen dennoch nicht starten.

Diesen Monat schaffte es das Komitee beziehungsweise eines seiner Mitglieder erneut, sich in die geschlechtertechnischen Nesseln zu setzen. Bei den Sommerspielen in London 2012 wird Frauenboxen erstmals als Disziplin zugelassen – man mag spekulieren, ob dies nicht zuletzt dem Erfolg des Clint-Eastwood-Dramas «Million Dollar Baby» zu verdanken ist. Allerdings hat die Sportart nach Ansicht des IOK immer noch einen schlechten Ruf – das mag sein: Insbesondere Boulevardzeitungen geilen sich immer wieder am «blutigen Kampf der schönen Mädchen» weit jenseits der Geschmacksgrenze auf. Um am Image noch ein bisschen zu feilen, dachte der Amateurboxverband Aiba, dessen Präsident Wu Ching-Kuo auch im IOK amtet, laut darüber nach, dass es besser wäre, die Boxerinnen in Röcken statt den üblichen Boxershorts antreten zu lassen – wie beim Tennis –, damit sie sich «deutlicher von ihren männlichen Kollegen abheben». Sprich: damit sie ein bisschen mehr nach Mädchen aussehen. Gleichberechtigung sieht anders aus.

Aber vielleicht ändern sich die Zeiten ja doch mal noch. Männer vom Schlag Gian-Franco Kaspers oder Wu Ching-Kuos sind in der Schweiz zwar noch nicht am Aussterben, aber sie sind auf dem Rückzug. Es waren vier Frauen, die den Atomausstieg der Schweiz aufgegleist haben. Und es war die Mobilisierung der Frauen bis weit ins bürgerliche Lager hinein, die Paul Rechsteiner zum Ständerat gemacht hat. Ganz ehrlich: Wenn es möglich war, St. Gallen zum Schnauzland zu erklären, dann wird das mit der Gleichberechtigung im Sport ein Klacks dagegen.

Etrit Hasler lebt in der Hauptstadt von Schnauzland, weshalb er der Politischen Frauengruppe (PFG) und insbesondere 
deren Präsidentin Silvia Huber zu ewigem Dank verpflichtet ist.

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