Nr. 12/2009 vom 19.03.2009

Hartgesottene Weisswäscher

Wenn wie aktuell im Handball Bestechung und Manipulation ans Licht kommen, wird schnell mit dem Finger auf einzelne Sportarten gezeigt. Dabei liegt das Versagen beim international organisierten Sport als Ganzes.

Von Jens Weinreich

Seit Wochen dominiert die vermeintliche Bestechungsaffäre um den THW Kiel die deutschen Sportmedien. Kiel, deutscher Handballrekordmeister, soll seit dem Jahr 2000 bei mindestens zehn Spielen der europäischen Champions League die Schiedsrichter bestochen haben, so auch vor dem Finalsieg 2007 gegen die SG Flensburg-Handewitt. Zwar haben die deutsche Handball-Bundesliga-Vereinigung HBL - als deren Vizepräsident pikanterweise der hauptverdächtige Kieler Manager Uwe Schwenker fungiert - und der Europäische Verband EHF bereits per Pressemitteilung Persilscheine ausgestellt, doch die Indizien verdichten sich, und die Kieler Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Veruntreuung.

Derartige Affären sind im Handball mittlerweile an der Tagesordnung: Seit Wochen ermittelt auch die Staatsanwaltschaft Basel wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung gegen den in Basel ansässigen Weltverband IHF - beziehungsweise gegen dessen ägyptischen Präsidenten Hassan Moustafa, dem die Manipulation von Schiedsrichtern bei der Olympiaqualifikation für Peking 2008 nachgewiesen werden konnte.

Das K-Wort existiert nicht

Doch es wäre falsch, jetzt diese Sportart allein an den Pranger zu stellen. Heute sorgt der Handball für negative Schlagzeilen. Morgen kann es schon wieder der Fussballweltverband Fifa sein oder andere Skandalnudeln aus dem 35 Sportarten umfassenden olympischen Bereich. Sichtbar wird einmal mehr, dass der organisierte Sport als Ganzes kaum Mechanismen entwickelt hat, um Bestechungen und Manipulationen wirksam zu begegnen.

In der aktuellen Affäre stellen zum Beispiel Handballfunktionäre plötzlich fest, dass in den Regelwerken Passagen zur Korruptionsbekämpfung schlicht fehlen. Auch in der Olympischen Charta, dem Grundgesetz des Internationalen Olympischen Komitees IOK und der Olympischen Spiele, fällt eine akute Sprachlosigkeit auf: Das K-Wort kommt darin einfach nicht vor. Stattdessen gibt es nur vage Ethikrichtlinien, die in der Praxis meist grosszügig ausgelegt werden.

Das Sportsystem fordert eher Betrug denn Aufklärung. Whistleblowers, die auf Korruption hinweisen, werden in der Regel schneller und härter bestraft als die Sünder. Sie verlieren ihre Posten und Ämter, manche auch Vermögen und Gesundheit - aufgerieben in langwierigen Gerichtsverfahren, wie der Fall des argentinischen Volleyballfunktionärs Mario Goijman beweist, der den Millionenbetrug im Weltverband FIVB enthüllte.

Der Sport erfreut sich an einem Prinzip partieller Rechtlosigkeit. Er wird weder von Gesetzen gegen den unlauteren Wettbewerb noch von internationalen Antikorruptionsabkommen tangiert. Die rund sechzig internationalen Sportverbände, die in der Schweiz domiziliert sind, darunter das IOK, die IHF, die Fifa und die FIVB, geniessen überdies den rechtlichen Status von gemeinnützigen Vereinen - und zahlreiche Steuervergünstigungen, bis hin zur kompletten Steuerbefreiung. Zum Jubiläum des IOK-Bestechungsskandals ist das eine ernüchternde Analyse, die kürzlich durch einen zweifelhaften Titel bestätigt wurde: Die englische Stiftung One World Trust kürte das IOK für 2008 zum intransparentesten Unternehmen der Welt.

Vor zehn Jahren, am 18. März 1999, endete die schwierigste Vollversammlung in der Geschichte des IOK. Diese 108. Session im Palais de Beaulieu zu Lausanne musste, unter dem Druck der Weltöffentlichkeit, kurzfristig einberufen werden. Auslöser waren die Machenschaften der Mormonen aus Salt Lake City, die sich die Olympischen Winterspiele 2002 auch durch Stimmenkauf gesichert hatten. Das IOK war schwer erschüttert, Präsident Juan Antonio Samaranch handlungsunfähig. Sein damaliger Vizepräsident Richard Pound übernahm das Kommando, er beruhigte die Sponsoren, leitete die hausinterne Prüfungskommission, verpflichtete, an Samaranch vorbei, für eine Millionensumme professionelle, hartgesottene Weisswäscher, die das Image des IOK aufpolieren sollten: die Agentur Hill & Knowlton.

Ein grosser Bluff

An der Session selber wurde dann ein Exempel statuiert: Das IOK musste einige Mitglieder opfern, um den Anschein zu wahren, es sei um Aufklärung bemüht. Vier Mitglieder waren bereits zurückgetreten, zehn wurden verwarnt, sechs ausgeschlossen. Und IOK-Boss Samaranch verkündete: «Wir haben versprochen, unser Haus zu säubern. Wir haben es getan.» Ein grosser Bluff, wie sich immer wieder aufs Neue herausstellt.

Die Usanzen der Branche beschrieben im Frühjahr 2008 zwei ehemalige Sportmanager in einem historischen Prozess vor dem Strafgericht des Kantons Zug. Der Sportmarketinggigant ISL/ISMM, der lange Jahre das IOK-Sponsorenprogramm betreute und für etliche andere Weltverbände (auch die Fifa) tätig war, hatte allein zwischen 1989 und 2001 rund 138 Millionen Franken Schmiergeld an höchste Sportfunktionäre gezahlt (siehe WOZ Nr. 4/09). «Diese Zahlungen waren notwendig, um überhaupt Verträge zu bekommen», sagte ein Angeklagter. «Das war, wie wenn man Lohn bezahlen muss. Sonst wird nicht mehr gearbeitet.» Ein zweiter bestätigte: «Das war branchenüblich. Das gehörte zum Stil des Geschäfts.»

Ethikkommissionen als Feigenblatt

Im Gegensatz zum Handball-Weltverband IHF hat die Fifa inzwischen eine Ethikkommission - der Chef des Gremiums, Lord Sebastian Coe, hat sich soeben beurlauben lassen, um als Lobbyist für England um die Fussballweltmeisterschaften 2018/2022 zu buhlen. Zuvor fand Lord Coe leider keine Zeit, in Sachen ISL-Bestechung zu ermitteln. Die Empfänger der Millionenzahlungen interessieren weder ihn noch das IOK, dessen Ethikkommission ebenfalls nicht interveniert.

Im Dezember 1999 übrigens, auf einer weiteren IOK-Vollversammlung in Lausanne, der sogenannten Reformsession, wurde der olympische Eid von jemandem gesprochen, dessen Karriere bis heute von Skandalen überschattet ist: Joseph Blatter. Er werde sich nie kommerziellen oder politischen Interessen unterordnen, schwor der Fifa-Präsident. «Fair Play» kam ihm leicht über die Lippen. Und im Kinosaal, in dem die Weltpresse die Session verfolgte, wurde schallend gelacht.

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