Nr. 02/2012 vom 12.01.2012

Mit McLuhan im Manor

Lotta Suter über die Remedialisierung von Küchenmaschinen

Gleich nach den Feiertagen brachte ich meine funktionsuntaugliche Küchenmaschine ins Geschäft zurück. Auf dem Weg ins Shoppingcenter hörte ich mit halbem Ohr der Wiederholung einer Radiogedenksendung über den 1911 geborenen Medientheoretiker Marshall McLuhan zu. Aufgehorcht habe ich erst bei der Erwähnung von McLuhans These, dass jedes neue Medium die vorangehenden Medien nicht ersetze, sondern lediglich remedialisiere, das heisst in neuer Form enthalte.

Mit kindlichem Vergnügen schachtelte ich im Geist sogleich alle Medien – von den unhandlichen Tontafeln der Mesopotamier über die Gutenberg-Bibel bis zum digitalen World Wide Web – ineinander wie die bunten russischen Steckpuppen. An dieser Matrjoschka-Metapher habe ich immer noch herumfantasiert, als ich bereits im Geschäft stand und meine Reklamation vorbrachte. Doch nie hätte ich gedacht, dass ausgerechnet hier, beim Kundendienst einer ländlichen Manor-Filiale, die Probe aufs Exempel für McLuhans Remedialisierungsthese gemacht würde!

Ich stellte den Zerkleinerer, der zu meinem Ärger nie etwas zerkleinert hatte, auf den Ladentisch und legte auch den Kaufvertrag und den Garantieschein dazu. Sogleich begann die Verkäuferin mit der Digitalisierung all dieser Gegenstände. Sie tippte umständlich die Daten von Garantieschein und Kassenzettel in den Computer. Dann rief sie irgendeine Nummer per Handy an, um das genaue Fabrikationsmodell des Küchengeräts herauszufinden. Diese neue Nummer gab sie dann ebenfalls in den Computer ein. Daraufhin verschwand sie in einen andern Raum, wo das Resultat der ganzen Tipperei ausgedruckt wurde. Nun war das kleine Dossier beinahe perfekt. Einzig der Garantieschein und der Kassenzettel mussten, zusätzlich zur digitalen Erfassung, auch noch mechanisch kopiert werden. Das geschah wiederum in einer andern, entfernten Ecke des weitläufigen Ladenlokals. Vermutlich war der voluminöse Kopierer da hingestellt worden, lange bevor es beim Kundendienst die kleinen Tischcomputer (leider ohne Scanner) gab. McLuhan hatte recht: Kein Medium verschwindet einfach so, vor allem dann nicht, wenn es zuvor bürokratisch solide verankert worden ist.

Der Vorfall belegte ausserdem: Es sind nicht bloss die alten Medien (und die alten Bürokratien), die remedialisiert werden. Auch die menschlichen Vorurteile und Schwächen werden in der schönen neuen Computerwelt nicht einfach gelöscht. Während die Verkäuferin meinen Namen tippte, bemerkte sie anbiedernd: «Endlich ein Name, den man auch aufschreiben kann.» Ich schwieg. Und zwar auch dann noch, als sie meinen gutschweizerischen Namen trotz sorgfältigen Diktierens meinerseits falsch schrieb. Und ich schwieg weiter, als mir die Frau auf dem Computerrapport den Grund meiner Reklamation zeigte. Ich wolle das Gerät zurückgeben, hiess es da, weil es nicht schneide. «Es ist, als ob das Messer stumpf were.»

Es geht mir nicht darum, mich über die Rechtschreibschwäche der Verkäuferin lustig zu machen. Doch widerlegt der Vorfall die These von der Schriftlosigkeit der neuen Medien. Weder Digitalfernsehen, Videospiele, Mobiltelefone noch Skype kommen ganz ohne Schrift aus. Erst recht nicht SMS, Twitter, Blogs, E-Mail, Facebook – und offenbar auch nicht Reklamationen beim Kundendienst. Im aktuellen Alphabetisierungsschub werden Sprache und Orthografie remedialisiert. McLuhan behauptet, dass dabei nichts verloren gehe. Das were schön.

Lotta Suter ist WOZ-Mitarbeiterin.

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