Nr. 07/2012 vom 16.02.2012

Well done, Egypt!

Etrit Hasler kann sich das Fussballmassaker von Port Said nicht erklären

Was sich am Abend des 1. Februars 2012 in Port Said beim Spiel zwischen Al Ahly und Al Masri genau zutrug, weiss man bis heute nicht genau. Sicher ist nur, dass es sich dabei um die blutigsten Ausschreitungen in der Geschichte des Fussballs handelt: mindestens 74 Tote, mehrere Hundert Verletzte. Ereignisse in vergleichbarer Grössenordnung mag es schon gegeben haben, wenn Tribünen zusammenbrachen oder eine Massenpanik einsetzte, ja. Aber nicht im Zusammenhang mit direkter, offener Aggression und mörderischer Absicht.

Wer sich in diesen Tagen in Kairo umhört, der Heimstadt von Al Ahly, der vernimmt die gleichen Spekulationen und Vermutungen, die schon am ersten Tag geäussert wurden. Es sei eine geplante Abrechnung gewesen, ein «Tag der Rache» mit Vorankündigung, eine gezielte Attacke gegen die Ahlawy, die Fans von Al Ahly, die während der ägyptischen Revolution letztes Jahr eine wichtige Rolle gespielt hatten. Alle seien sie mit dringehangen: die Mubarak-treuen Masri-Fans, die Sicherheitskräfte, der Regionalgouverneur (der zum ersten Mal seit Jahren ein Spiel seines Vereins Al Masri versäumte), das ägyptische Innenministerium, der Militärrat.

An diesen Theorien, die sich häufig lesen wie vergleichbare Traktate zum 11. September 2001, mag viel Wahres sein. Tatsächlich spielte die noch junge Ultrakultur des ägyptischen Fussballs eine wichtige Rolle bei den Unruhen im letzten Jahr, die das Ende der Militärdiktatur Mubarak einläuteten – die Anhänger der zuvor verfeindeten Traditionsklubs Zamalek und Al Ahly gehörten zu den grössten und am besten organisierten Gruppen auf der Strasse. Wer im Nachhinein aber behauptet, Al Ahly, ein Verein, für den mitunter auch Mubarak selbst schwärmte, sei der Verein der Revolution gewesen, der verkennt die Realitäten im chaotischen Ägypten.

Al Ahly war und ist vor allem eines: ein Volksklub. Der Verein, der in seiner über hundertjährigen Geschichte auf 122 Titel kommt (eine Zahl, von der Barcelona oder Bayern nur träumen können) und der als erster afrikanischer Klub überhaupt bei einer Klubweltmeisterschaft eine Medaille gewinnen konnte, hat Fans aus allen Lagern und Schichten. Seine Fans wie auch seine Spieler befanden sich während der verwirrenden Zeiten auf beiden Seiten der Revolution. Zu glauben, dass in einem Land, das so tief zerrissen ist wie Ägypten, das seinen Wohlstand und seine Stabilität in den letzten Jahrzehnten gerade auch der Brutalität des regierenden Polizeistaats verdankte (eine traurige Erkenntnis, ich weiss), von heute auf morgen Frieden und Eintracht einkehren könnte, ist etwa so absurd wie die Behauptung, Muslime seien aufgrund ihrer Religion gar nicht zur Demokratie fähig.

Der englische Komiker Eddie Izzard hat einmal gesagt, es gebe Dimensionen des Todes, bei denen wir nicht mehr rational verarbeiten können, was hinter den Zahlen steckt. Bei denen wir das Gefühl bekommen, wir müssten den Verantwortlichen beinahe ein «well done» zurufen, weil Worte wie «Mörder» einfach nicht mehr ausreichen. Dafür müssen wir nicht einmal bis zum Holocaust oder den Toten in Hiroshima gehen. Mir ganz persönlich reichen schon 74 Tote in Port Said. Deswegen weiss ich auch nicht, was an jenem Abend dort geschehen ist.

Ich weiss nur dies: Der FC Al Ahly war mein erster Heimverein. Ich verfiel ihm, als ich sechs Monate in Kairo lebte und eines Abends auf die Strasse trat und keine Taxis mehr fuhren. Ich dachte erst, es sei Krieg ausgebrochen. Stattdessen war es nur das Stadtderby zwischen Ahly und Zamalek. Leider habe ich den Kontakt zu meinen ägyptischen Mitfans schon vor einiger Zeit abreissen lassen. Deswegen weiss ich auch nicht, ob mein Lieblingstaxifahrer Said oder der Kaffeehausbesitzer Muhammad einfach eine neue Handynummer haben. Oder ob die Tatsache, dass ich unter den Nummern, die ich vor Jahren in ein nun vergilbtes Notizbuch gekritzelt habe, niemanden mehr erreiche, eine viel düsterere Realität verbirgt.

Well done, Egypt.

Etrit Hasler trägt derzeit wieder den ersten Fussballschal, den er sich je umgebunden hat, und spricht nicht über Fussball mit Menschen, die Sätze sagen wie «So etwas hätte auch in Zürich passieren können».

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