Nr. 11/2015 vom 12.03.2015

«Es wird wohl niemand zur Rechenschaft gezogen»

Fussballfangruppen gehören zu den einflussreichsten unabhängigen Organisationen in Ägypten. Das Regime bekämpft solche Ultras fast so heftig wie die Muslimbruderschaft.

Von Sofian Philip Naceur, Kairo

Fast drei Jahre lang waren Fussballfans in Ägypten von den Ligaspielen ausgeschlossen. Dies, nachdem bei einem Massaker im Stadion von Port Said am 1. Februar 2012 74 Fussballfans getötet und knapp 1000 verletzt worden waren.

Erst im Dezember 2014 hob Ägyptens Fussballverband das Zuschauerverbot auf und machte den Weg frei für eine teilweise Rückkehr der Fans auf die Ränge. Im Confederations-Cup-Final des afrikanischen Fussballverbands CAF im Dezember führten die Ultras – der harte Kern der Fans – von Ägyptens Rekordmeister Al-Ahly Kairo sogleich eine beeindruckende Choreografie vor, bevor ihr Team gegen Séwé Sport aus Côte d’Ivoire den Titel gewann: Die Ultras Ahlawi, die grösste Ultragruppe des Klubs, präsentierten in sieben Sprachen und imposanter Grösse den Slogan «Fussball für die Fans».

Doch nur zwei Monate nach Lockerung des Zuschauerbanns ist der Spielbetrieb in Ägyptens Premier League eingestellt worden. Am 8. Februar waren vor dem Spiel zwischen Al-Ahlys Erzrivalen Zamalek SC und dem zum gleichnamigen Erdölkonzern gehörenden ENPPI Club nach dem Ausbruch einer Massenpanik mindestens 19 Zamalek-Anhänger getötet worden. Zamaleks Ultragruppe White Knights (UWK) spricht gar von 22 Toten (vgl. «Das Unglück vom 8. Februar» im Anschluss an diesen Text).

Fans als Gefahr für den Staat

Der Slogan «Fussball für die Fans» widerspricht den kommerziellen Interessen vieler Vereine in Ägypten. «Sie bauen prachtvolle Stadien, aber wie die Leute reinkommen, interessiert sie wenig», sagt Mina, der Mitglied der UWK ist und seinen richtigen Namen nicht nennen will, gegenüber der WOZ. «Dabei gehen wir Fans ins Stadion, um unsere Mannschaft anzufeuern, nicht um Krawall zu machen.»

Ägyptens Ultras sind nicht mit gewaltbereiten rechtsradikalen Hooligans in Europa vergleichbar. Sie entstammen meist der Mittelschicht und haben eine antiautoritäre, eher apolitische Haltung. Ihr Kampf sei ein Kampf um Freiheit in den Stadien und um den öffentlichen Raum, meint James M. Dorsey, Kodirektor des Instituts für Fankultur der Universität Würzburg.

Trotzdem werden Ägyptens Ultras vom Staat als Gefahr wahrgenommen. Neben der Muslimbruderschaft und einigen unabhängigen Gewerkschaften in der Textilindustrie gelten die Ultras Ahlawi als zahlenmässig grösste und stärkste staatsunabhängig operierende Organisation. Der Staat versucht unbeirrt, jegliche unabhängig organisierten Netzwerke im Land zu verhindern.

Verschwörung oder Massaker?

Der Sicherheitsapparat reagierte auf die jüngsten Vorfälle auf altbekannte Weise und liess Dutzende UWK-Mitglieder wegen angeblicher Angriffe auf Polizisten, Sachbeschädigung und Vandalismus verhaften. Laut AnwältInnen und Angehörigen wurden mindestens 26 Fans von der Polizei unter Folter gezwungen zu gestehen, dass sie von der in Ägypten als Terrorvereinigung deklarierten islamistischen Muslimbruderschaft dafür bezahlt wurden, Unruhe zu stiften. Regierungschef Ibrahim Mahlab bezeichnete die Tragödie derweil als «Verschwörung», die das Ziel habe, das Land zu destabilisieren. Und die meisten Medien kolportierten die dubiosen Vorwürfe.

Auch Zamaleks umstrittener und streitsüchtiger Vorsitzender Mortada Mansur machte in der Presse Stimmung gegen die Ultras. Mansur, ein ehemaliger Verfassungsrichter, stand dem alten Regime des 2011 gestürzten Diktators Hosni Mubarak nahe und pflegt auch heute gute Beziehungen zum Regime.

Mansurs konfrontativer Kurs gegen die UWK ist vor allem deshalb brisant, weil die Ultras Ahlawi und die UWK während der Revolution 2011 eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Staatsmacht unter Mubarak spielten. Mansur wurde verklagt, weil er bezahlte Schläger gegen die auf dem Tahrirplatz ausharrenden RevolutionärInnen losgeschickt haben soll. Ein Gericht sprach ihn jedoch frei.

Nun wird über seine Rolle bei der jüngsten Massenpanik am 8. Februar spekuliert. Die UWK werfen Mansur vor, die Spannungen zwischen Fans und Polizei bewusst geschürt zu haben, indem er grosse Mengen an Tickets aufgekauft und Falschinformationen über das verfügbare Ticketkontingent gestreut habe. Überraschend wäre solch ein Manöver nicht, führt Mansur doch schon lange eine Hetzkampagne gegen die UWK und hat gar versucht, sie gerichtlich als Terrorvereinigung einstufen zu lassen. Im Gegenzug nannten die UWK den Vorfall ein «Massaker» und beschuldigten Mansur, für den Tod der Fans verantwortlich zu sein.

«Halb korrupt, halb inkompetent»

Ganz anders als Mansur versucht die Klubführung von Al-Ahly, Provokationen zu vermeiden. Al-Ahly-Präsident Mahmud Taher pflegt einen deeskalierenden Umgang mit den Ultras und hält Gesprächskanäle offen. Und die Strategie geht auf. Die Spannungen zwischen den Ahlawi-Ultras und der Staatsmacht von 2011 sind heute einer Art Tauwetter gewichen. Auch wenn Port Said nicht vergessen sei, wie ein Ahlawi, der anonym bleiben will, betont: «Die Polizei ist das Problem. Sie ist schlecht ausgebildet und käuflich. Also halb korrupt, halb inkompetent», meint er.

Die Ahlawis machen das Innenministerium für die jüngste Tragödie verantwortlich. Zum selben Schluss kommen sechzehn ägyptische Menschenrechtsgruppen, die in einer gemeinsamen Erklärung betonen, die Massenpanik am 8. Februar entspreche einem Muster und sei kein Einzelfall. Das Innenministerium wiederum beschuldigt Fans, das Stadion ohne Eintrittskarten gestürmt zu haben – ein skurriler Vorwurf, schliesslich werden meist nur Karten für die besseren Plätze ausgestellt, während Tausende Fans freien Einlass erhalten.

UWK-Mitglied Mina macht den Fussballverband, Zamaleks Klubführung und das Innenministerium für die Vorfälle verantwortlich. Der Polizei wirft er Fahrlässigkeit, aber keinen Vorsatz vor. «Ich habe nicht das Gefühl, dass es einen Plan gab, Menschen zu töten so wie damals in Port Said», sagt Mina. «Es war eher eine unglückliche Verkettung von Ereignissen.»

2012 in Port Said habe sich das Regime für die Rolle der Ultras bei der Revolution rächen wollen, sagt Mina. Derzeit habe das Regime wenig Interesse daran, dass Menschen sterben. Dennoch fordert er eine Aufklärung der Vorfälle. «Jemand muss zur Rechenschaft gezogen werden, aber ich glaube nicht, dass es so weit kommen wird. Port Said liegt drei Jahre zurück, und keiner ist verurteilt worden. Nun sind 22 Menschen tot, und niemand ist zurückgetreten.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch