Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Offroader auf vier Beinen

Yusuf Yesilöz über die Vorlieben von Wüstenscheichs

Auch in der Schweiz fahren viele Menschen eines von diesen grossen Autos, die auch «Offroader» genannt werden. Ist ein Offroader unterwegs und sind seine Scheiben getönt, nimmt man automatisch an, dass am Steuer ein Hüne von mindestens zwei Meter Grösse und 130 Kilo Gewicht sitzt. Sehr oft sieht man aber auch eine zierliche, kleine Frau am Steuer eines solchen Monsters.

Wie zum Beispiel meine frühere Nachbarin Jolanda, die jetzt am Stadtrand wohnt. Sie fährt ein Offroadermodell, das einst eine unterdessen vergessene Initiative der Grünen verbieten wollte.

Irgendwie kann ich mich an das paradoxe Bild nicht gewöhnen: Jolanda, die freundliche, schöne, zuvorkommende Frau, und das Riesenauto! Ich mag Jolanda, unternahm deshalb einiges, um sie dazu zu bewegen, dass sie dieses Auto verkauft. Einmal habe ich für sie sogar meine berühmte Linsensuppe gekocht. Ein anderes Mal hielt ich Jolanda einen Vortrag, dass ihre Karre übermässig viele Schadstoffe ausstosse, zudem Igel, Katzen, Velofahrer und auch Fussgängerinnen ganz besonders gefährde und auch noch böse Blicke (besonders von Frauen auf Fahrrädern) auf sich ziehen würde wie ein Magnet.

Jolanda jätete ihren Garten, würdigte mich nicht einmal eines kurzen Blicks.

Jolanda, die Mittvierzigerin, die ewig jung bleiben möchte, fuhr in ihrem grossen Auto weiterhin die Strasse an meiner Wohnung vorbei zur Kosmetikerin, ins Fitnessstudio und auch zum Einkaufen im Biolädeli. Etwas schlitzohrig war ich, als ich ihr dann erzählte, dass ich in einer der seriösesten Zeitungen Europas gelesen hätte, dass Offroader immer mehr von Wüstenscheichs gefahren werden, nicht aber von modernen Menschen des europäischen Kontinents.

Dann kratzte Jolanda sich nachdenklich an der Stirn, sagte später fast entschuldigend, dass sie sich an dieses Auto gewöhnt habe, sie habe viele schöne Erinnerungen an den Wagen und könne sich deshalb nicht von ihm trennen, genauso wie eine alte Frau sich nicht von ihrem Haustier trennen kann.

Als ich es dann schon längst aufgegeben hatte, Jolanda zu überzeugen, kam mir ein Prospekt eines ausländischen Reiseanbieters fast schon engelhaft zu Hilfe: Darin stand nämlich zu lesen, dass die Wüstenscheichs und ihre Frauen, die nach ewiger Jugend strebten, anstatt grosser Autos nun adlige Kamele in ihren Garagen hielten, jeden Morgen die Tiere melkten und dreimal pro Tag das Gesicht, die Hände und andere Körperteile mit Kamelmilch einrieben.

In der Broschüre war auch noch ein bärtiger Scheich im weissen Gewand mit seiner schönen, braunen Frau abgebildet. Unter dem Foto stand: «Meine Frau hat nun eine Haut wie die einer frischen Frucht.»

Bei meinem täglichen Spaziergang warf ich den Prospekt in den Briefkasten von Jolanda. Kommentarlos. Es soll ein Wunder geschehen sein: Eine Woche später berichtete mir der Nachbar Reto, dass ein Autotransporter mit ungarischem Kennzeichen hupend zwei Runden durch das Quartier gedreht habe mit Jolandas Jeep auf dem Rücken.

Ich hielt diese Freudenbotschaft noch für ein Gerücht, als mich am selben Abend Jolanda anrief, die wusste, dass mein Vater in Anatolien während zehn Jahren Kamele gehalten hatte, mit denen er interregional Frachten beförderte. Jolanda wollte wissen, welche Kamelrasse unser kaltes Klima gut vertrage und diese hautnährende Milch gebe.

Ich empfahl ihr die Rasse Umaniya, die ursprünglich aus dem Sultanat Oman stammt, aber sich ohne Mühe in die Alpen integrieren könne.

Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller 
und lebt in Winterthur. 
Sein letzter Roman «Hochzeitsflug» 
ist im Limmat-Verlag erschienen.

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