Nr. 47/2011 vom 24.11.2011

Etwa der Fifa-Blatter?

Yusuf Yesilöz über die Frage, wer eine grosse Persönlichkeit sei

Schon bevor sich die Frau mit den kurzen Haaren und der Brille mit rotem Gestell an die Kasse wandte, sagte der Mann hinter der Theke: «Regula, dini Mann isch sehr, sehr grosse Persönlichkeit!» Regula strahlte über das ganze Gesicht, genoss das Kompliment sichtlich. Hinter Regula stand ein stämmiger Mann, der einen Kopf grösser und doppelt so breit war wie sie. Er hielt eine Coca-Cola-Flasche in der Hand, prostete seiner Frau zu. «Ich habe gut gewählt!», bemerkte Regula verschmitzt und fragte meinen Landsmann, wie viel sie zu zahlen hätten. Dieser rechnete laut: «Du häsch eis Döner, Roger drü, das macht 32 Franken, du häsch eis Cola gha und Roger zwei, das macht nüün. Drei Portionen Baklawa machen zwölf Franken. Kaffee immer ufs Huus. Alles zäme macht das 53 Franken.» Regula bedankte sich für den Gratiskaffee und sagte: «Bis morgen, Ferhad!»

Nachdem Regula und Roger den Laden verlassen hatten, wollte ich von Ferhad wissen, warum der Roger eine sehr grosse Persönlichkeit sei, ob er beispielsweise eine grosse Bank leite oder eine grosse Schafherde besitze, im Sport oder auch im Kulturbereich eine Berühmtheit sei. Er wisse nicht einmal, was der Roger beruflich mache, antwortete Ferhad, das interessiere ihn auch nicht. Für ihn sei nur derjenige eine grosse Persönlichkeit, der auf einmal drei Döner Kebab verspeise und mindestens an drei Tagen in der Woche zum Döneressen komme.

Diese Ansicht entsprach mir nicht, und wir führten den ganzen Nachmittag eine rege Diskussion über die Kriterien, wer als eine grosse Persönlichkeit zu bezeichnen sei. Und ich zählte einige Namen auf: von bekannten Schriftstellern bis zu international anerkannten Wissenschaftlern, von Politikern, die seit über zwanzig Jahren im Parlament nur sitzen, bis zu Spitzensportlern.

Ich nannte auch einen katholischen Pfarrer, den ich sogar zu meinem Bekanntenkreis zählte. Nur dort hörte Ferhad mit dem Zubereiten der Dönerspiesse auf und blickte mich kurz voller Verwunderung an. Ferhad stellte sein Notebook auf die Theke und suchte über Google die Fotos von all diesen fünfzig Menschen, die ich aufgezählt hatte. Er betrachtete jedes Foto ganz genau und schüttelte jeweils verneinend den Kopf. Alle diese Männer und Frauen waren für ihn nicht gut genug, um wirklich als grosse Persönlichkeiten betitelt werden zu können. Denn die Körperfülle keines dieser Menschen entsprach der eines fleissigen Döneressers. Ich müsse mich bemühen, in diesem Land endlich richtige Persönlichkeiten kennenzulernen.

Bevor ich mich verabschiedete, fiel mein Blick auf die vergilbte Gratiszeitung, die er unter eine kleine Kaktuspflanze gelegt hatte. Ich griff nach der Zeitung. Über die ganze Titelseite mahnte Fifa-Präsident Sepp Blatter die homosexuellen Männer freundlichst, im Jahr 2022 in Katar während der WM keinen Sex zu haben, sonst würden sie sich ungeheuren Gefahren aussetzen.

Ich fragte Ferhad im Spass, ob er Sepp zu den grossen Persönlichkeiten zählen würde. Er holte seine Lesebrille hervor, studierte das grosse Foto. Mithilfe seiner Finger erkundete er die Körperfülle des Fifa-Präsidenten und schaute mich an: «Das ist eine sehr grosse Persönlichkeit.» Ich sagte ihm etwas schüchtern, dass der Name Blatters der Inbegriff der Korruption geworden sei, wie ich in den Zeitungen immer wieder lesen würde. Ferhad liess sich von mir nicht beeindrucken. Er betonte jedes Wort, diesmal auf Deutsch: «Er isch sehr, sehr grosse Persönlichkeit!»

Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Winterthur. 
Sein letzter Roman, «Hochzeitsflug», ist 
2011 im Limmat-Verlag erschienen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch