Kultour :

Nr.  16 –

Musik / Theater

Vielzahl leiser Pfiffe

Er ist ein im wahrsten Sinn des Wortes forschender Künstler: In seinen Theaterabenden untersucht der Komponist und Regisseur Ruedi Häusermann immer wieder von neuem die Möglichkeiten von Musik und Theater, sich gegenseitig Räume zu eröffnen und zu neuen Ausdrucksformen zu finden. Was daraus entsteht, sind überaus poetische Momente, verblüffend komische Situationen – und alles in allem ein wunderbar vieldeutiger Mikrokosmos: Text, Ton, Bild und Szene fügen sich zu einer übergreifenden Partitur.

Häusermanns Kompositionen sind Klangexperimente, in denen durch minimalste Verschiebungen und Bearbeitungen überraschende Hörerlebnisse möglich werden. Fragmente des Liedhaften tauchen kurz auf, verschwinden wieder und erzeugen spezifische Atmosphären. Inspiriert auch durch die gemeinsame Arbeit mit Christoph Marthaler, forscht Häusermann mit den MusikerInnen, bevor er mit den SchauspielerInnen zu proben beginnt.

Mit «Vielzahl leiser Pfiffe» – allein schon dieser Titel! – hat Häusermann nach «Der Hodler» (2010) eine neue Arbeit für das Zürcher Schauspielhaus entwickelt, in dem er in dieser Spielzeit auch regelmässig mit dem Ländlerabend «Kapelle Eidg. Moos» gastiert.
Adrian Riklin

«Vielzahl leiser Pfiffe» in: Zürich Schiffbau/Box, 
Sa, 21. April 2012, 20 Uhr (Uraufführung); Do–Sa, 
26.–28. April 2012, 20 Uhr, Mo, 23./30. April 2012, 20.15 Uhr sowie So, 29. April 2012, 19.15 Uhr. 
www.schauspielhaus.ch

Musik

Pierre Favre

Während einer ganzen Woche trommelt sich Pierre Favre im Kellergewölbe des Zürcher Theaters Stok durch ein Repertoire, das über fünfzig Jahre gewachsen ist. Der in Le Locle geborene Schlagzeuger feiert im Juni seinen 75. Geburtstag und kann auf eine reiche Geschichte zurückblicken. Der über dem Zyklus schwebende Slogan «Poetry in Motion» umschreibt die Arbeitsweise des Melodikers Favre treffend. Unzählige Gongs, Becken, Trommeln, Pauken, Kalebassen gehören zu seinem Instrumentarium, das er mit den verschiedensten Sticks und Besen bearbeitet.

Zu Beginn und zum Schluss der Woche spielt er solo. Am Mittwoch und am Samstag ist er mit dem Gitarristen Philipp Schaufelberger zu hören. Favre, der auch ein einfühlsamer Lehrer ist, könnte inzwischen eine Schlagzeugbigband auf der Bühne versammeln, die ausschliesslich aus ehemaligen SchülerInnen besteht – wie etwa dem nicht minder bekannten Lucas Niggli. Während der übrigen Tage im Stok spielt Favre mit The Drummers. In der aktuellen Formation sind Chris Jaeger Brown, Markus Lauterburg und Valeria Zangger mit ihm unterwegs.

Auf Favres Geburtstag hin erscheint bei Intakt Records eine 3-CD-Box, die seine Soloschallplatten «Drum Conversation», «Abanaba» und «Mountain Wind» aus den siebziger Jahren wieder zugänglich macht.
Fredi Bosshard

Pierre Favre in: Zürich Theater Stok, Mo, 23., 
bis Sa, 28. April 2012, 20.30 Uhr; So, 29. April 2012, 17 Uhr. Reservation: konzertreihe@korendfeld.ch

Wallis Bird

Oft ist es ein gutes Zeichen, wenn iTunes bei der Genrebezeichnung «other» vermeldet. So auch bei der irischen Songwriterin und Gitarristin Wallis Bird. Sie entzieht sich eindeutigen Kategorien und versteht es, sich mit ihrem vielfältigen Mix Gehör zu verschaffen. Das hat sie auf kleinen und grossen Bühnen, auf Reisen quer durch Europa bewiesen. Ihre verspielten Songs scheinen aus einem Geisterdorf zu stammen, das irgendwo an einer kalten Steilküste am Rand von Europa liegt. Songs, die sie dann mit Band einspielt und die im Londoner Stadtteil Brixton noch einen anderen Dreh erhalten. Sie tänzeln daher wie «Heartbeating City» oder erinnern wie «Dress My Skin …» und «In Dictum» an den alten Barden Donovan, der elektronisch aufgepeppt ins 21. Jahrhundert katapultiert wird. Eine vage Erinnerung an Punk und Elektropop schimmert dabei noch durch.
Fredi Bosshard

Wallis Bird in: Basel Kaserne, Di, 24. April, 2012, 20.30 Uhr; Konstanz Kulturladen, Mi, 25. April 2012, 20 Uhr; Luzern Schüür, Do, 26. April 2012, 20.30 Uhr.

Lesung

Al Imfeld übers Heilen

Seine Geschichten aus dem Napf sind legendär – um Sitten und Gebräuche des Luzerner Hinterlandes geht es da, zum Beispiel um das Zahnwehkreuz, einen Baum, zu dem Leute pilgern, die unter Zahnschmerzen leiden. Al Imfeld, der selbst aus dieser Gegend stammt und gleichzeitig ebenso intime Kenntnisse über Afrika besitzt, macht das Heilen in verschiedenen Kulturen zum Thema einer Lesung, die er anlässlich des 10-Jahre-Jubiläums des Vereins Homéopathes autour du monde Suisse in Zürich halten wird. HM Suisse leistet in Ländern, die unter Armut, Krieg oder Umweltkatastrophen leiden, Aufbauarbeit in Sachen medizinische Grundversorgung auf homöopathischer Basis. Aktiv ist der Verein vor allem in ländlichen Gebieten wie beispielsweise im Niger, wo in der Oase Iferouane für die Tuareg ein homöopathisches Ambulatorium im Entstehen ist.
Franziska Meister

Al Imfeld im Rahmen von «10 Jahre Homéopathes autour du monde Suisse» in: Zürich Zentrum Karl der Grosse, Do, 26. April 2012, 20 Uhr. 
www.hmsuisse.ch

Ausstellung

Pinocchio steckt in uns allen

«Bschiss!» – Der Titel der neuen Ausstellung im Museum.BL in Liestal ist eindeutig. Doch ist auch immer klar, was gelogen und was wahr ist? Und überhaupt: Evolutionär betrachtet ist Lügen ein absolutes Erfolgsprogramm. Zumindest in der Natur: Die grössten Überlebenskünstler sind jene Pflanzen und Tiere, die täuschen, was das Zeug hält. Fische tragen falsche Eier oder zeichnen sich Sand und Felsen auf die Haut, andere geben sich Form, Farbe und Aussehen eines Blatts. Die Ausstellung lädt dazu ein, den BetrügerInnen in der Natur auf die Schliche zu kommen.

Gerade weil die Lüge quasi in unserer Natur liegt und nicht alle, die sich ihrer bedienen, eine grosse Nase kriegen, spielt die Wahrheit in unserer Kultur eine so grosse moralische Rolle. Auf eine ethische Gratwanderung kann man sich auch in der Ausstellung begeben – am Gerüchte-generator testen, wie ein Gerücht entsteht; am Lügendetektor den Partner respektive die Freundin täuschen oder aber entlarven; und schliesslich sein Gewissen im Beichtstuhl erleichtern.

Die wohl überraschendsten Geschichten zum «Bschiss!» sind in einem «Lügenband» mit Texten von Schweizer AutorInnen vereint, der zur Eröffnung der Ausstellung erscheint.
Franziska Meister

«‹Bschiss!› Wie wir einander auf den Leim gehen» in: Liestal Museum.BL, Vernissage: Do, 19. April 2012, 18 Uhr; ab Fr, 20. April 2012, jeweils Di–So, 10–17 Uhr. www.museum.bl.ch

Kunst

Künstlerische Forschung

Welche neuen Formen von Interaktion und Wissenserweiterung ermöglicht eine Forschung, die auf künstlerischen Mitteln beruht? Welche besonderen Methoden und Zugriffe machen sie aus?

Ausgehend von diesen Fragen präsentieren auf einer Konferenz im Luzerner Kulturlokal Südpol unter dem Titel «we, the public» forschende KünstlerInnen ihre Projekte. Viele von ihnen mischen sich bewusst in öffentliche Zusammenhänge ein und versuchen, gesellschaftliche Problematiken zu erhellen. Die Relevanz solcher Arbeiten lässt sich somit durch einen direkten Zusammenhang mit der sozialpolitischen Realität untersuchen.

Veranstaltet wird die Konferenz vom Swiss Artistic Research Network, das aus sechs Mitgliedern besteht: Academy of Art and Design Basel, Bern University of the Arts, Ecole Cantonale d’Art du Valais, Geneva University of Art and Design, Zurich University of the Arts und Hochschule Luzern Design & Kunst; Mitglieder der Letzteren leiten die Konferenz. Anmeldungen von Interessierten sind erwünscht, gute Englischkenntnisse werden vorausgesetzt.
Adrian Riklin

«we, the public» in: Luzern Südpol, Do/Fr, 
26./27. April 2012. www.sarn.ch