Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

Festival

Tanzfest

Die Schweiz tanzt. Und das nicht nur auf Bühnen, sondern auch auf Strassen, öffentlichen Plätzen und unter Brücken. Am Samstag, 12., und Sonntag, 13. Mai 2012, findet in fast dreissig Schweizer Städten ein Tanzfest statt. Da wird das Bein geschwungen, was das Zeug hält. In St. Gallen lädt die Trachtengruppe zum Volkstanzbrunch mit Musik der Formation Toggenburger Gruess ein – Mittanzen ist erwünscht. In Basel gibts einen Street Dance Contest unter der Dreirosenbrücke, ein Paartanzwettbewerb lockt in Freiburg, in Luzern lädt ein geführter Tanzparcours «To Be in Dialog» an ungewohnte Orte in der Stadt ein, und auch in Zürich kann man einen Stadtrundgang machen, auf dem das «Tanzen unterwegs» gelehrt wird. Weitere Städte setzen die Liste origineller Tanzanlässe fort.
Nebst den Tanzanlässen, an denen Laien mittanzen können, präsentiert fast jede Stadt auch Performances und Aufführungen von professionellen TänzerInnen.
Silvia Süess

Tanzfest in: Aarau, Baden, Basel, Bern, Freiburg, Luzern, St. Gallen, Frauenfeld, Kreuzlingen, Zug, Zürich, Delémont, Belfort, Freiburg, Genf, Carouge, Meyrin, La Chaux-de-Fonds, Lausanne, Neuenburg, Sierre, Vevey, Bellinzona, Canobbio, Castione, Chiasso, Losone, Lugano, Mendrisio, Sa/So, 12./13. Mai 2012. www.dastanzfest.ch

Theater

Canetti–Motesiczky

Sie, eine Malerin aus reichem Hause – er, ein bettelarmer Schriftstellerphilosoph; sie, die Künstlerin, die ihren philosophischen Horizont erweitern will – er, der Denker, der in ihr das Künstlerische sucht: Auf den ersten Blick waren Marie-Louise Motesiczky (1906–1996) und Elias Canetti (1905–1994) nicht unbedingt füreinander geboren. Dann aber, als sie sich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten im Exil in London über den Weg liefen, blieben sie stehen – und verliebten sich ineinander.

Die literarische Kleinbühne, das Zürcher Sogar-Theater, führt seine schöne Serie szenischer Lesungen mit Texten von und zu EmigrantenschriftstellerInnen weiter: Unter dem Titel «Liebhaber ohne Adresse» wird der über fünf Jahrzehnte (1942–1992) umfassende Briefwechsel zwischen Motesiczky und Canetti von den SchauspielerInnen Graziella Rossi und Helmut Vogel auf die Bühne gebracht (Regie Hansjörg Betschart). Ohne Adresse? Marie-Louise begleitete Elias auch während dessen Ehe mit Veza Canetti – und sie schrieb weiter an ihn, selbst wenn sie manchmal weder seine Adresse noch seine Lebensumstände kannte. Motesiczky starb 1996 in London, zwei Jahre nach Canetti, der die letzten zwanzig Jahre mehrheitlich in Zürich gelebt hat.
Adrian Riklin

«Liebhaber ohne Adresse» in: Zürich Sogar Theater, Do, 10. Mai 2012, 20.30 Uhr (Premiere) sowie Fr–Mi, 11.–16., und So, 20. Mai 2012, 20.30 Uhr. www.sogar.ch

Ausstellung

Göhner wohnen

In den siebziger Jahren entbrannte eine hitzig geführte Debatte um die Wohnsiedlung Sunnebüel im zürcherischen Volketswil. Die Generalunternehmung Ernst Göhner AG hatte auf einer grossen Landparzelle und nach einer Umzonung von landwirtschaftlich genutztem Land gegen tausend neue Wohnungen auf der grünen Wiese erstellt. Die Empörung war gross. Die schnell hochgezogenen Wohnbauten, die zu einem grossen Teil vorgefertigt waren, wurden in Anlehnung an die DDR-Bauweise als Plattenbauten bezeichnet. Der Mangel an Kindergärten, Telefonkabinen, Arztpraxen und anderer Infrastruktur wurde beklagt. Von der erwartbaren Verslumung war die Rede.

ArchitekturstudentInnen der ETH Zürich veröffentlichten 1972 das Buch «Göhnerswil. Wohnungsbau im Kapitalismus. Eine Untersuchung über Bedingungen und Auswirkungen der privatwirtschaftlichen Wohnungsproduktion am Beispiel der Vorstadtsiedlung Sunnebüel». «Göhnerswil» wurde zum Schimpfwort, das für weitere Siedlungsgebiete Verwendung fand. Die Göhner AG baute zwischen 1965 und 1980 in den Agglomerationen von Zürich und Genf um die 9000 Wohnungen.

Mitte der achtziger Jahre wurde die in Greifensee gelegene Siedlung Müllerwis/Seilerwis unter Mitsprache der MieterInnen vorbildlich saniert und gilt seither als Vorzeigeprojekt für partizipative Sanierungen. «Göhnerswil» ist salonfähig geworden, und die grosszügigen Wohnungen sind begehrt.

Die Ausstellung «Göhner wohnen» dokumentiert den gesellschaftlichen Wertewandel seit der Hochkonjunktur der sechziger Jahre, die 1973 durch die Ölkrise ausgebremst wurde, und diskutiert das Thema Vorfabrikation am Beispiel der Siedlungen. «Göhner wohnen» ist als Wanderausstellung konzipiert und gastiert erstmals in der Göhner-Siedlung Webermühle im aargauischen Neuenhof.Fredi Bosshard

«Göhner wohnen» in: Neuenhof AG Göhner-Siedlung Webermühle, Do, 10. Mai 2012, 18 Uhr, Einführung mit Philip Ursprung, Benedikt Loderer, Fabian Furter und Patrick Schoeck. Do/Fr, 
10./11. Mai 2012, 16–20 Uhr; Sa/So, 12./13./19./20. Mai 2012, 10–16 Uhr; Mi, 23. Mai 2012, 14–17 Uhr; Do, 24. Mai 2012, 16–20 Uhr. www.gta.arch.ethz.ch

Walter Jonas

In der WOZ Nr. 2/12 erschien ein Porträt des Künstlers und Urbanisten Walter Jonas unter dem Titel «Oben auf dem Trichter wird flaniert». Die Anspielung bezog sich auf die von Jonas entworfenen Trichterhäuser, die als Lebensraum für eine autarke Gemeinschaft von gegen 2000 Leuten gedacht waren. Für den 1910 im Taunus geborenen Jonas waren der Städtebau und die Suche nach alternativen Wohnformen nur ein Betätigungsfeld. Er begann als Maler, in seinen Anfängen stark vom deutschen Expressionismus geprägt, und setzte sich später mit unterschiedlichen Stilrichtungen auseinander.

Nach einem Aufenthalt in Paris lebte Jonas ab 1935 in Zürich. Sein Atelier wurde zu einem bewegten Treffpunkt für die Kunst- und Literaturszene. 1942 tauchte dort auch Friedrich Dürrenmatt auf. Für den zehn Jahre jüngeren Dichter wurde Jonas zu einem wichtigen Gesprächspartner und zum literarischen Vermittler. Schon ein Jahr später erschufen sie in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar 1943 ein gemeinsames Werk. Die Radierungen von Jonas suchten den Dialog mit den Gedichten von Dürrenmatt. «Das Buch einer Nacht» erschien in drei Abzügen.

In der Walter Jonas gewidmeten Ausstellung im Centre Dürrenmatt in Neuenburg ist ein breiter Querschnitt aus seinem Schaffen zu sehen. Es finden sich neben zahlreichen Porträts, darunter einem besonders eindrücklichen von Dürrenmatt, auch Pläne, Zeichnungen und Modelle zu seinem visionären Konzept des Trichterhauses und der Intrapolis.
Fredi Bosshard

«Walter Jonas. Maler, Urbanist und Wegbereiter» in: Neuenburg Centre Dürrenmatt. Mi–So, 11–17 Uhr. Bis 15. Juli 2012. www.cdn.ch

Film

Beatocello

«Ich heiss Beatocello und möchts jetzt gmüetlich ha», singt der Mann, dazu schrummt er sein Cello. Als Kind haben wir die Kassette von Beat Richner tagein, tagaus gehört und auswendig mitgesungen. Das ist nun über dreissig Jahre her, die Kassette liegt bei mir zu Hause in einer Schublade – vielleicht werden sie meine Kinder bald hören –, und Beatocello gibt es weiterhin: Der Zürcher Kinderarzt Beat Richner spielt noch immer Cello, und auch als Arzt ist er noch immer tätig.

1992 eröffnete Richner eine erste Kinderklinik Kantha Bopha in Kambodscha, wo der Bürgerkrieg seine Spuren hinterlassen hatte. Mittlerweile sind es fünf Spitäler, in denen kostenlos über zehn Millionen kambodschanische Kinder behandelt wurden. Vierzig Jahre Beatocello, zwanzig Jahre Kantha Bopha – Georges Gachots Film «L’ombrello di Beatocello» erzählt vom humanitären und künstlerischen Engagement des 65-jährigen Arztes.
Silvia Süess

«L’ombrello di Beatocello» in: Luzern Stattkino, 
Do, 10. Mai 2012, 19 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs (weitere Vorführungen bis Mi, 23. Mai 2012); in: Basel Kultkino Atelier, ab Do, 10. Mai 2012, im Lunchkino, 
am So, 13. Mai 2012, 11 Uhr in Anwesenheit des Regisseurs; in: Chur Kino Apollo, So, 13. Mai 2012, 
18 Uhr, in Anwesenheit des Regisseurs. 
Weitere Vorführungen: www.gachot.ch

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