Nr. 20/2012 vom 17.05.2012

Der Unmögliche unter den gegenwärtig Möglichen

Von Brigitte Matern

Acht Jahre ertrug er den stumpfsinnigen Drill, dann hatte der Sohn eines russischen Landadeligen endgültig genug: Mit 22 Jahren verliess der Offizier die Armee und kehrte auch dem elterlichen Gut in Prjamuchino den Rücken, auf dem er 1814 zur Welt gekommen war. Er ging nach Moskau, um die deutschen Philosophen zu studieren, zog als ausgewiesener Hegel-Kenner und -Übersetzer weiter nach Berlin und gab schliesslich – wie er später in seiner «Beichte an Zar Nikolaus I.» schrieb – «die Philosophie preis und ergab mich der Politik».

Ein erster Paukenschlag war sein Artikel «Die Reaction in Deutschland», dessen Schlusssatz ihn in Revolutionärskreisen sofort berühmt machte: «Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!», erklärte er da und hatte prompt die Zensur am Hals. Er wich ins liberalere Zürich aus, wurde von den russischen Behörden zur Rückkehr nach Russland aufgefordert, floh nach Brüssel, wurde in Abwesenheit zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt, ging nach Paris, wurde ausgewiesen und kam wieder in Brüssel unter. Dabei hatte er sein Revolutionsbesteck noch gar nicht ausgepackt.

Zum unermüdlichen Agitator und Organisator wurde er erst, als 1848 eine Aufstandswelle über Europa hinwegrollte: Er kämpfte auf den Barrikaden von Paris, warb in Polen für den Sturz des Zaren, setzte in Prag und Wien der Habsburgmonarchie zu, half den badischen Freiheitskämpfern und leitete 1849 schliesslich den Aufstand in Dresden – alles vergeblich. Er wurde in Sachsen (und noch einmal in Österreich) zum Tod verurteilt, dann an Russland ausgeliefert und nach Sibirien verbannt. 1861 gelang dem vom Skorbut Aufgeschwemmten die Flucht, und sofort war er wieder zur Stelle, wo immer es gegen den Staat ging. Dabei trat er derart überzeugend für Selbstverwaltung und ein herrschaftsfreies Leben ein, dass in diversen Ländern (wie auch der Westschweiz) eine starke anarchistische Bewegung entstand.

Wer war der 1876 in Bern verstorbene Freiheitspropagandist, den Karl Marx einen «Esel und Intriganten» nannte und der von sich selbst sagte, er werde «der unmögliche Mensch bleiben, solange die jetzt möglichen Menschen so bleiben, wie sie sind»?

Wir fragten nach dem russischen Anarchisten Michail Bakunin (1814–1876). Neben dem «Kommunistischen Manifest» übersetzte er auch «Goethes Briefwechsel mit einem Kinde» von Bettina von Arnim ins Russische. Sein wichtigstes eigenes Werk ist «Gott und der Staat». Die «Beichte an Zar Nikolaus I.», in der Bakunin von seinem revolutionären Leben erzählt, schrieb er 1851 im Gefängnis. Als Bakunin 1871 aus der Internationale ausgeschlossen wurde, gründeten die AnarchistInnen im jurassischen Saint-Imier ihre eigene, antiautoritäre Internationale.

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