Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Ausstellung

Wladimir Tatlin

Bevor sich Wladimir Tatlin (1885–1953) an der Moskauer Kunstfachschule einschrieb, arbeitete er auf einem Dampfer und lernte so das Schwarze Meer kennen. In Moskau und Pensa beschäftigte er sich mit Ikonenmalerei und kehrte zwischendurch immer wieder auf das Schiff zurück. Um 1914 besuchte er Berlin und Paris und war besonders von der Malerei der französischen Avantgarde beeindruckt. In seinem eigenen Werk führte diese Begeisterung zu einer eigenständigen Verbindung mit der russischen Tradition.

Tatlin, neben Kasimir Malewitsch (1879–1935) der wohl bedeutendste russische Künstler seiner Zeit, prägte die Kunstwelt mit und begann um 1914 mit malerischen Reliefs in den Raum vorzustossen. «Dem Dreidimensionalen ist es zu eng auf der Bildfläche», bemerkte ein Zeitgenosse um 1920 und sprach bereits vom «Tatlinismus». Das Spiel mit der und gegen die Schwerkraft hatte begonnen, nach der Oktoberrevolution von 1917 wurde es noch verstärkt – die junge Sowjetunion brauchte Symbole und Wahrzeichen. Tatlin entwarf 1919 ein Denkmal für die Dritte Internationale: einen 400 Meter hohen Turm mit Innenräumen, die um eine schräge Achse rotieren. Der Turm kam allerdings nicht über das Modellstadium hinaus, nur Skizzen und Fotografien blieben erhalten. Sie dienten als Vorlage für Modellrekonstruktionen und machten das Werk zur Ikone seiner Zeit.

Die umfassende Retrospektive «Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt» in Basel vereint über hundert Leihgaben aus den wichtigsten Museen und Sammlungen von Moskau und St. Petersburg, zeigt aber auch Werke aus Wien, Paris, Pensa, London, Thessaloniki und Athen. Darunter findet sich die visionäre Flugplastik «Letatlin», mit der Tatlin Kunst, Technik und Utopie zusammenbringen wollte.
Fredi Bosshard

«Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt» in: 
Basel Museum Tinguely, Di, 5. Juni 2012, 18.30 Uhr, Eröffnung mit Franz B. Humer, Roland Wetzel 
und dem Kurator Gian Casper Bott. 
Bis 14. Oktober 2012. Di–So, 11–18 Uhr. 
www.tinguely.ch

Festival

Bad Bonn Kilbi

Bis zum 33. Mai dauert dieses Jahr die Kilbi im freiburgischen Düdingen. Das Festival in Bad Bonn öffnet mit seinem Programm versteckte Türen und lässt uns in neue Welten eintreten, wie es Erich Kästner schon 1932 mit dem Kinderbuch «Der 35. Mai oder Konrad reitet in die Südsee» andeutete (siehe WOZ Nr. 49/11). Am Schiffenensee lassen sich, wie in all den Jahren seit 1991, Entdeckungen machen.

Dieses Jahr teilen sich 48 Acts die drei Bühnen. Zum Auftakt spielen Les Yeux Sans Visage aus Luzern, und der norwegische Nerd Erlend Oye von den Kings of Convenience quetscht sich noch vor Fai Baba und dem US-französischen Duo Beach House auf die Bühne, die dann Slidegitarre und Orgel heulen lassen. Am Freitag folgt gut Abgehangenes von Dieter Meier & Out of Chaos und noch besser Abgehangenes vom Dub Reggae Master Lee Scratch Perry & The White Belly Rats. Die britischen Metronomy sind noch im «Loading»-Modus, aber kurz vor dem Aufstieg in die Chefetage.

Für den Ausklang am Samstag sorgen unter anderem Mudhoney und The Afghan Wigs. Der Gitarrist Lee Ranaldo nagt noch etwas an der Sonic-Youth-Auflösung. Er bringt deshalb den SY-Drummer Steve Shelley mit und hält sich sonst an den Titel seiner vor kurzem erschienenen LP «Between the Tides and the Times». Ganz zum Schluss spielt die einheimische Metal-Legende Coroner und – wie immer an der Kilbi – bis der Morgen errötet: DJ Fett hinter den Plattentellern.
Fredi Bosshard

Bad Bonn Kilbi in: Düdingen Bad Bonn, 
Do, 31. Mai 2012, bis Sa, 2. Juni 2012. 
www.badbonn.ch

Theater

Ausarten!

Das Zürcher Theaterhaus Gessnerallee präsentiert im letzten Monat der Interimsleitung Catja Loepfe und Gunda Zeeb Arbeiten zum Thema «Ausartung». Denn das soll die Kunst: ausarten und neue Wege gehen, sich differenziert gebärden, über die Stränge schlagen und laut sein. Dafür laden Loepfe und Zeeb KünstlerInnen und Gruppen aus dem In- und Ausland ein, die im Juni die Bühnen an der Gessnerallee bespielen.

So etwa hat sich die Zürcher Gruppe Far a Day Cage um Regisseur Thomas Schweigen und Schauspielerin Vera von Gunten angesichts der fortlaufenden Verstädterung der Landschaften in den Urwald aufgemacht – und diesen im Bödmerenwald gefunden. Hier, in der «unwirtlichsten Gegend der Schweiz», die sich bis heute der Zersiedlung vollständig entzieht, lebten und probten die Theaterleute mehrere Wochen lang. Aus der Konfrontation mit der Natur ist «Urwald» entstanden, mit dem die Gruppe nun in die Stadt zurückkommt, um die urbanen ZuschauerInnen auf eine Reise zu den Ursprüngen zu entführen.

Des Weiteren arten im Juni auch Simone Truong, Cuqui Jerez, Forced Entertainment, Peeping Tom, 400asa, Ontroerend Goed, Kris Verdonck und andere KünstlerInnen aus. Den ganzen Monat können übrigens alle EinwohnerInnen aus den Zürcher Kreisen 6 und 12 gratis ins Theater.
Adrian Riklin

«Urwald» in: Zürich Theaterhaus Gessnerallee, 
Sa, 2. Juni 2012, 21 Uhr, Premiere. Mo–Mi, 4.–6., 
So/Mo, 10./11., Mi, 13., und Sa, 16. Juni 2012, 21 Uhr. 
www.gessnerallee.ch

Film

Frauen unter Einfluss

Wahrheit und Täuschung, Wahnsinn und Wirklichkeit – dies sind die Themen der Filme, die jeden Montag im Juni im Filmfoyer in Winterthur zu sehen sind. Im Zentrum stehen Frauen, die es mit der Realität nicht so genau nehmen.

Den Auftakt der Reihe «Women under the Influence» macht George Cukors Film «Gaslight» aus dem Jahr 1944 mit Ingrid Bergman in der Hauptrolle. Sie spielt die junge Paula, die mit ihrem Ehemann in das Haus ihrer ermordeten Tante zieht. Doch das eheliche Heim wird zur Horrorkammer für die Ehefrau: Hier geschehen unheimliche Dinge, die Paula glauben lassen, verrückt zu werden.

Auch leicht verrückt sind die beiden gealterten Schwestern in «What ever Happened to Baby Jane» (1962) von Robert Aldrich. Die beiden Diven Bette Davis und Joan Crawford spielen die zwei sich hassenden und doch unter einem Dach lebenden Schwestern grossartig. Ein Psychothriller, in dem zwei Charakterdarstellerinnen im hohen Alter nochmals zur Hochform auflaufen.

Mit «Persona» (1966) folgt ein Film des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman. Auch hier geht es um zwei Frauen: Eine Krankenschwester soll eine Schauspielerin, die verstummt ist, in einem Landhaus am Meer betreuen. Als letzter Film ist «A Woman under the Influence» (1974) von John Cassavetes zu sehen.
Silvia Süess

«Women under the Influence» in: Winterthur Filmfoyer, Di, 5. Juni 2012, 20.30 Uhr, «Gaslight». 
www.filmfoyer.ch

Literatur

Lesesessel

Ein kleiner, gewölbter Keller inmitten der Berner Altstadt: Das ist das «Ono», ein Kulturraum, in dem unterschiedliche Anlässe stattfinden. Konzerte, Ausstellungen, Theater, Tanz oder Lesungen – das Programm des Lokals ist vielfältig, und nebst grösseren Namen auf der Bühne gibt es immer wieder wenig bekannte Perlen zu entdecken.

Ein Schwerpunkt der Programmation des spartenübergreifenden Kulturlokals liegt in der Literatur. «Eine Bühne, ein Sessel, eine Leselampe, ein Tisch, ein Glas Wasser – und eine Person, die ihre schriftstellerischen Erzeugnisse vor einem interessierten Publikum zum Besten gibt», so beschreibt das «Ono» auf seiner Website die Reihe «Lesesessel». Nun lesen sechs AutorInnen aus ihren Werken. Aus Bern sind das der Dramaturg und Theaterautor Gerhard Meister, Lucia Vasella, die länger beim Radio Rabe tätig war, und die freischaffende Autorin Marina Bolzli. Sie hat für ihren ersten Roman «Nachhernachher» (2009) den Literaturpreis des Kantons Bern erhalten, ihr Zweitling «Innere Enge» erschien vergangenes Jahr. Ausserdem werden die Theaterautorin Gisela Nyfeler, der freischaffende Musiker Fabian M. Mueller und der Autor Dave Signer (nicht zu verwechseln mit dem «NZZ am Sonntag»-Journalisten David Signer) im Sessel sitzen und lesen.
Silvia Süess

«Lesesessel» in: Bern Ono, Mi, 6. Juni 2012, 20 Uhr. www.onobern.ch

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch