Nr. 22/2012 vom 31.05.2012

Was man tut, wenn man seine Tage füllt

Da sass ich Stunde um Stunde und las den «Reader’s Digest». Die Witze. Und dachte, so ist es also, das ist es nun, sie stirbt. Jetzt, in diesem Augenblick, hinter diesen Türen. Nichts hält an oder hält inne, wie wir es uns irgendwie und gegen unsere Vernunft einbilden. Ich dachte über Mutters Leben nach (…). Jeden Tag zur Arbeit, erst mit der Fähre, dann mit dem Bus. Einkaufen im alten Red-and-White, dann im neuen Safeway. (…) An einem Abend in der Woche runter zur Stadtbücherei mit mir im Schlepptau, dann fuhren wir mit dem Bus nach Hause, beladen mit Büchern und einer Tüte Weintrauben (…). Dann die Mittwochnachmittage, als meine Kinder klein waren und ich auf einen Kaffee vorbei ging, und sie uns mit dem Apparat (…) Zigaretten drehte. Und ich dachte, all diese Dinge kommen einem nicht gerade wie das Leben vor, wenn man sie tut, sie sind bloss das, was man tut, wenn man seine Tage füllt, und man denkt die ganze Zeit über, etwas wird aufbrechen, und dann, dann wird man im Leben sein. Gar nicht mal, dass man sich das sehnlich wünscht, dieses Aufbrechen, denn man hat es ja ganz bequem so, aber man erwartet es. Dann stirbt man, Mutter stirbt, und es sind bloss die Plastikstühle und Plastikpflanzen wie immer, und draussen ist ein ganz normaler Tag mit Leuten, die einkaufen gehen, (…) mehr ist nicht.

Alice Munro: «Vergebung in Familien» in: 
«Was ich dir schon immer sagen wollte».
Dreizehn Erzählungen. Aus dem Englischen
von Heidi Zerning. Dörlemann Verlag. 
Zürich 2012. Fr. 31.50.

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