Nr. 46/2017 vom 16.11.2017

«Ich knall mich voll, bis mich der Teufel holt»

Wie weiter, wenn die eigene Welt zusammengebrochen ist? Acht Geschichten vom Leben und Überleben.

Von Beat Schweizer (Texte) und Alice Bucher (Illustrationen)

Als ich mich nach über zwanzig Jahren in Italien wieder in der Schweiz niederliess, an meinem neuen Wohnort in Locarno meine Blicke über die total verbauten Hänge von Brione über Orselina nach Ronco bis hin nach Brissago schweifen liess, an den übers Jahr meist leeren Luxusvillen und Zweitwohnungen vorbeiwanderte, dachte ich immer wieder: Was für ein wahnsinniger, sinnloser Reichtum. Auf meinen Besuchen bei meinen alten Wirkungsstätten als Journalist in Bern, Zürich und Luzern staunte ich vor allem über die herrschende Sauberkeit und Ordnung. In Mailand, Rom und Neapel ist das Elend in den Städten überall sichtbar, das psychische und physische Leiden vieler Menschen oft allgegenwärtig.

In der Schweiz sieht man praktisch nichts davon. Bei Besuchen in den einschlägigen Beizen, in einer psychiatrischen Klinik und in einem Altersheim bekam ich aber ganz andere Lebensgeschichten zu hören. Und so entschloss ich mich, diesen Randständigen und Abgehängten, wie sie gemeinhin genannt werden, eine Stimme zu geben.

Weil sich diese Leute oft schämen, habe ich ihnen natürlich absolute Anonymität zugesichert. Es sind niederschmetternde Protokolle, die ich aufgrund meiner Notizen auf Papier und in meinem Kopf gerafft niedergeschrieben habe. Was sich im Schatten unserer Wohlstandsgesellschaft im Versteckten abspielt, sollte immer wieder ans Licht gezogen werden. Die Schweiz ist absolut kein Paradies, anders als ich es in Italien immer wieder zu hören bekam.

Peter, 51, Architekt

«Nach einem Alkoholexzess wache ich manchmal schon um fünf Uhr morgens auf und wanke mit dröhnendem Kopf und quälenden Magenschmerzen in meiner Wohnung herum. Wenn ich am Vorabend wieder einmal beschlossen habe, mit der Sauferei Schluss zu machen, suche ich vergeblich nach einer noch vollen Flasche. So ziehe ich mich an und spaziere wie in Trance Richtung Bahnhofbuffet. Dort stosse ich kurz vor sechs Uhr auf meine Leidensbrüder und -schwestern, die ebenso ungeduldig auf Einlass warten.

Eine halbe Stunde später ist die Welt wieder einigermassen in Ordnung. Die ersten Gläser Bier sind getrunken, wer genug Geld hat, spendiert eine Runde Wein. Zu diesem Zeitpunkt weiss ich, dass auch dieser Tag für mich gelaufen ist. Die Nüchternheit muss warten.

Ich bin ein sogenannter Quartalssäufer. Alle zwei bis drei Monate erwischt es mich, und ich lasse alles liegen, um mich sinnlos zu betrinken. In den letzten Jahren bin ich ab und zu im Spital gelandet, weil ich es aus eigener Kraft nicht mehr schaffte, mit der Sauferei aufzuhören. Es folgten Kuraufenthalte, Therapien, Versuche mit Antabus – alles mehr oder weniger ohne Erfolg.

Ich habe zweimal geheiratet, zweimal bin ich geschieden worden. Mit 35 Jahren war ich einer der bekanntesten Architekten im Land, heute muss ich mich mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Alte Freunde geben mir hin und wieder einen Auftrag, bei dem ich mir die Zeit selber einteilen kann. Wenn ich nüchtern bin, leiste ich immer noch gute Arbeit.

Eigentlich bin ich ein Familienmensch. Mit Frau und Kindern an der Seite fühlte ich mich aufgehoben und habe sehr schöne Zeiten in meinem Leben gehabt. Die Flasche habe ich aber nie ganz stehen lassen können. Der Drang, durch die Bars zu ziehen, war immer wieder stärker als alles andere. Der Drang war immer wieder stärker als jede Vernunft. Ich will dann jeweils einfach abschalten, alles vergessen und den Moment geniessen.

Durch meine Alkoholsucht bin ich zum Aussenseiter geworden. Ich habe das für mich akzeptiert. Die Gesellschaft interessiert mich nicht mehr gross. Ich habe mich unzählige Male bemüht, meinen Mitmenschen klarzumachen, wie es um mich steht. Man stösst hie und da auf Verständnis, im Grunde genommen sind die Leute aber überfordert, wenn sie mit einem Suchtproblem konfrontiert werden. Sucht macht Angst.

Wenn ich nüchtern bin, läuft alles in seinen geordneten Bahnen. Wenn ich saufe, ist sofort Chaos. Ich habe sicher zehn Jahre lang intensiv an meiner Problematik gearbeitet. Jetzt habe ich genug. Ich lebe, wie ich kann. Und irgendeinmal werde ich im Suff wohl irgendwo liegen bleiben. Ich habe keine Illusionen mehr. So wie mir geht es Zehntausenden in diesem Land. Wer eine Macke hat, muss sich allein durchschlagen.»

Arlette, 42, Floristin

«Nun bin ich also wieder in der Klinik. Seit sechzehn Jahren bin ich nicht mehr in der Lage, ein geregeltes Leben zu führen. Als mich Thomas von einem Tag auf den anderen verliess, ist meine Welt zusammengebrochen.

Es ist bereits mein dritter Klinikaufenthalt in diesem Jahr. Ich sass zu Hause an meinem Tisch, vor mir eine Schale mit frischen Orangen. Ich hatte Lust, eine Orange zu essen, konnte diese aber einfach nicht in die Hand nehmen. Ich war wie gelähmt. So beginnen meine Depressionen.

Hier in der Klinik fühle ich mich einigermassen sicher. Ich weiss, dass jemand zu mir schaut. Wenn ich Menschen um mich spüre, lüften sich die schwarzen Schleier nach und nach. Natürlich muss ich auch Medikamente nehmen. Zu Hause, allein in meiner Wohnung, versinke ich immer wieder im Nichts.

Ich war bereits als Kind oft traurig. Meine Eltern haben sich ständig gestritten. Ich habe eine Lehre als Floristin gemacht. Blumen machen mir Freude. Als ich Thomas kennenlernte, ging ich erstmals in meinem Leben wie eine Blume auf. Ich konnte ihm alles erzählen, was meine Eltern nie hören wollten. Ich konnte mit ihm auch über meine Lebensangst reden. Wir waren sechs Jahre zusammen. Er war ein sehr zärtlicher Mann. Und dann verliess er mich. Er hatte sich in eine andere verliebt. In seinem Abschiedsbrief teilte er mir mit, dass er ein grausam schlechtes Gewissen habe. Heute ist er ein Familienvater.

Ich versank in eine fürchterliche Depression, verlor meine Stelle und kam erstmals in eine Klinik. Seither habe ich unzählige Male versucht, ein neues Leben zu beginnen. Ich habe Therapien gemacht, in Wohngemeinschaften gelebt, neue Stellen gefunden – immer wieder war es plötzlich von einer Stunde auf die andere wieder vorbei. Wer selbst nie eine wirkliche Depression gehabt hat, kann sich nicht richtig vorstellen, wie es mir dann geht. Es ist wie eine Lähmung, nein, schlimmer, weil ich dann noch fürchterlich Angst habe.

In der Nacht liege ich oft wach und träume von einem Mann wie Thomas. Damals fühlte ich mich lebendig. In den letzten sechzehn Jahren habe ich zwei kurze Beziehungen mit Männern gehabt. Ich musste diese Beziehungen wieder abbrechen, weil sich bei mir beim Geschlechtsverkehr alles verkrampfte. Ich habe wahnsinnige Sehnsucht nach körperlicher Wärme, kann sie aber nicht mehr erleben. Ich weiss wirklich nicht, wie es mit mir weitergehen soll.

In der Klinik fühle ich mich wenigstens einigermassen sicher. Hier haben alle ihr Leiden und sprechen offen darüber. Draussen findet die grosse Show statt. Ich habe viele Bücher über das Leben indianischer Stämme gelesen. Eigentlich möchte ich sterben und in einem solchen Stamm wiedergeboren werden. Als Frau eines Indianers, mit vielen Kindern.»

Winnie, 36, Bluessängerin

«Das Leben geht von Punkt A bis Punkt B. Bei mir ist alles sehr komprimiert – wie ein Orgasmus, der nicht aufhören will. Ich brauche viel ‹Benzin›, um das durchzuhalten. Auch Leute wie Janis Joplin, Brian Jones, Jimi Hendrix und Jim Morrison waren auf allerlei Drinks und Drogen angewiesen, um sich high zu halten.

Die Leute, für die ich spiele, sind meine Heimat, meine Familie. Wenn ich einmal in Fahrt bin, möchte ich ewig weitersingen, bis zur Erschöpfung. Deshalb dauern meine Konzerte oft drei bis vier Stunden. Nach jedem Auftritt falle ich in ein grauenhaftes Loch.

Ich stamme aus einer Künstlerfamilie. Meine Eltern gehörten in München zum Fassbinder-Clan. Meine Mutter gab mir die Namen Maria, Elisabeth, Annaberta, Henriette und Désirée. Ich habe mich schon in ihrem Bauch als Musikerin gefühlt. Geboren wurde ich dann als Crackkind, musste sofort einen Entzug machen, um überhaupt wachsen zu können.

Nach der Schule bin ich jahrelang durch die Welt getrampt. In New York habe ich mit schwarzen Musikern gelebt, in Sevilla mit der ganzen Flamencoszene. Ich mag die Welt, fühle mich aber als Fremde. Ich muss dauernd auftreten, ich muss mich dauernd produzieren, weil ich Angst habe, nicht geliebt zu werden. Wenn ich für mein Publikum spiele, fühle ich mich geliebt. Mein Publikum ist das Netz, das mich trägt. Da ich nie aufhören kann, klappe ich hie und da zusammen und lande im Spital. Und dann geht es wieder von vorne los.

Das Leben geht von Punkt A bis Punkt B. Man wird geboren, man lebt, man stirbt. Ich möchte wie eine Wunderkerze abbrennen. Auf der Bühne lebe ich meinen Orgasmus und bin gleichzeitig hellwach. Ich komme in jede Stadt als Liebende, die sich völlig hingibt. Ich agiere ständig als Närrin am Abgrund, auf des Messers Schneide. Wir, die echt leben, sind Reisende, Seeleute. Wir sind oft verwundet worden.

Ich bin dünnhäutig, verletzlich. Ich fühle mich wie eine Prinzessin aus der Unterwelt. Der Tod ist immer bei mir. Ich knall mich voll, bis mich der Teufel holt. Widersprüche gibt es in meinem Leben nicht. Ich möchte alle, die ich liebe, festhalten. Ich möchte, dass die magischen Momente ewig dauern.

Ich habe viele Männer zuerst glücklich und dann unglücklich gemacht. Ich habe sie im Bett zum Wahnsinn getrieben und sie fallen lassen, wenn sie mir wie Hunde nachzulaufen begannen. Ich bin launisch wie das Leben. Wahrscheinlich werde ich nicht alt. Was solls. Lieber kurz leben als lange vegetieren. Wenn ich mich einsam fühle, bin ich verzweifelt. Die heutige Zeit ist eine kalte Zeit. Solange ich Kraft habe, bin ich ein Flammenwerfer. Der Tod ist mit mir, deshalb lebe ich so intensiv.»

Eva, 24, Verkäuferin

«Meinen Mann lernte ich vor drei Jahren in einem Warenhaus in Warschau kennen. Ich verkaufte ihm ein Paar Winterschuhe, und wir verabredeten uns für den folgenden Abend in einem Restaurant. Vier Monate später folgte ich ihm nach Bern. Bei uns in Polen sind viele Männer Alkoholiker, mein Schweizer Mann machte auf mich einen soliden Eindruck.

Hier in der Schweiz lebe ich völlig anders als damals in Warschau. Obwohl wir in meiner Familie immer zu wenig Geld hatten, ging es fröhlich zu und her, wir sangen, musizierten und tanzten zusammen. Es gab immer irgendwo einen Grund zum Feiern. Hier in der Schweiz lebt jeder für sich. Mein Mann hat praktisch keine Freunde, geht zur Arbeit und will am Abend seine Ruhe. Wir sitzen vor dem Fernseher und gehen höchstens zweimal pro Monat aus. Einmal zum Essen, einmal ins Kino oder so. Am Sonntag rasen wir über die Autobahnen, manchmal bis Frankfurt und wieder zurück. Mein Mann ist ein Autonarr. Wenn er am Fernsehen die Formel-1-Rennen verfolgt, lebt er auf.

Vor zwei Jahren verlor ich mein Kind im vierten Monat. Mir geht es seither nicht mehr besonders gut. Immer bin ich irgendwie krank und muss oft zum Arzt. Ich sehne mich heute wieder nach einem Kind, mein Mann hat Angst vor einer neuen Schwangerschaft. Er sagt, wir müssten jetzt ein wenig zuwarten. Mit einem Kind würde ich mich hier in der Schweiz sicher mehr zu Hause fühlen. So habe ich oft Heimweh nach Polen.

Wenn eines meiner Geschwister bei uns zu Besuch ist, gibt es immer Spannungen mit meinem Mann. Wir gehen dann in die Stadt, um uns ein wenig zu vergnügen, und kommen fröhlich nach Hause. Das verträgt mein Mann irgendwie nicht. Er ist dann noch wortkarger und reagiert hässig auf jede Kleinigkeit. Wenn meine Verwandten wieder weg sind, wird er wieder lieb, und ich kann ihm nicht mehr böse sein. Auf die Länge ertrage ich diesen Zwiespalt aber nicht.

Eines vertrage ich in der Schweiz überhaupt nicht: Weil ich hübsch bin, werde ich in der Stadt oft von Männern angesprochen. Wenn sie erfahren, dass ich Polin bin, werden sie oft zudringlich. Offenbar meinen die Schweizer, alle Polinnen seien leichte Mädchen, die mit jedem ins Bett hüpften. Das ist sehr erniedrigend.

Einmal versuchte ein Freund meines Mannes, mir zu Hause in der Küche an die Brüste zu fassen. Um meinen Mann nicht zu verletzen, sagte ich ihm nichts von dieser Geschichte. Seither lässt mir dieser Freund keine Ruhe mehr und ruft mich ständig an. Ich weiss nicht, wie ich mich verhalten soll.

Den Charakter der Schweizer und Schweizerinnen verstehe ich oft nicht. Sie sind meistens so verschlossen und zeigen keine Gefühle. Auf alle Fälle habe ich mir das Leben hier ganz anders vorgestellt. Wenn man keine materiellen Sorgen hat, sollte man doch zufrieden sein. Wenn mich jemand fragt, was ich hier vermisse, sage ich der Höflichkeit halber: Nichts. Für mich denke ich dann: Mir fehlen die Wärme und Herzlichkeit meiner Familie.»

Toni, 36, Dekorateur

«‹Alles beginnt mit dem Putzen des Bodens, und alles endet mit dem Putzen des Bodens› – diese Zenweisheit gibt mir Ruhe und Kraft. Und: ‹Es gibt keine Buddhaschaft ausserhalb des täglichen Lebens. Jeder Moment ist wichtig, jeder Moment ist einmalig.›

Seit ich den Aidsvirus in mir trage, habe ich mich intensiv mit Zenbuddhismus auseinandergesetzt. Mein wildes Leben in der Berner Schwulenszene betrachte ich heute wie eine Vorstufe zur Weisheit. Alles hat seinen Sinn im Leben.

Als ich erfuhr, dass ich krank bin, fiel ich zuerst in das berühmte Loch. Ich haderte mit meinem Schicksal, begann, schwer zu trinken und andere Drogen zu nehmen, und hatte nur noch schwarze Gedanken. Ich verkrachte mich mit meiner ganzen Umgebung und verfiel in tiefes Selbstmitleid.

Auf einem Trip nach London traf ich Harry, der im Sterben lag. Ich hatte an einem grauen Novemberwochenende völlig verzweifelt das erstbeste Flugzeug genommen, nachdem ich mich mit meinem Freund zerstritten hatte. Harry war der Freund eines alten Bekannten von mir, der diesen liebevoll betreute. Er lag völlig abgemagert in seinem Bett. Als ich an Harrys Bett sass und er mit mir zu sprechen begann, überfiel mich plötzlich eine unendliche Müdigkeit. Er erzählte mir in einfachen Worten, wie der Tod seinem Leben einen Sinn gegeben habe. Er habe das wahre Leben entdeckt, indem er sich Schritt für Schritt mit seiner Krankheit angefreundet habe. Zum Abschied schenkte er mir ein Büchlein des Zenmeisters Dogen.

‹Das Einfache ist das Ergebnis eines langen Prozesses› – das ist einer der Kernsätze von Dogen. Als ich wieder in Zürich landete, war ich ein anderer Mensch geworden. Ich wusste plötzlich, dass es keinen Sinn hat, vor irgendetwas davonzurennen. Ich begann, das Loch anzuschauen, in das ich gefallen war.

Zu Hause räumte ich meine Wohnung auf und füllte ungefähr fünfzehn grosse Kehrichtsäcke mit Dingen, die ich nicht mehr brauchte. Ich machte im Kamin ein Feuer und verbrannte Briefe und Fotos, die ich vorher immer wieder gelesen und angeschaut hatte. Dann setzte ich mich ans Telefon und erklärte meinem Freund, dass ich ihm nicht mehr böse sei. Die Beziehung sei für mich in dieser Form zu Ende, wir könnten uns aber weiterhin auf freundschaftlicher Ebene begegnen. Ich wolle im Moment ein wenig allein sein.

Jetzt führe ich ein stinknormales Leben. Obwohl ich immer öfter Schmerzen habe und laufend an Gewicht verliere, geht es mir gut. Ich ernähre mich gesund und verzichte auf alle Drogen. Ich will auch nichts von diesen neuen Medikamenten wissen. Viele Aidskranke klammern sich an das Wort ‹Hoffnung›. Hinter der Hoffnung lauert aber immer die Verzweiflung. Ich nehme alles, wie es kommt. Ab und zu, wenn ich irgendwo auf einem Berg an der Sonne sitze und ganz zufrieden bin, gönne ich mir sogar eine Zigarette. Meine Tage sind gezählt, und das ist gut so.»

Ronnie, 37, Schlagzeuger

Seit Jahren habe ich mein Revier nicht mehr verlassen. Ich bewege mich im Raum Bern–Thun–Solothurn. Da sind die Leute, die ich kenne. Wenn ich von der Notschlafstelle aus auf die Piste gehe, brummt mir meist der Kopf. Ich kratze das Münz der letzten Nacht aus meiner Tasche und bestelle mir ein Bier. Wenn ich getrunken habe, arbeite ich besser. Koks kann ich mir nicht mehr leisten, obwohl ich auf Koks die besten Umsätze gemacht habe.

Ich bin ein ausgezeichneter Musiker. Eine der ersten Rockbands der Schweiz habe ich am Schlagzeug zu Höchstleistungen getrieben. Weil ich zu viel soff und andere Drogen in mich versenkte, haben sie mich zum Teufel geschickt. Der Sound der Band hat stark gelitten. Ich bringe den magischen Touch. Die Band gibt es heute noch. Den Schlagzeuger haben sie immer wieder ausgewechselt. Keiner kam an mich heran. Was wären die Rolling Stones ohne Charlie Watts – Bullshit.

Heute spiele ich Klavier. Wenn ich den Tag hindurch gut gearbeitet habe, gehe ich in meine Lieblingsspunten und setze mich ans Piano. Wenn ich spiele und gut drauf bin, kommen den Leuten die Tränen. Der Ronnie sei halt schon ein Wahnsinnstyp, sagen sie dann und nippen an ihrem Wodka. Zu viel nehmen sie ja nie, sonst könnten sie am anderen Tag nicht in den Stollen.

Ich habe das klinische Auge. Wenn ich die Leute um fünf Franken angehe, stutzen sie meist zuerst. Da ich nicht abgerissen aussehe, wollen sie oft mit mir diskutieren. Ich bleibe knallhart und will einfach Geld. Viele meiner Kumpels sind abgedriftet. Sie sind zu weich. Das Leben auf der Strasse ist nichts für sentimentale Muttersöhnchen – die landen alle früher oder später in der Klinik.

Ich weiss genau, was ich will. Wenn ich an einem Tag dreissig Leuten einen ‹Schnegg› ausgerissen habe, bin ich zufrieden. Ich kann dann essen, trinken und schlafen. Das genügt.

Ich habe einen Sohn und eine Tochter. Beide studieren und wollen nichts von mir wissen. Ihre Mutter ist knallhart wie ich, hat sich in der Gesellschaft aber halten können. Ich mag den ganzen Firlefanz nicht. Meine Freiheit ist die Strasse.

Ich kenne viele Intellektuelle. Das sind meine Vorzugskunden. Ich könnte hier Namen nennen, und alle würden aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Ich habe aber mein Berufsgeheimnis und sage nichts. Ich gehe mit ihnen in die nächste Beiz und lasse mir einen Calvados oder einen Cognac bezahlen und höre zu. Sie erzählen mir ihren Scheiss und wissen, dass er bei mir gut aufgehoben ist. Ich könnte als Schnorrer gar nicht existieren, wenn ich nicht diskret wäre. Ich habe noch nie jemanden hochgehen lassen. Was ich höre, behalte ich für mich. Der Raum Bern–Thun–Solothurn ist seit fünfzehn Jahren mein Revier. Ich könnte ein Buch schreiben, werde es aber nie tun. Dann würde ich arbeitslos. Meine besten Freunde sind ebenso verschlossen wie ich. Es gibt aber ganz wenige. Alle anderen können das Wasser nicht halten. Ich koste fünf Franken und lebe so gut.»

Heinrich, 97, Käser

«Seit einigen Wochen gehe ich bereits vor der ‹Tagesschau› ins Bett. Seit sie mich hier im Altersheim vom siebten in den ersten Stock gezügelt haben, weiss ich, dass es nun endlich zu Ende geht. Ich hätte schon längst abfahren sollen.

Manchmal bin ich schon kurz nach Mitternacht wieder wach und kann dann nicht mehr schlafen. Dieser ewige Husten macht mich völlig kaputt. Seit vielen Jahren kommt mich hier im Altersheim niemand mehr besuchen. Ich bin mit meinen Gedanken allein.

Mit neunzig Jahren habe ich noch einmal geheiratet. Lina musste wenige Jahre später in ein Heim, weil ihr Kopf nicht mehr richtig funktionierte. Ich hatte sie zum Traualtar geführt, um dem Gerede in unserem Mietblock ein Ende zu setzen. In unserem Land muss ja alles seine Ordnung haben, das scheint das Wichtigste zu sein.

Mit meiner ersten Frau bin ich als gelernter Käser in den Krisenjahren nach Brasilien ausgewandert. Ich habe dort ein Stück Urwald gekauft und einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb auf die Beine gestellt. Dazu mussten wir das Land urbar machen und selber ein Blockhaus bauen. Wir haben gekrampft wie die Tiere. Mit der Zeit ging es uns aber recht gut, und wir waren glücklich. Im Jahr 1947 wurden wir überfallen und ausgeplündert und kehrten dann in unsere Heimat zurück.

Bis zu meiner Pensionierung arbeitete ich bei der Verbandsmolkerei. In den Ferien reisten wir per Car in ganz Europa herum. Unterwegs ging es mir immer gut, zu Hause langweilte ich mich oft. Früher habe ich immer die Wandergesellen beneidet. Ein Leben lang unterwegs, das hätte mir gefallen.

Auf den Lebensabend hier im Altersheim hätte ich verzichten können. Die ewigen Klagen der Insassen gingen mir so auf die Nerven, dass ich von einem Tag auf den anderen nicht mehr in den Speisesaal ging. Jetzt esse ich allein in meinem Zimmer. Meistens habe ich keinen Appetit.

Lina, meine zweite Frau, habe ich auf dem Friedhof kennengelernt. Wir besuchten die Gräber unserer verstorbenen Gefährten. Die Einsamkeit hat uns zusammengeschweisst. Hier in der Schweiz gehört man rasch zum alten Eisen. Zum Glück habe ich keine Kinder. Hier im Altersheim warten immer alle auf ihre Kinder. Und sind enttäuscht, wenn sie an einem Wochenende wieder nicht gekommen sind.

Ich habe mich eigentlich immer nur in der Natur wohlgefühlt. Vom siebten Stock aus hatte ich noch eine schöne Aussicht und konnte das Wechselspiel des Wetters beobachten. Jetzt kann ich nur noch den Baum vor dem Fenster betrachten. Als sich im Herbst die Blätter verfärbten, dachte ich, es sei jetzt wirklich Zeit, endgültig abzutreten. Der Tod hat mir nie Angst gemacht. In früheren Jahren habe ich noch an eine höhere Macht geglaubt. Heute bin ich dieser Frage gegenüber gleichgültig geworden. Irgendwie fühle ich mich wie eine Batterie, die langsam verbraucht ist. Wenn ich mich mit der Einsamkeit nicht hätte anfreunden können, wäre ich wohl schon längst verloren gewesen. Vielleicht hätte ich wie Lina einfach den Verstand verloren.»

Jacqueline, 26, Grafikerin

«Draussen schneit es, und ich sitze in meiner Wohnung und rauche. Das Frühstück hat mir, wie immer in letzter Zeit, nicht besonders geschmeckt. Ich esse, damit ich etwas im Magen habe. Es ist 10 Uhr, und ich weiss nicht recht, was ich heute soll. Das Aufstehen am Morgen macht mir Mühe. In der Nacht kann ich lange nicht einschlafen, und am Morgen bin ich wie gerädert, einfach todmüde. In den letzten Monaten habe ich oft bis Mittag durchgeschlafen. Dann ging es mir aber noch schlechter. Jetzt stelle ich den Wecker jeweils auf 9 Uhr.

Seit vierzehn Monaten bin ich arbeitslos. Nach der Lehre habe ich sechs Jahre gearbeitet, dann wurde ich wegrationalisiert. Zuerst machte ich mir keine grossen Sorgen. Endlich kann ich einmal machen, was ich will, dachte ich. Das Leben so richtig geniessen, in den Tag hinein leben, für mich kreativ sein. An den Stempeltagen wurde es mir dann schon bald mulmig in der Magengegend. All diese grauen Gesichter, in denen sich Hoffnungslosigkeit spiegelt. Zuerst hatte ich das Gefühl, nicht zu diesen Menschen zu gehören. Ich hatte doch immer sehr gut gearbeitet und würde schon wieder eine Stelle finden.

Nach sechs Monaten kam die erste Krise. Ich hatte an einem Weiterbildungskurs des Arbeitsamts teilgenommen, der mich fürchterlich langweilte. Ich sass wieder zu Hause und begann nun, wie vergiftet nach einer Stelle zu suchen. Gleichzeitig zerstritt ich mich mit meinem Freund, dessen gute Ratschläge ich einfach nicht mehr ertrug. Ich bin eigentlich eine Frau, die so redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Wenn etwas falsch läuft, bin ich es eigentlich gewohnt, mich dagegen zu wehren. Mein damaliger Freund erklärte mir immer wieder, dass ich diplomatischer sein müsse, lernen müsse, mich zurückzuhalten.

Es wurde Herbst, und ich war völlig frustriert. Im Sommer war ich noch meistens draussen in der Natur gewesen, jetzt verschanzte ich mich in meiner kleinen Wohnung und begann, übermässig zu essen. Ich wurde dick.

An Weihnachten heulte ich nur noch. Ich war bei meinen Eltern zusammen mit meiner Schwester und deren Familie. Sie war vor vier Jahren ebenfalls arbeitslos geworden und hatte dann geheiratet. Sie ist jetzt eine fantastische Mutter, und ich kann überhaupt nicht mehr mit ihr reden. Früher hatten wir es oft lustig zusammen. Ihr Mann kritisierte mich beim Essen, und ich rastete völlig aus. Er schwafelte etwas von Feministinnen, die in der Rezession plötzlich sehr kleinlaut geworden seien. So ein Mist.

Den Kontakt zu meiner Schwester habe ich abgebrochen. In den vier Jahren, in denen ich mit meinem Freund zusammen war, habe ich meine alten Freundinnen vernachlässigt. Das rächt sich heute. Ich fühle mich isoliert, und es gibt Tage, die wollen fast nicht vorbeigehen. Ich gehöre nirgends mehr dazu. Nach Weihnachten habe ich einen Kurs gemacht, bei dem man hätte lernen sollen, wie man sich gut präsentiert. Jetzt fühle ich mich noch schlechter. Ich weiss gar nicht mehr recht, wer ich eigentlich bin.»

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