Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

Rechthaberische

Für eine allfällige Sammlung in Stein zu meisselnder Worte wäre der folgende Satz aus der NZZ ein Kandidat: «Wenn sich auf globaler Ebene der innenpolitische Mikrokosmos spiegelt und umgekehrt, kann der Interessenausgleich nicht einer einzigen Verwaltungseinheit überlassen werden.» Die betrauten Abteilungen dürften bald einmal feststellen, dass es sich beim Spiegelbild auf der Ebene um eine Fata Morgana handelt und die Welt eine Scheibe ist.
Jürg Fischer

Verwechslungsgefährdete

Redewendungen gleichen sich manchmal wie ein Ei dem andern: «Umso verblüffender ist Sir Anthony Hopkins’ (74) Verwandlung: Der Oscar-Gewinner gleicht in seinem neuen Film ‹Hitchcock› dem legendären Regisseur wie aus dem Ei gepellt», schreibt das Programmheft «TVstar». Damit ist es noch nicht ganz beim Gelben vom Ei angelangt.
Jürg Fischer

Adjektipöse

Aufmerksamen LeserInnen entging nicht, dass der Artikel «Nur ein halber Hausarzt?» (WOZ Nr. 22/12) mit einem Foto des FMH-Präsidenten Jacques de Haller illustriert war, das vor Jahresfrist in ebendieser Zeitung schon einmal verwendet wurde; nun, damit ist der Konterfeite auf jeden Fall wieder zum vollen Hausarzt geworden. Dass er aber deshalb während zwanzig Jahren «im Genfer Innenstadtquartier Pleinpalais» praktiziert hat, kann nicht sein, wie einem noch aufmerksameren Leser aufgefallen ist. Das Quartier heisst nämlich nicht Plein-, sondern Plainpalais, also etymologisch eher flach als voll. Was das für Managed Care bedeutet, darüber kann nur spekuliert werden.
Jürg Fischer

Selbstverteidigende

«Mit Ausnahme von Israel gibt es nirgendwo mehr Anwälte als in den USA (270 pro Einwohner), jenem seltsamen Land, wo jeder eine Maschinenpistole kaufen darf (…)», erklärte das «Magazin». Wie sonst soll sich ein redlicher Bürger der zahllosen Anwälte erwehren?, fragen wir.
Karin Hoffsten

Vorausschauende

Auf die Frage «Welchen Song Ihres neuen Albums gefällt Ihnen am besten?», antwortete Charlotte Gainsbourg im Interview auf «Tages-Anzeiger Online»: «Mémoir». Genau dort wollen wir diesen herzigen kleinen, aber überflüssigen Akkusativ sorgfältig aufbewahren, bis wir wieder mal notfallmässig einen brauchen.
Karin Hoffsten

Geschwächte

«Daraus hat sie gelernt und sich darauf besinnt, wovon sie wirklich etwas versteht: von Taschen. Stark heisst ihr neu lanciertes Label (…).» «Schwach» hingegen nennt man die Beugung, die hier dem Verb angetan wurde. Doch vielleicht liegt die «Tages-Anzeiger»-Autorin ja damit im Trend, denn anderntags sagte der «Tagesschau»-Moderator zum Korrespondenten in Kairo: «Die Menschen in Ägypten haben das buchstäbliche Bad der Gefühle durchlebt heute: Genugtuung, Freude, aber auch Fassungslosigkeit und Ärger. Pascal Weber, welches Gefühl hat denn überwiegt?» Beim Angesprochenen zuerst Verwirrung, die er jedoch nach vier Sekunden überwindet hatte. Obwohl auch uns das buchstäbliche Bad der Gefühle bis zum Hals steht, sind wir überzogen: Der Trend wird sich durchsetzen.
Karin Hoffsten

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