Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

Birkenstock und Rohkost (in der WOZ)

Die WOZ-Redaktion ist ein Ausbund tugendhafter Ernährung und Bekleidung. Alles andere wäre ja eine Enttäuschung.

Von Franziska Meyer

«Du arbeitest jetzt bei der WOZ? Echt? Dann solltest du dir schleunigst ungefärbte Wollpullis in Erdfarben aus Fairtrade-Produktion kaufen und die Stöckelschuhe gegen Birkenstöcke und Camelboots tauschen!» Neugierig, amüsiert und leicht besorgt wurde ich an einer grossen Tafelrunde bei Raclette und Weisswein gemustert.

Ich grinste und schwieg.

Ich amüsierte mich über den Irrtum, dem meine Freundinnen, Freunde und Bekannten gegenüber den GenossInnen der WOZ, zu denen ich jetzt ja auch gehöre, aufsitzen. Zugleich amüsierte ich mich über mich selbst, da ich diesem Irrtum ebenfalls erlegen war.

Die Tafelrunde versank in den Hintergrund, und ich sann den ersten Begegnungen mit meinen MitWOZlerInnen nach. Eines schönen Wintertages hatte ich eine unsägliche Lust auf ein Tomaten-Mozzarella-Sandwich verspürt. Eine Sünde, ich weiss. So war es mir von meinen Eltern eingetrichtert worden: all die schönen Lebensmittel, die im Winter verboten sind, weil man nur saisonale Gemüse und Früchte essen darf. Das fand ich schon immer frustrierend, da gerade diese Dinge den Winter erträglicher machen. Zugegeben, ich fühlte mich etwas schlecht ob dieses unkontrollierbaren Drangs, aber die Lust war letzten Endes doch stärker als mein moralisches Gewissen.

So kam ich mit meinem Sandwich auf der WOZ an. In einem unbeobachteten Moment schlich ich mich in die Küche, da die Tomaten nicht nach Tomaten schmeckten, was zu erwarten gewesen war, und mit möglichst vielen Gewürzen geändert werden musste. Ich war alleine. Dachte ich jedenfalls. Da nahten Schritte, und die Aufbesserung war noch nicht abgeschlossen. Jesses! Ich beeilte mich, wollte das Sandwich irgendwie irgendwo verstecken, fand aber leider keine Möglichkeit. Eine Redaktorin betrat die Küche, guckte unbeeindruckt auf das Sandwich, wünschte guten Appetit und bereitete sich einen Salat aus Hors-sol-Gurken, Tomaten und Treibhausbasilikum zu. Ich wünschte ebenfalls einen guten Appetit und tat, als sei ein griechischer Salat bei minus zehn Grad Celsius die normalste Sache der Welt. Jedenfalls liess ich mir nichts anmerken, schmunzelte über das Klischee, auf das ich hereingefallen war, über meinen eigenen Irrtum und freute mich über dessen Widerlegung.

«Dann kannst du jetzt ja gar nicht mehr deinen komischen Essgewohnheiten folgen? Was machst du denn, wenn du wieder mal deine Muffins-und-Cola-Phase hast?», wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. «Oh doch!», erwiderte ich, «das geht prima.» Und ich erzählte von jenem Redaktor, der täglich fünf Halbliter Milch trinkt und dazu Flips oder Schokomandeln isst, was mich nachhaltig beeindruckt und beruhigt hat – ein Freipass, um meinen eigenen Gelüsten ohne Hemmungen zu frönen. «Aber ihr kocht und esst zumindest alle zusammen am Mittag?» Nein, nein, auch das ist ein Irrtum. Das Essen wird mit Vorliebe vor dem Computer, stehend beim Tresen und, wenn gemeinsam, dann schweigend zeitunglesend an einem grossen Tisch eingenommen. «Da verhalten wir uns nicht viel anders als ihr an euren Arbeitsplätzen», versuchte ich zu erklären und glaubte, eine leichte Enttäuschung in einigen Gesichtern wahrnehmen zu können.

Die Tafelrunde wurde lebhafter, und die Gespräche drehten sich nebst Gott und der Welt um die Kleiderordnung bei der WOZ, die ich noch gar nicht richtig erläutert hatte. Auch da musste ich sie enttäuschen, indem ich das Klischee vom klassischen WOZler mit Wollpulli und Birkenstock nicht bestätigen konnte. Zumindest, was die Wollpullis in Erdfarben betrifft. Womöglich habe ich meine Freunde, Freundinnen, Bekannten und die Bekannten von Bekannten desillusioniert, da ich ihre verklärten Vorstellungen von der WOZ als Irrtum enthüllt habe; aber gerade um solche Aufklärung bemüht sich ja die vorliegende Rubrik.

Nun wäre abschliessend noch die Birkenstockfrage zu klären, aber auch da ist die Antwort enttäuschend: Auch wenn ferienhalber nicht alle WOZlerInnen da waren und ich daher nicht alle Sommerschuhe begutachten konnte, habe ich bis auf meine Birkenstockflipflops keine anderen gesichtet …

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