Nr. 35/2012 vom 30.08.2012

Schwerwiegender Fund

Wo Licht ist, weiss Karin Hoffsten, ist auch Schatten

Wo sich in Zürich die Flüsschen Sihl und Limmat näher kommen und die Stadt ihr urban-romantisches Image pflegt, strahlte er ziellos vor sich hin: ein Handscheinwerfer, orange, rund vierzig Zentimeter lang, mit grossem Reflektor. Schwer lag er in der Hand – ein Prachtstück.

Weil ein freies Theater Licht jeglicher Art immer brauchen kann, erwogen wir, die Lampe unserem Fundus zuzuführen, doch dann sahen wir die Gravur: SBB. Und weil ein freies Theater auch eine Ehre hat, beschlossen wir, den Fund zurückzubringen. Kollegin D. übernahm das.

Nun ist der Zürcher Hauptbahnhof seit Jahren eine Baustelle mit zahllos wuchernden Tentakeln, weshalb D. schon nach wenigen Schritten auf einen Bauarbeiter stiess. Freundlich fragte sie den Mann, ob die Lampe eventuell an seinem Arbeitsplatz abgängig sei, wies darauf hin, dass es sich um SBB-Eigentum handelt, und wollte ihm die Lampe in die Hand drücken. Der Mann wehrte ab, als begegne ihm der Gottseibeiuns, und zeigte unter «No, no, no!»-Rufen in Richtung Bahnhof.

D. wanderte weiter. Die Lampe wog mindestens ein Kilo, aber jetzt wollte sie es wissen. In der Bahnhofshalle wandte sie sich an einen Mitarbeiter in orangefarbener Leuchtweste. Auch der wollte nicht zugreifen, sondern beschied ihr freundlich, die Lampe doch ins SBB-Fundbüro zu bringen. «Aber der Besitzer ist ja klar», versuchte es D., «es steht SBB drauf. Kann ich das Ding nicht einfach bei Ihnen lassen?» Nichts. Sie musste sich auf die Suche nach dem Fundbüro machen.

Dort warteten noch andere, nach zwanzig Minuten war D. dran. Stolz legte sie ihren Fund vor den Beamten. «Die habe ich an der Limmat gefunden und möchte sie zurückgeben», sprach sie, doch sie spürte: Dem Mann war unwohl. «Es tut mir leid», meinte er, «aber so was dürfen wir hier nicht entgegennehmen. Die müssen Sie zum städtischen Fundbüro in der Werdstrasse bringen.» D. traute ihren Ohren nicht; langsam, doch stetig wich ihr Stolz leise köchelnder Wut.

«Diese Lampe gehört der SBB, ich hab sie gefunden, und das hier ist das Fundbüro der SBB!», verschärfte sie die Tonlage. Dem Mann gings gar nicht gut. «Das sind die Vorschriften!», sagte er mit rosigen Wangen, «wir dürfen hier nur Sachen entgegennehmen, die von Reisenden vergessen worden sind. Alles andere muss ins städtische Fundbüro.»

Jetzt habe sie das schwere Ding bis hierher geschleppt und werde es ganz sicher nicht weiter zur Werdstrasse schleppen, erklärte D. und hielt dem Mann mit einem auffordernden «Heben Sie mal!» den Scheinwerfer hin, doch erst beim Satz «Ich kann ihn natürlich auch mit nach Hause nehmen» griff er zu.

Auf dem Heimweg sann D. darüber nach, ob sie die Bürokratie-Stopp!-Initiative der FDP nicht doch hätte unterschreiben sollen.

Karin Hoffsten lebt in Zürich und
 macht regelmässig Theater.

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