Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Wenn Rote Red Bull ordern

Intercomestibles beliefern nicht nur die Zürcher Alternativszene mit Getränken. Die Firma schafft seit 25 Jahren den Spagat zwischen flachen Hierarchien und wachsendem Umsatz.

Von Susi Stühlinger (Text) Und Ursula Häne (Foto)

Laut wird es noch am ehesten bei der Frage, was mit dem Gewinn zu tun ist: Luis Wäschle, Barbara Hunziker, Thomas Zürcher und Beat Schegg im Lager der Intercomestibles.

Luis Wäschle ist zufrieden mit seinem Job. «Vorher habe ich konventionell gearbeitet: hierarchische Strukturen, der Chef ein Arschloch und so weiter – ich wusste, dass es das längerfristig nicht sein kann.» Jetzt ist Wäschle Fahrer beim Getränkelieferanten Intercomestibles, wo er bereits als Teenie zu Hausbesetzerzeiten sein Bier einkaufte. «Als ich hier anfing, war das die pure Befreiung», sagt er. «Dass man auch so arbeiten kann – und nicht etwa in einer Hippiebude, die so vor sich hindümpelt, sondern in einem seriösen Business.» Wäschle verschwindet auch schon wieder, heute ist Tochtertag. Wie die meisten bei Intercomestibles arbeitet er Teilzeit.

Was Wäschle sagt, fasst gut zusammen, was Intercomestibles, die heuer ihr 25-jähriges Bestehen feiern, ausmacht. Intercomestibles waren zuerst ein Laden im Zürcher Kreis 4 mit Lebensmitteln und speziellen Bieren aus aller Welt. Gegründet hat ihn 1987 der Krimi- und WOZ-«100-Wörter»-Autor Stephan Pörtner. Ende der achtziger Jahre begann man mit Getränkelieferungen, zur Kundschaft zählte neben alternativen Gastronomiebetrieben zuvorderst die Hausbesetzerszene. Mitte der Neunziger verkaufte Stephan Pörtner das Unternehmen an die Stammbelegschaft. 2001 musste der Lebensmittelladen aus Rentabilitätsgründen schliessen, der Getränkehandel lief weiter. Heute beschäftigen Intercomestibles in der Hochsaison bis zu 65 MitarbeiterInnen und verbuchen einen Jahresumsatz von mehr als 16 Millionen Franken. Und versuchen trotzdem, so viel wie möglich im Kollektiv zu entscheiden.

Beat Schegg, Geschäftsleitungsmitglied, seit zwanzig Jahren bei Intercomestibles mit dabei, sagt: «Früher haben alle fast alles gemacht: Bestellungen aufgenommen, im Lager gearbeitet, ausgeliefert. Doch irgendwann erreichte der Betrieb eine Grösse, wo klare Verantwortungsteilungen nötig wurden.» Es sei schon vorgekommen, dass sie einen Kunden verloren hätten, weil es bei den vielen Teilzeitstellen schlicht unmöglich sei, dass stets derselbe Chauffeur kommt, der die Gewohnheiten von jedem Kunden in- und auswendig kennt. Umso wichtiger sei ein guter Service – «auch weil bei uns der eine oder andere vielleicht ein paar Piercings, ein Tattoo mehr hat.»

«Ein Räppligeschäft»

Martin Hüppi zieren keine Piercings und auf den ersten Blick auch keine Tattoos, dafür gedeiht ihm ein beachtlicher Kinnbart. Die ersten Anlaufstationen auf seiner Tour mit dem roten Lieferwagen sind die Gemeinschaftszentren Bachwiesen und Loogarten. Auf die Sackkarre hievt er Harasse mit Bier, Mineralwasser, Cola und Bioeistee und stapelt sie in den ebenerdig zugänglichen Kellern. «Klar gibt es beliebtere und weniger beliebte Lieferadressen», sagt Hüppi, «zu Letzteren gehören die Orte mit engen, steilen Treppen.» Rückenschmerzen hat er aber nie.

Zum Kundenkreis zählen längst nicht mehr nur alternative Lokale, sondern auch ein grosses Hotel oder die Alters- und Pflegeheime der Stadt Zürich. Und bei allen Verpflichtungen zur Nachhaltigkeit, bei der flachen Hierarchie – das Geschäft muss sich rechnen. Doch jeden Kunden nimmt man nicht: «Wir sind keine Gesinnungspolizei», sagt Beat Schegg, «aber irgendwo hat es Grenzen. Zu Leuten, die offen mit rassistischem, homophobem oder anderem jenseitigen Gedankengut in Verbindung stehen, müssen wir sagen: ‹Sorry, es gibt auch andere Getränkehändler in der Stadt.›» So weigern sich die Intercomestibles-Leute bis heute, den alkoholfreien Sekt Rimuss ins Sortiment aufzunehmen, der vom bekannten Rechtskonservativen Emil Rahm aus Hallau lanciert wurde.

In Zürich-Altstetten hält Martin Hüppis roter Lieferwagen vor dem «Obsidian», einem fünfzehnstöckigen Glaspalast, wo eine international tätige Consulting-Firma mit Valser Wasser und Colafläschli beliefert werden will. Hüppi holt gerade den Rest der Ladung aus dem Auto, als der Lift hysterisch zu hupen beginnt, die Tür sich schliesst und die vor die Lichtschranke gestellten Harasse einklemmt. Mit den Kunden habe er nie irgendwelche Auseinandersetzungen gehabt, sagt Martin Hüppi. «Es kommt vor, dass einer ein grösseres Fest organisiert und ein wenig im Stress ist. Das bekommt man dann auch zu spüren, ist aber nichts Wildes.»

«Der Getränkehandel ist ein Räppligeschäft», sagt Beat Schegg. Und ein hartes Pflaster. Falls es Gewinn gibt, reinvestieren Intercomestibles dies in bessere Löhne oder die Infrastruktur. «Der Druck nimmt zu, die Konkurrenz geht unten rein mit den Preisen und bezahlt dafür ihren Fahrern Löhne weit unter dem Niveau von Intercomestibles.» Ungebrochen ist auch die Dominanz der Grossunternehmen: Coca-Cola, Nestlé – und Carlsberg/Heineken mit drei Vierteln Marktanteil beim Bier. «Nur 12 Prozent des Biers in der Schweiz stammen von unabhängigen Brauereien. Bei Intercomestibles sind es hingegen 91 Prozent», sagt Schegg.

Barbara Hunziker ist im Bestellbüro für den Kontakt mit der Kundschaft zuständig; sie arbeitet seit 23 Jahren bei Intercomestibles und ist somit «Dienstälteste». Sie erinnert sich, wie es war, als Valser von Coca-Cola übernommen wurde: «Ein wirklich schönes, traditionelles Wasser, nette Leute auch – und dann, ein halbes Jahr nach der Übernahme, ist das ganze Personal ausgetauscht, und du hast es mit einem gesichtslosen Grosskonzern zu tun.»

Während es beim Mineralwasser gelinge, die Kunden von Alternativen zu den Grosskonzernprodukten – etwa dem Appenzeller Wasser der Mineralquelle Gontenbad – zu überzeugen, harzt dies bei anderen Produkten noch: «Wir hätten dreizehn Cola-Alternativen im Angebot», sagt Thomas Zürcher, der seit drei Jahren bei Intercomestibles in der Verkaufs- und Geschäftsleitung tätig ist. «Doch entweder haben die Gastrobetriebe Verträge mit den Grosskonzernen und müssen deren Produkte beziehen. Wenn nicht, wollen sie oftmals trotzdem Coca-Cola. Da ist noch bei der Hälfte unserer Kundschaft Potenzial für Alternativen.» Oder Red Bull: «Die Alternativsten der Alternativen wollen nicht auf Red Bull verzichten», sagt Beat Schegg. «Wir können uns schon überlegen, Red Bull aus dem Sortiment zu streichen, aber das kostet dann vielleicht drei Arbeitsplätze.»

In der Autonomen Schule sitzen dicht gedrängt MigrantInnen aller Altersstufen. Ein Kühlschrank, den die Getränkehändler der Schule für einen Anlass ausgeliehen haben, ist am Vortag vergessen gegangen. Hüppi bugsiert das Ding vorbei an den Sitzbänken. Was er an seinem Arbeitsplatz gern verbessern würde? «Ich weiss nicht, ob es damit besser würde, aber ich fände es schön, wenn die Hierarchie im Betrieb noch flacher wäre, so wie früher – aber vermutlich würde das nicht klappen, der Laden ist dafür mittlerweile wohl zu gross.»

«Die Idee ist, dass möglichst viele Leute die Firma mittragen», sagt Beat Schegg, «doch es ist klar, dass bei der Grösse, die unser Betrieb mittlerweile erreicht hat, nicht immer alles von allen von Grund auf diskutiert werden kann.» Das mit dem «Mittragen» funktioniert so: Fest angestellte MitarbeiterInnen können im Verein mitmachen, der die Mehrheit der Intercomestibles-Aktien besitzt. Vierzig der fünfzig Festangestellten tun dies und haben je eine Stimme. Zweimal jährlich wird an einer Sitzung Innerbetriebliches diskutiert und entschieden. «Wir sind kein klassischer Szenenkollektivbetrieb», sagt Schegg. «Es gibt bei uns viele Mitarbeitende, die aus einer völlig anderen Ecke kommen. Und von sechzig Mitarbeitenden interessieren sich nicht unbedingt alle gleich für die Selbstverwaltung.» Dafür habe er auch Verständnis.

Getränke als Dividende

Selbstverwaltete Betriebe haben bekanntlich auch ihre Schwierigkeiten. Zum Beispiel dann, wenn Grundsatzdiskussionen losbrechen. Hoffentlich gebe es die ab und zu, sagt Beat Schegg: «Gehässig wurde es selten – laut am ehesten noch bei Diskussionen, wie der allfällige Gewinn reinvestiert werden soll. Da wollten die einen lieber eine bessere Infrastruktur oder mehr Ferien, die anderen sagen: ‹Scheiss auf Ferien, ich will mehr Lohn!›» Die «Dividenden» zahlen Intercomestibles übrigens in Form von Getränken an ihre Aktionäre aus – ob die Intercomestibles-Leute ein Lieblingsgetränk haben? Auf eins lasse sich das nicht reduzieren, sagen alle und lachen.

Das Gebäude des Zürcher Lehrbetriebsverbands ist eine Baustelle. Unter Gehämmer und Gebohre absolvieren hier SchülerInnen den Berufseignungstest «Multicheck», und Martin Hüppi liefert Henniez. Im Kopierraum weist ein Lehrer darauf hin, dass die neuen Harasse unter die angebrauchten zu stapeln seien. Er habe nichts anderes im Sinn gehabt, meint Hüppi geduldig. Es ist die vorletzte Station auf Hüppis Tour. Danach wird er noch eine ETH-Kantine beliefern. Nach seinem Lieblingsgetränk gefragt, lächelt Martin Hüppi: «Es ist wohl etwas ungewöhnlich für jemanden, der im Getränkehandel arbeitet – aber am liebsten mag ich Sirup.»

Intercomestibles feiern am Samstag, 
22. September 2012, an der Binzstrasse 23 
in Zürich ihr 25-Jahre-Jubiläum. 
Mehr dazu auf www.intercomestibles.ch.

Alois Gmür, Politiker und Brauer

Bier für die Linken, Referat für die Rechte

Am letzten Wochenende war es wieder so weit: In Zürich organisierten AbtreibungsgegnerInnen aus dem Lager der christlichen Rechten einen «Marsch fürs Läbe», ein loses linkes und feministisches Bündnis hielt lautstark dagegen.

Eine bemerkenswerte Rolle spielte dabei Alois Gmür. Der Schwyzer CVP-Nationalrat hielt am Marsch eine Rede. Zugleich ist der Unternehmer aus Einsiedeln in linken Kreisen als Bierlieferant bekannt: Seine Kleinbrauerei Rosengarten AG beliefert etwa die Berner Reitschule, das Aarauer Konzertlokal Kiff und den Zürcher Getränkelieferanten Intercomestibles (vgl. «Wenn Rote Red Bull ordern»).

Gmürs offizielles Engagement gegen die Abtreibung dürfte nicht folgenlos bleiben. So sagt Beat Schegg, Geschäftsleitungsmitglied von Intercomestibles: «Wir haben Alois Gmür mitgeteilt, dass sein Auftreten am ‹Marsch fürs Läbe› sich nicht mit unseren Grundsätzen verträgt. Wie wir weiter in der Sache vorgehen, müssen wir erst mal intern diskutieren.»

In der Berner Reitschule, dem wichtigsten Abnehmer der Einsiedler Brauerei, war Alois Gmür bereits im Juni ein Thema. Der 57-jährige CVP-Politiker sprach sich in der Sommersession für eine Verschärfung des Asylgesetzes aus. Das gefiel im autonom geführten Kulturzentrum nicht allen, doch man hielt damals aufgrund von guten und langjährigen geschäftlichen Erfahrungen sowie mangels Alternativen am Bier aus Einsiedeln fest. Und heute? «An unserer Haltung hat sich nichts geändert», lässt die Mediengruppe der Reitschule verlauten.

Alois Gmür sagt auf Anfrage, dass er am «Marsch fürs Läbe» zwar eine Rede gehalten habe, aber nicht mitmarschiert sei und auch sonst mit dem Anlass nichts zu tun habe: «Ich bin als Stiftungsratspräsident des Spitals Einsiedeln angefragt worden, um über die Erfahrungen mit unserer Babyklappe zu referieren», sagt er. Negative Rückmeldungen zu seinem Auftritt habe er bisher keine erhalten.

Jan Jirát

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