Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Ausstellung

Die Wurst

«Wotsch wider emol en Äxtrawurscht», hiess es bei uns schnell mal, wenn uns als Kind etwas nicht passte und wir etwas anderes haben wollten. Eine Extrawurst, so lernten wir, ist nichts Positives. Ausser jene Extrawurst beim Metzger. Die bekamen wir als Kind jeweils frisch abgeschnitten in die Hand gedrückt und freuten uns riesig darüber. Noch heute kann ich mich an den Tag erinnern, als ich zum ersten Mal keine Extrawurst vom Dorfmetzger angeboten bekam: Es war das erste Mal, dass ich mich erwachsen fühlte – leider fühlte es sich nicht gut an.
«Die Wurst – Eine Geschichte mit zwei Enden» heisst die Ausstellung im Rätischen Museum in Chur, in der sich alles um das kulinarische Kulturgut dreht. Zu erfahren ist etwa, was an einer Hausmetzgete passiert, was die Wurst mit Astrologie zu tun hat, wie ein Wurstessen die Kirchengeschichte beeinflusst hat oder wie Würste früher hergestellt wurden. Ausserdem präsentieren in einer Wurst-Kunst-Aktion junge Bündner Kunstschaffende ihre Werke zum Thema.
Silvia Süess

«Die Wurst – Eine Geschichte mit zwei Enden» in: Chur Rätisches Museum, Fr, 12. Oktober, bis 3. März 2013. Öffnungszeiten: Di–So, 10–17 Uhr. Vernissage: Do, 11. Oktober 2012, 18 Uhr. www.rm.gr.ch

Tanz

Bewegte Passivität

«Ein Plastikbecher knickt ein. Ein paar Wolken drehen die Runde. Eine Grille zirpt»: Bewegung findet sich in jedem Ding, vermeldet die Presseabteilung des Theaterhauses Gessnerallee zur Tanzperformance «Passive Movement». In ihrer neuen Arbeit möchte die Regisseurin Lucie Tuma «die Passivität aus dem Pathologischen befreien und überprüfen, ob es wirklich an der Aktivität liegt, die Dinge ins Rollen zu bringen».
Fünf TänzerInnen, ein paar Spiele und liegen gebliebene, vergessene und vielleicht doch noch begehrte Gegenstände teilen sich die Bühne. Die Choreografie wird auf Bälle, abgelegte Turnschuhe, verwahrloste Sportgeräte, Scheinwerfer und Lautsprecher, auf menschliche und nicht menschliche Körper ausgedehnt. Was daraus entstehen soll, so Lucie Tuma und KumpanInnen: «ein Raum der Musse, der engagierten Unterhaltung und der konzentrierten Zerstreuung».
Silvia Süess

«Passive Movement» in: Zürich Theaterhaus Gessnerallee, Do, 11. Oktober 2012, 20 Uhr (Premiere) sowie Fr/Sa, 12./13., 20 Uhr und So, 14. Oktober 2012, 
18 Uhr. www.gessnerallee.ch

Festival

Culturescapes

Moskau und das kulturelle Leben der russischen Hauptstadt stehen im Zentrum des diesjährigen Culturescapes. Das Festival, das heuer zum zehnten Mal stattfindet, wählt jedes Jahr ein Land – dieses Jahr zum ersten Mal eine Stadt – aus und stellt dessen kulturelle Vielfalt vor. Zu sehen sind jeweils Theater- und Tanzvorführungen sowie Kunstausstellungen, Konzerte und Lesungen.
Die Eröffnung des diesjährigen Culturescapes macht die Basel Sinfonietta unter der Leitung von Philippe Bach. Gemeinsam mit dem Altro Coro, dem Chor der russischen Musikakademie Gnessin unter der Leitung von Alexander Ryzhinsky rekonstruiert die Sinfonietta das legendäre Jubiläumskonzert, mit dem die junge Sowjetunion 1927 den zehnten Jahrestag der Oktoberrevolution feierte. Die Auftragswerke des prächtigen Galakonzerts von damals stammen aus den Federn von Alexander Wassiljewitsch Mossolow, Leonid Alexejewitsch Polowinkin, Nikolai Andrejewitsch Roslawez sowie Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.
Im Anschluss an die Eröffnungsveranstaltung findet mit «Goldberg Reloaded» ein Nachkonzert des Perkussionisten Burhan Öcal und des Pianisten Alexey Botvinov statt. Weitere Veranstaltungen aus und über Moskau sind in Basel bis im Dezember zu sehen.
Silvia Süess

Culturescapes in: Basel verschiedene Orte, 
Mi, 17. Oktober, bis So, 2. Dezember 2012. Eröffnungskonzert: Stadtcasino, Mi, 17. Oktober 2012, 19.30 Uhr. www.culturescapes.ch

Literatur

Vladimir Arsenijevic

Dieser Tage reist Vladimir Arsenijevic durch die Schweiz. Der 47-jährige Schriftsteller, der WOZ-LeserInnen auch durch seine Gastbeiträge in diesem Blatt bekannt sein dürfte, gehört zu den bedeutendsten Stimmen der exjugoslawischen Literatur. Aufgewachsen in Pula, Split und Belgrad, besitzt er den serbischen und kroatischen Pass und ist als Autor, Kolumnist und Kulturvermittler in beiden Ländern präsent. Mit seinem Erstling, dem Antikriegsroman «U potpalublju» («Cloaca maxima. Eine Seifenoper») schaffte er 1994 den Durchbruch. Seine öffentlichen Auftritte, in denen er ungeschminkt das Geschehen in seiner Heimat kommentiert, bringen ihm nicht nur FreundInnen ein, wie unlängst eine scharfe Reaktion des Filmemachers Emir Kusturica auf eine seiner Kolumnen zeigte.
In seinem Vortrag «War Time Pop in Postwar Years» spricht Arsenijevic am Montag, 15. Oktober, an der Uni Basel über die Generation von SchriftstellerInnen, die sich während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien herausbildete und sich entschlossen hatte, ohne «postmoderne Verspieltheit» über den Krieg zu schreiben. Einen Tag später liest er im Slavischen Seminar aus seinem Buch «Minut: put oko sveta za 60 sekundi» (Eine Minute: Reise um die Welt in 60 Sekunden), das 25 kurze Geschichten versammelt, die in derselben Minute an unterschiedlichen Orten der Welt spielen.
Weitere Veranstaltungen mit Vladimir Arsenijevic finden am Donnerstag, 11., und Freitag, 12. Oktober 2012, an den Slavischen Seminaren in Zürich und Bern statt.
Silvia Süess

Vladimir Arsenijevic in: Zürich Slavisches Seminar, Do, 11. Oktober 2012, 18 Uhr; Bern Slavisches Seminar, Fr, 12. Oktober 2012, 18.15 Uhr. Vortrag «War Time Pop in Postwar Years» in: Basel Englisches Seminar, Mo, 15. Oktober 2012, 18.15 Uhr; Lesung aus «Eine Minute: Reise um die Welt in 60 Sekunden»: Slavisches Seminar Basel, Dienstag, 16. Oktober 2012, 20 Uhr.

Theater

Auf zum Südpol

Er ist ein Hansdampf in allen Gassen: Mal schreibt er einen Krimi und druckt ihn auf Packpapier vom Metzger, mal singt er vom Pfarrer, der mit Buben Kerzen zieht, «leider ohne Kleider», dann schreibt er Kolumnen über sein Leben als Rabenvater, macht eine Koch- oder eine Diashow oder Filme. Und zwischendurch schreibt er immer wieder einmal ein Theaterstück: Das neuste Werk des Berners Matto Kämpf ist nun im Schlachthaus-Theater in Bern zu sehen. «Schlachthuus Südpol» ist der Titel des Stücks, mit dem Kämpf mit der Gruppe Splätterlitheater das Kasperlitheater neu erfindet.
Winter 1911: Vier Expeditionen machen sich auf den Weg zum Südpol. Auf dem einen Schiff sitzen tollpatschige englische Lords, auf dem zweiten eine Crew Biologen, auf dem dritten Outdoorfanatiker und auf dem vierten schwermütige NihilistInnen. Die vier Schiffe bekämpfen sich und versenken sich gegenseitig, ein hungriger Eisbär ist auch im Spiel, und Harpunen fliegen durch die Luft. Auch im Puppentheater «Schlachthuus Südpol» geht es auf die gute kämpfsche Art richtig trashig zu und her.
Silvia Süess

«Schlachthuus Südpol» in: Bern Schlachthaus Theater, Fr/Sa 12./13., Di, 16., Do, 18., Di/Mi 23./24., Fr/Sa 26./27. Oktober 2012, jeweils 20.30 Uhr. 
www.schlachthaus.ch

Musik

Lisa Allemano Four

Instrumentalistinnen in der Jazzmusik sind noch immer eine Ausnahme. Eine von ihnen ist die kanadische Trompeterin Lisa Allemano. Seit 2003 ist die in Toronto lebende Musikerin im Quartettformat unterwegs, seit 2005 mit dem Altsaxofonisten Brodie West, dem Bassisten Andrew Downing und dem Schlagzeuger Nick Fraser. Die meisten Kompositionen der Lisa Allemano Four stammen von der Trompeterin selbst, ihre Formation wird oft mit dem legendären Quartett von Ornette Coleman mit Don Cherry, Charlie Haden und Billy Higgins oder Ed Blackwell verglichen. Ihr neustes Album, «Live at the Transac», erscheint diesen Monat, wer die Künstlerin lieber selbst live erleben möchte, kann dies dieser Tage in Zürich im Rahmen des Fabrikjazz Herbst/Winter tun.
Fredi Bosshard

Lisa Allemano Four in: Zürich Rote Fabrik, Clubraum, Mi, 17. Oktober 2012, 20.30 Uhr. 
www.rotefabrik.ch

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