Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

Haare (über Nacht ergraut)

Haare können nicht aufgrund eines Schocks ihre Farbe verlieren, denn sie bestehen aus toter Materie.

Von Sonja Wenger

Frankreichs Königin Marie-Antoinette soll es passiert sein, wie auch der schottischen Königin Maria Stuart und dem britischen Staatsmann Thomas Morus, um nur die Berühmtesten zu nennen: In der Nacht vor ihrer Exekution soll sich ihr Haar weiss gefärbt haben.

In der klassischen Literatur wie der Geschichtsschreibung herrscht eine seltsame Vorliebe für jenes Symbolbild, bei dem der Körper Schock, extreme Angst oder Schmerz sichtbar macht, indem er in kürzester Zeit starke Alterserscheinungen zeigt. Beispiele dafür finden sich im Talmud wie in der Bibel, in den Werken von William Shakespeare, Friedrich Schiller, Sir Walter Scott, Robert Byron oder dem Historiker Thomas Carlyle. Doch auch moderne Medien bedienen sich gern dieses Bildes. So berichtete die «New York Times» kurz nach der ersten Wahl von US-Präsident Barack Obama darüber, dass sich dessen Haar vom ersten Tag im Amt an grau gefärbt habe, und spekulierte, ob dies mit dem grossen Stress im Zusammenhang stehe, dem ein Präsident der USA ausgesetzt sei.

Bei so viel Prominenz wundert es nicht, dass sich auch die Wissenschaft schon seit langem mit dem Thema auseinandersetzt. Tatsächlich haben in den vergangenen Jahren diverse Studien gezeigt, dass die Erforschung jener molekularen Prozesse, die das Haar weiss werden lassen, zu einem besseren Verständnis darüber führen, wie der Körper altert.

Dass ein Haar über Nacht seine Pigmente (Melanin) verliert, darf allerdings für immer in die Kategorie Mythos verabschiedet werden. Ungeachtet dessen, ob irgendwann eine klar definierbare Ursache dafür gefunden werden kann, weshalb die Produktion von Melanin eingestellt wird – und ob Stress dabei eine Rolle spielt: Nie wird farbiges Haar plötzlich weiss. Haar ist biologisch gesehen tote Materie. Deshalb kann kein physiologischer Prozess, egal ob schnell oder langsam, die Farbe eines bestehenden Haars verändern. Es kann ausfallen, was zu kahlen Stellen führt; doch nur nachwachsende Haare ohne Melanin sind weiss.

Beide Vorgänge – das Ausfallen wie das weisse Nachwachsen – sind Teil des normalen Alterungsprozesses. Es ist nicht auszuschliessen, dass dieser durch innere und äussere Faktoren beeinflusst werden kann. Welcher Art diese Faktoren sind, ist bis heute jedoch unklar. So zeigt ein 2009 veröffentlichter Bericht eines Laborversuchs, dass im Alter der Abbau von Wasserstoffperoxid im Körper abnimmt und dieses die Produktion von Melanin behindern kann. Wasserstoffperoxid ist eine hochreaktive Verbindung aus Wasserstoff und Sauerstoff, die in Medizin und Industrie als starkes Bleich- und Desinfektionsmittel benutzt wird und in der Kosmetik auch Verwendung findet, um Haare zu blondieren.

Bei der Hypothese, dass Wasserstoffperoxid allein für das Ergrauen der Haare verantwortlich sein soll, sind allerdings Zweifel angebracht. Chemisch gesehen ist es zwar richtig, dass Wasserstoffperoxid die Vorstoffe von Melanin abbauen kann. Doch die Verbindung, die zum Beispiel bei der Immunabwehr produziert wird, ist für den Körper derart schädlich, dass er über ein hocheffizientes Enzym namens Katalase verfügt, dessen einziger Zweck es ist, Wasserstoffperoxid sofort zu spalten. Entsprechend gibt es in der gesunden Körperzelle eigentlich nicht genug Wasserstoffperoxid, um das vorhandene Melanin abzubauen.

Eine weitere 2011 im Fachmagazin «Nature» veröffentlichte Studie berichtet darüber, dass chronischer Stress und das dadurch ausgeschüttete Adrenalin – möglicherweise – die Selbstregulierung des Körpers negativ beeinflussen, die DNA schädigen und den Alterungsprozess fördern können. Von grauem Haar war dabei aber nicht die Rede.

Es ist zumindest vorstellbar, dass ein Schock oder eine andere physiologische Entgleisung die Melaninproduktion im Körper relativ rasch zum Erliegen bringen könnte. Davon wäre jedoch nur nachwachsendes Haar betroffen.

Im Fall der viel zitierten Geschichte von Marie-Antoinette dürfte also ihr weisses Haar am Tag der Exekution der Tatsache geschuldet sein, dass sie zuvor ein ganzes Jahr inhaftiert gewesen war – ohne Zugang zu Haarfärbemittel.

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