Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

Fantasy-Journalismus

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Fantasy-Journalismus

Es ist früher Nachmittag, beim «Blick am Abend» herrscht angespannte Nervosität: Noch fehlt die Titelgeschichte. «Ich habs!», ruft da Redaktor H.: «Bundesrat Burkhalter muss sicher bald wieder nach Paris – ich schreib mal was!»

Eine halbe Stunde später steht die Geschichte. Vor allem die Fotomontage auf der Titelseite begeistert die KollegInnen: Didier Burkhalter schaut einer Cancantänzerin unter den Rock. «Didier Burkhalter & die Pariserinnen – ‹Ich werde sicher hinschauen›», lautet die Schlagzeile.

«Wen halten wir für den seriösesten Bundesrat?», heisst es darunter, «Didier Burkhalter natürlich. Mann von Friedrun Sabine und Vater der Söhne Loïc, Nathaniel und Adrien. Jetzt wird sein guter Ruf aber auf eine harte Probe gestellt: Zu den Verhandlungen in Paris wird er ohne seine Familie anreisen.»

Der Haupttext zitiert aus einem Interview, das Burkhalter im französischen Fernsehen gab: «Aus irgendeinem Grund komme ich ja, also machen wir gleich das volle Programm.» Auf dem Foto daneben schaut im Kreise ihrer Söhne eine traurige Friedrun Sabine in die Kamera.

Natürlich erschien diese Geschichte nicht. In der kürzlich tatsächlich abgedruckten Version ging es um Roger Federers Reise nach Brasilien. Ihr Wahrheitsgehalt dürfte nicht wesentlich höher gewesen sein.

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