Nr. 51/2012 vom 20.12.2012

Schliesslich steigen die drei aus und begrüssen sich stumm. Wie es geht, wird nicht gefragt. Selbst wenn es jemandem bis anhin gut gegangen wäre – jetzt kommt Weihnachten.

Ein militaristisch veranlagter Onkel und seine baulichen Massnahmen: Der in Bern lebende Schriftsteller und Theatermacher Matto Kämpf erzählt in seiner weniger besinnlichen Weihnachtsgeschichte von einem Schlachtfeld unter dem Tannenbaum.

Von Matto Kämpf (Text) und Luca Schenardi (Illustration)

Peter parkiert seinen blauen Volvo auf dem Parkplatz unterhalb der Villa. Er schaut auf die Anzeige: 17:56. Vier Minuten zu früh. Im Radio läuft «Do They Know It’s Christmas?» von Band Aid. Peter weiss es.

Er nimmt den Plastiksack mit dem Geschenk für 
den Vater vom Rücksitz und legt ihn auf den leeren Beifahrersitz. Früher war seine Frau mit den Kindern bei diesen Weihnachtsfeiern dabei gewesen. «Der alljährliche Grusel», wie 
sie es genannt hatte. Doch nun fehlt sie schon das zehnte Jahr. Sie begründet das mit dem Wohl der Kinder. «Wäre dein Vater nicht so reich, er wäre längst im Irrenhaus», sagt sie, «doch mittels finanzieller Zuwendungen verpflichtet er alle auf seinen Wahnsinn.»

Peter schaut auf die Anzeige: 17:58. Karin hat noch zwei Minuten. Nach dem Tod der Mutter vor acht Jahren war der
 Vater für kurze Zeit etwas milder und umgänglicher geworden. Bei der ersten Weihnachtsfeier ohne die Mutter hatte er sogar auf die Krawatte verzichtet und den Weihnachtsabend in 
einem gelben Lacoste-Pullover bestritten, was den beiden Kindern seltsam leger erschienen war. Doch dann hatte der Vater den Bruder der Mutter bei sich aufgenommen. Der Onkel, 
der lange als verschollen gegolten hatte, lebt seither mit dem Vater zusammen in der Villa.

Der Onkel ist eine verkrachte Existenz, um die sich 
viele Gerüchte ranken. Als junger Mann sei er in der Fremdenlegion gewesen. Zurück in der Schweiz habe er sich mehrmals verschuldet und sich wiederholt ins Ausland abgesetzt. Auch sei er wegen illegaler Waffengeschäfte in Abwesenheit verurteilt worden. In Afrika habe er sich zuerst in diverse Kolonialkriege verwickelt, später in Tschetschenien in einer serbisch-orthodoxen Widerstandstruppe gegen Russland gekämpft und so sein halbes Leben in kriegsartigem Zustand verbracht.

Eines Morgens, kurz nach dem Tod seiner Schwester, 
sei er in einer löchrigen Guerilla-Uniform vor der Villa gestanden. Karin und Peter vermuten, dass ihn der Vater bis heute vor dem Zugriff der Polizei versteckt.

Das Einquartieren dieses Militärkopfs machte die Hoffnung von Karin und Peter zunichte, der Vater könnte durch das Alleinsein im Haus etwas zugänglicher werden. Im Gegenteil, der Onkel verstärkte die Zackigkeit des Vaters. Die beiden richteten sich fortan in einem forschen Befehlston an Karin und Peter, als ob sie sich gegenseitig in ihrer Martialität zu übertreffen versuchten. In den letzten beiden Jahren war der Onkel auffällig verwirrter als zuvor, doch die fortschreitende Demenz heizte leider seine Vehemenz noch an. Allerdings nur gegenüber Karin und Peter und der Welt im Allgemeinen. Was den Vater betraf, war der Onkel ein heuchlerischer Stiefelschlecker.

Peter blickt auf die Anzeige: 18:00. Er schaut in den Rückspiegel und sieht die Lichter von Karins Fiat. Sie parkiert neben ihm. Peter sieht Karin und Jimmy durch die beiden Autoscheiben. Beide wieder ein Jahr älter. Jimmy winkt. Karin schleppt Jahr für Jahr den armen Jimmy mit. Sie hat ihm 
mit der sofortigen Trennung gedroht, sollte er auch nur ein einziges Mal ausfallen. Jimmy begegnet dem wiederkehrenden Schrecken, indem er sich jeweils ab Mittag betrinkt. 
Um sechs erscheint er gewöhnlich in verschwommener Form auf dem Parkplatz, mehr Crash-Test-Dummy als Mensch, und ist kaum mehr ansprechbar. So auch heute. Im weiteren Verlauf des Abends wird er wahllos alles stumm in sich hineinschaufeln und -schütten, was in seine Nähe kommt. Aber Karin wird ihn brauchen, denn spätestens bei den Mailänderli, noch vor dem Singen, wird der Vater auf ihre Kinderlosigkeit anzuspielen beginnen und sie als «frigide Nonne» oder «evolutionären Sackbahnhof» bezeichnen. Das will Karin nicht allein über sich ergehen lassen müssen. Die Beleidigungen des Vaters gehen an Jimmy vorbei. Der ölige Schutzmantel aus Alkohol bewahrt ihn davor. Einmal pro Abend, meistens kurz vor dem Kerzenanzünden, erhebt sich Jimmy unvermittelt und ruft etwas in die Welt hinein. Früher sind die beiden Kinder einzeln zum Haus hinaufgestiegen. Das hatte zur Folge, dass die Pünktlichen bestraft wurden und jemand eine Viertelstunde allein mit den Eltern verbringen musste. Darüber hinaus wurden die Späterkommenden vom Vater in Abwesenheit beschimpft:

«Wer es an Weihnachten nicht schafft, verplempert auch sein Leben.»

Dies galt übrigens aus Sicht des Vaters für beide Kinder. Zumindest dieses Problem haben Karin und Peter vor einigen Jahren behoben, indem sie sich um sechs auf dem Parkplatz besammeln und den Schauplatz des Schreckens vereint und gemeinsam betreten.

Karin, Jimmy und Peter schauen sich lange durch 
die Scheiben an. Zuerst ein interessierter kurzer Blick, 
der ergründet, ob bei den anderen etwas Gravierendes geschehen ist. So gravierend, dass es durch zwei beschlagene Autoscheiben hindurch zu sehen wäre. Doch da müsste
wohl ein Weihnachtskandidat ohne Kopf eintreffen, damit
das der Fall wäre.

Sobald beide Seiten sehen, dass alles beim Alten respektive nur ein Jahr älter ist, setzt auf beiden Seiten ein Grimassieren ein. Die Augenbrauen werden hochgezogen und die Lippen verkniffen. Man will sich gegenseitig bedeuten: Scheisse, 
jetzt müssen wir wieder dorthin. Als ob es darum ginge, möglichst viele Minuten im Auto zu schinden, werden jetzt auch noch die Arme zu Hilfe genommen und in Schmierentheatermanier verworfen. Doch es hilft alles nichts. Schliesslich steigen die drei aus und begrüssen sich stumm. Wie es geht, wird nicht gefragt. Selbst wenn es jemandem bis anhin gut gegangen wäre, ist das jetzt vorbei. Jetzt kommt Weihnachten.

Nach der Begrüssung richten sie ihren Blick zaghaft nach oben und sehen zwei Silhouetten hinter der Glasfront des Wohnzimmers. Der Vater hält ein Glas Champagner in der 
Hand und überwacht das Eintreffen seiner Kinder. Und Kinder werden wir bleiben, da können wir noch so pensioniert werden. 
Peter sieht, wie der Vater und der Onkel die Köpfe zusammenstecken und tuscheln. Spott und Hohn. Je höher die drei Weihnachtsgäste die Treppe hinaufsteigen, umso deutlicher sehen sie den Vater und den Onkel. Der Vater trägt Anzug und Krawatte und der Onkel die alte Offiziersuniform des Vaters. Welch eine Farce! Die beiden verbringen das Fest der Liebe als unsere Befehlshaber. Peter spuckt in die Böschung. Er bleibt kurz 
stehen und umklammert den Plastiksack mit dem Geschenk. Welcher Idiot überreicht seinem Henker ein Mitbringsel auf dem Schafott? Bei den obersten und steilsten Stufen bekundet Jimmy Mühe und muss pausieren.

«Alles in Ordnung?», fragt Karin.

Jimmy keucht und nickt. Eine wirkliche Verstärkung ist Jimmy nicht. Eher Nachhut als Vorhut. Es ist schwierig, mit einem weichen Ziel ein hartes Ziel anzugreifen. Wieso kapitulieren wir nicht? Peter schüttelt den Kopf. Kaum sehe ich den Onkel und den Vater, denke ich in militärischen Begriffen. Alpha, Bravo, Charlie, 
over and out. Jimmy hat sich unterdessen erholt, und die drei setzen sich wieder in Bewegung. Karin führt die Gruppe an und drückt auf den Klingelknopf.

«Geh einfach hinein, sie haben uns ja längst gesehen», ruft Peter.

Karin nickt und drückt die Klinke. Die Tür ist verschlossen.

«Das ist unser Haus», murmelt Peter trotzig.

Jimmy kichert. Im Haus erschallt Marschmusik. Unter kakofonem Gedonner und Getöse öffnet der Vater die Tür. 
Es wird immer schlimmer. Die drei treten ein, der Onkel stösst Begrüssungsfanfare aus, und der Vater zerquetscht allen die Hände. Ich bin 49 und habe einen Schweissausbruch, wenn ich meinen Vater sehe. Peter atmet durch. Karin reibt sich Wimperntusche aus den Augen, und Jimmy kann den Reissverschluss seiner Windjacke nicht öffnen.

«So, auch schon auf den Beinen?», fragt der Vater höhnisch in die Runde.

Der Onkel stürmt mit einem Tablett Champagnergläser herbei. Die Marschmusik verunmöglicht ein normales Gespräch, 
was vermutlich das Ziel ist. Der Onkel salutiert und schlägt seine Hacken zusammen, wodurch zwei Gläser vom Tablett fallen, was er aber nicht bemerkt. Ob im Verlauf des Jahres die Basstöne der Bang-&-Olufsen-Anlage den Geist aufgegeben haben und sich dadurch die Schrillheit der Trompeten noch ausgeprägter manifestiert? Karin kippt hastig ihr Glas Champagner hinunter und nimmt sich ein zweites, bevor sie sich eiligst in der Toilette verschanzt. Die Toilette ist der einzige Fluchtort, sie wird auch heute dauerbelegt sein.

Jimmy ist bereits beim dritten Glas, und der Onkel schreitet im Takt der Marschmusik im Wohnzimmer herum. Er exerziert, im Weihnachtsstechschritt, und spielt dabei die Hauptrolle in seiner Militäroperette. Peter schaut zur Toilettentür. Vermutlich schluckt Karin bereits das erste Anti-Vomitivum.

Obwohl der Onkel eine Uniform trägt, ist er notgedrungen in die frei gewordene Mutterrolle geschlüpft. Mit servilem Kadavergehorsam kocht und putzt er seither für den Vater, sorgt für dessen Wohl. Dafür erhält er Schutz vor der Polizei und Sackgeld. Nun tritt er mit einer Platte Lachsbrötchen auf. Er trägt jetzt über der Offiziersuniform eine Kochschürze mit Wurstmotiven. Ein groteskes Kostüm. Peter zieht sich in die Kaminecke zurück und betrachtet die Szenerie: Karin kommt aus der Toilette zurück, Jimmy stützt sich bleich am Büchergestell ab, der Vater rückt hochkonzentriert das Tischtuch um einige Millimeter zurecht, und der Onkel marschiert dirigierend herum. Dazu kommen noch hundert Dezibel Marschmusik. Ein komplett autistischer Anlass. Der Champagner erfüllt seinen Zweck, so weit das in diesem Rahmen möglich ist. Peter fühlt sich leichter als beim Aufstieg. Wir sollten den ganzen Abend lang Champagner trinken. Doch der Rotwein steht schon auf dem Tisch. Zusammen mit dem Essen wird er zu Lähmung und bösen Gedanken führen.

Peter schaut erneut in die Runde: Karin hamstert Lachsbrötchen für Jimmy, der Onkel kommandiert eine Ständerlampe herum, Jimmy verschiebt sich entlang des Bücherregals 
und streift «Die Tierwelt Australiens». Karin führt Jimmy zum Tisch und verfüttert ihm fünf Lachsbrötchen. Peter setzt 
sich ebenfalls. Überspringen wir dieses Apérotheater. Der Vater schüttelt den Kopf.

«Seid ihr schon so gebrechlich, dass ihr keine zehn Minuten mehr stehen könnt?»

«Es hat Stühle», entgegnet Karin.

«Weihnachten mit euch, da wähnt man sich bereits im Altersheim.»

Der Vater setzt sich ebenfalls.

«Nun gut, meine lebensmüden Kinderchen, dann soll der liebe Onkel mal das Futter bringen.»

Der Vater schenkt allen Wein ein. Peter steht auf und 
geht auf die Toilette. Er betrachtet sich im Spiegel. Früher war man in meinem Alter schon tot. Zurück aus der Toilette bringt der Onkel fünf Blechnäpfe mit Spatz und Kartoffelsalat. Der 
Onkel wird nicht müde zu behaupten, er koche streng helvetisch, Cuisine Réduit. Die Kartoffel ist ein Gaucho, Onkelchen. Alle vertiefen sich in ihren Napf. Der Vater möchte anstossen. Er geht zur Stereoanlage und stellt die Marschmusik etwas leiser. Zurück am Tisch bemerkt er, dass alle ihre Gläser schon leer getrunken haben. Er schlägt mit dem Messer an ein Glas, worauf Jimmy aufsteht. Der Vater lächelt böse. Jimmy streckt den Zeigefinger in die Luft und schreit:

«Trotzdem bin ich der einzige linke Fahrlehrer der Schweiz!»

Hiermit hat Jimmy seinen persönlichen Höhepunkt des Abends erreicht. Karin starrt in den Spatz hinein. Der Vater fragt maliziös:

«Wenn er schon steht, dann könnte er uns im Keller eine Flasche Rotwein holen, was meinst du, Karin, kann er das?»

«Wieso sollte er das nicht können?», zischt Karin zornig.

«Dann soll er doch, wenn er schon kann.»

Karin tätschelt Jimmys Hand.

«Hol uns doch eine Flasche.»

Jimmy blickt verdattert in die Runde.

«Welche denn?»

«Möglichst eine volle», sagt der Vater.

Jimmy nickt ernst und bedeutungsvoll.

«Wo ist der Keller?»

Karin zeigt auf die Tür. Jimmy schwankt los. Jetzt hat 
der gute Jimmy eine kleine Verschnaufpause. Hoffentlich ruht er sich zwischen den ausrangierten Hometrainern und den verrosteten Schützenpokalen etwas aus.

«Was macht ihr eigentlich tagsüber?», fragt der Vater unvermittelt.

«Und was macht ihr tagsüber, ausser Krieg?», fragt Karin gehässig zurück.

«Soll der Onkel jetzt das Lied ‹Kamerad Tannenbaum› singen? Oder wollen wir zuerst die Geschenke auspacken?»

Die Frage ist rhetorisch, die Geschenke kommen vor dem Singen. Auch das Schenken hat sich über die Jahre ad absurdum entwickelt und ist nurmehr verpackte Bösartigkeit. 
Der Vater bekommt die beiden Sachbücher «Sturheit als Methode» und «Sozialdarwinismus und Egomanie», der Onkel 
«Auf den Spuren von Rommel: Die zwanzig schönsten Wüsten-Wanderungen». Karin und Peter erhalten ebenfalls Sachbücher: «Freiheit als Falle» und «Schlendrian – eine Pathologie» sowie eine vermutlich teuer ersteigerte und von Milos Forman persönlich signierte «Hair»-Box. Als die Geschenkrunde 
vorbei ist, fragt der Onkel den Vater, ob er mit seinen Zinnsoldaten spielen darf. Der Vater nickt gnädig, und der Onkel 
zieht sich in die Kaminecke zurück. Neben dem Nachstellen von Schlachten widmete sich der Onkel auch der Erforschung des Reduits. In konsequenter Weiterentwicklung des Abschottungsgedankens plädierte er für den erneuten Rückzug in ein riesiges, noch zu bauendes Neo-Reduit samt Indoor-Anbauschlacht. Im Estrich wachsen bereits die ersten Hors-sol-Kartoffeln.

«Jimmy gefällt es im Keller», spottet der Vater, als Jimmy schon über eine Viertelstunde weg ist.

«Vielleicht gibt es im Keller einen Fluchtweg», meint Peter.

«Ihr seid junge freie Menschen und lebt in einem selbst gebauten Gefängnis.»

«So jung sind wir auch nicht mehr.»

«Stimmt, ihr werdet ja alle bald fünfzig, schrecklich, dass ich das noch erleben muss.»

Peter beobachtet den Vater. Ohne hinzusehen, zieht er mit dem Messer Linien in die Saucenreste. Er macht Schützengräben. Plötzlich ist ein Knall zu hören.

«Ist das in der Musik?», fragt Peter den Vater.

«Wie, in der Musik?», antwortet der Vater und geht zur Stereoanlage.

«Vielleicht ein Jubiläumsmarsch mit Salutschüssen?»

«Welches Jubiläum?»

«Fünfzig Jahre Rütli-Rapport, was weiss ich.»

Der Vater stoppt die Musik, ein weiterer Knall ertönt. Karin blickt erschrocken zur Kellertüre.

«Mist, die baulichen Massnahmen», murmelt der Vater.

«Was für bauliche Massnahmen?», fragt Peter.

«Der Onkel hat mich kürzlich gefragt, ob er den Keller umbauen dürfe.»

Peter schaut zum Onkel. Der sitzt bei seinen Zinnsoldaten und hört nichts. Versunken stellt er den Dritten Punischen Krieg nach. Aus dem Keller ist wieder ein Knall zu hören.

«Hat er doch tatsächlich den Hundeschutz aktiviert», flüstert der Vater.

«Was für einen Schutz?», fragt Peter.

«Schutz vor den Hunden.»

«Welche Hunde?»

«Um den Luftschutzbunker vor den roten Hunden zu verteidigen.»

«Was hat er installiert?»

«Eine antikommunistische Occasion-Selbstschussanlage. Auf Ricardo für 430 Franken ersteigert.»

«Und was machen wir jetzt?»

«Um die Leiche zu bergen, müssen wir unterhalb einer gewissen Höhe durchkriechen.»

«Was? Spinnst du?»

Karin sitzt bleich auf ihrem Stuhl, und der Vater steht schon bei der Kellertür. Erstaunlich flink, der alte Wolf. Peter folgt dem Vater. Unten an der Treppe ist alles rot. Der Keller ist voller Blut. Peter hält sich am Geländer fest. Ein Familiendrama, ich erlebe ein Familiendrama, und zwar an Weihnachten, welch Klischee. Der Vater steigt vorsichtig die Treppe hinunter. Wieder ein Schuss. Glas klirrt. Peter folgt dem Vater und bemerkt Karin hinter sich. Er weist sie mit einer Handbewegung zurück, der Anblick des zersiebten Jimmy soll ihr erspart bleiben. Doch Karin beisst auf die Lippen und schüttelt den Kopf. Unten an der Treppe im Gang vor dem Keller bedeutet der Vater, dass ab 
hier gekrochen werden muss, um unter der Schusslinie durchzukommen. Die drei kriechen durch die rote Flüssigkeit den Gang entlang. Peter steigt ein vertrauter Geruch in die Nase. Er riecht an seiner Hand. Das ist Rotwein, kein Blut. Ich krieche an Weihnachten durch das Blut Jesu. Als sie vom Gang in den Keller einbiegen, sehen sie Jimmy. Er steht konzentriert vor dem Weinregal und schiesst mit einer Armeepistole Flasche um Flasche herunter.

Peter, Karin und der Vater sind starr vor Erstaunen und schauen Jimmy einige Minuten lang zu, wie er jeder Flasche einzeln den Garaus macht. Der Vater fasst sich als Erster.

«Was machst du, du untauglicher Fettsack! Mit dieser Pistole habe ich den Sturm Lothar besiegt!», brüllt er und will sich erheben, rutscht aber im Rotwein aus.

Jimmy dreht sich zu ihnen um und schaut verdutzt auf die drei Familienmitglieder, die auf allen vieren durch die Rotweinpfütze auf ihn zu krabbeln. Die drei halten an und starren auf die Pistole, die nun auf sie gerichtet ist. Jimmy scheint das gar nicht zu bemerken, zu sehr ist er mit seiner eigenen Verwirrung beschäftigt. Peter hebt seine Arme zum aus Film und Fernsehen bekannten Händehoch, Karin und der Vater machen dasselbe. Das ist fürwahr eine interessante Wendung: Der Vater kniet vor Jimmy und bittet um Gnade. Jimmy versteht jetzt die Situation. Er legt die Pistole auf das Weinregal und stottert etwas Entschuldigendes. Der Vater stürzt sich auf Jimmy und verpasst ihm eine schallende Ohrfeige. Karin stürzt sich auf den Vater, verpasst ihm eine noch schallendere Ohrfeige und sagt: «Jimmy ist halt manchmal sehr impulsiv, auch im Verkehr.»

Matto Kämpf ist Autor, Filmer und Theatermacher. Er lebt in Bern. Sein jüngstes Buch, «Tiergeschichten 2», ist im Verlag Der gesunde Menschenversand erschienen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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