Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Wer ist dieser Modotti?

Von Bettina Dyttrich

Das Foto ist berühmt geworden: Es zeigt eine Frau im Profil, die in die Ferne schaut und eine Fahne trägt. Das Bild ist schwarz-weiss, trotzdem ist klar: Die Fahne ist rot.

Tina Modotti (1896–1942) nahm das Foto Ende der zwanziger Jahre in Mexiko auf. Die kommunistische Italienerin war eine Pionierin der politischen Fotografie. Zurzeit hängt das Foto in der eindrücklichen Ausstellung «Gretlers Panoptikum» im St. Galler Regierungsgebäude, über die die WOZ noch berichten wird.

Während ich vor diesem Bild stehe, fällt mir plötzlich ein, wo ich den Namen Modotti zum ersten Mal gehört habe: vor fünfzehn Jahren, im Song «Recap Modotti» der Band Fugazi aus Washington D. C. Ich erinnere mich an den kryptischen Text, in dem ein Taxi vorkommt, und dass ich mich fragte, wer wohl dieser Modotti sei. Aber ich ging der Sache nicht nach.

Jetzt wird mir klar, dass der Song von Tina Modotti handelt: Sie starb 1942 in Mexiko-Stadt in einem Taxi an einem Herzanfall. Sofort kamen Gerüchte auf, Stalin stecke dahinter, Modotti sei ermordet worden. Davon gingen offensichtlich auch Fugazi beim Schreiben des Songs aus.

Fünfzehn Jahre lang habe ich unhinterfragt angenommen, dass «dieser Modotti» ein Mann sei. Ich kam einfach nicht auf die Idee, dass eine reine Männerband – auch wenn sie sich schon feministisch geäussert hatte – eine Künstlerin würdigen könnte. Natürlich kann ich mich selber ohrfeigen für meine Fantasielosigkeit. Aber es geht hier nicht nur um mich. Ich kam nicht auf die Idee, weil ich gelernt hatte: Männer singen nicht über Künstlerinnen. Männer singen sowieso nicht über Frauen, ausser sie wollen mit ihnen ins Bett. Oder sie hassen sie wie Eminem seine Mutter. Aber eine Würdigung? In der Rockmusik?

Ich hätte zum 8. März auch über die unsägliche neue Antiabtreibungsinitiative schreiben können. Oder über die Meldung, dass immer mehr Frauen, die in Frauenhäuser flüchten, schwer verletzt sind. Aber Frauenfeindlichkeit beginnt nicht erst dort, wo es brutal wird. Sondern in der Sprache, in der Kultur, im Kopf. Und dort können auch die Gegenstrategien beginnen.

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