Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Der Oligarchenschreck

Von Brigitte Matern

«Wann wird unsere Familie aufhören, wahnwitzig zu sein?», fragte seine Mutter, als er in die Politik ging. Schon seinen älteren Bruder hatte es den Kopf gekostet, als er die Republik mit Reformen aus der Krise führen wollte. Der aufsteigenden Weltmacht gingen damals nicht nur die Soldaten aus, auch die Felder waren verödet und die Landlosen in die Städte geflohen. Die Lösung des grössten Problems – die ungerechte Bodenverteilung – war bislang aber am erbitterten Widerstand der Grossgrundbesitzer gescheitert, und die stellten im regierenden Senat die Mehrheit. Um seine Reformpläne umsetzen zu können, hatte sich der Bruder auf eine andere Macht stützen müssen: auf die Bürger Roms. Er wurde zum Volkstribun gewählt, schöpfte alle Kompetenzen des Amts voll aus und liess die Bevölkerung darüber abstimmen, ob die Grösse der Latifundien begrenzt und das so frei werdende ehemalige Staatsland neu verteilt werden sollte. Illegal war dieses (zunächst erfolgreiche) Vorgehen nicht, es erzürnte aber die übergangenen Senatoren derart, dass er kurze Zeit später erschlagen wurde.

Und nun wollte sich also auch ihr Jüngster an Reformen wagen. Der 154 v. Chr. geborene Spross einer römischen Aristokratenfamilie hatte die ersten Stationen seiner Karriere bereits hinter sich – zwölf Jahre Offiziersdienst in Spanien, zwei Jahre Verwaltungsbeamter auf Sardinien –, als er, knapp dreissigjährig, nach Rom zurückkehrte. Unverzüglich nahm er den Kampf gegen den Senat auf (einige sagen, nur um seinen Bruder zu rächen). Auch er liess die Oligarchie links liegen und kandidierte als Volkstribun. Zwei Jahre lang konnte er daraufhin mit den Stimmen von Bauern und Handwerkern sein Reformprogramm umsetzen: So nahm er etwa die Umverteilung des Ackerlands wieder auf, sorgte durch öffentliche Baumassnahmen für Arbeitsplätze und hielt mit staatlichen Zuschüssen den Brotpreis niedrig. Doch dann gewann der Senat wieder die Oberhand und rief den Staatsnotstand aus. Auf der Flucht liess sich der Reformer schliesslich von einem Sklaven töten.

Wer war der umstrittene Landverteiler, der den Frühsozialisten François Babeuf so faszinierte, dass er dessen Namen trug und ein Kind nach ihm benannte?

Wir fragten nach dem römischen Politiker Gaius Gracchus (154–121 v. Chr.), sein Bruder war Tiberius Gracchus (162–133 v. Chr.). Die Gracchischen Reformen wurden nach deren Tod fast vollständig zurückgenommen. Volkstribune sollten damals ursprünglich das Volk vor der machthabenden Oberschicht schützen. Sie konnten mit ihrem Veto Entscheidungen hoher Verwaltungsbeamter blockieren und in Volksversammlungen Gesetze erlassen. Bis zur Zeit der Gracchen begnügten sich die Amtsträger jedoch damit, vom Senat angehört zu werden. ­(François) Gracchus Babeuf taufte seinen jüngsten Sohn auf den Namen Gaius Gracchus.

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