Nr. 12/2013 vom 21.03.2013

Ausstellung

Stegers spitzer Stift

Dreissig Jahre lang, von 1967 bis 1997, begleiteten die Karikaturen von Hans Ulrich Steger das Publikum des «Tages-Anzeigers». Er nahm das Militär aufs Korn, den Bundesrat oder Zeiterscheinungen wie das New Public Management. Steger schrieb ungewollt auch Rechtsgeschichte: Sein Cartoon «Club Medityrannis» in der Ausgabe vom 8. Juli 1967 war gegen die Mittelmeerdiktaturen gerichtet. Betupft fühlte sich aber der französische Ferienkonzern mit ähnlichem Namen. Er klagte den «Tages-Anzeiger» ein, und das Bundesgericht stellte eine Persönlichkeitsverletzung fest.
1922 in Zürich geboren, liess sich Steger an der Kunstgewerbeschule zum Grafiker ausbilden. Erste Karikaturen erschienen während des Zweiten Weltkriegs im «Nebelspalter», danach auch in der «Weltwoche» und der «Zürcher Woche». Eine Sammlung seiner politischen Cartoons kam 1999 unter dem Titel «Zahn um Zahn» in Buchform heraus.
Am 21. März 2013 feiert Hans Ulrich Steger den 90. Geburtstag, in beneidenswerter Frische. Er malt noch täglich im Atelier. Doch sein Einsatz mit dem Zeichenstift gegen Vietnam, die Diktatur in Griechenland, das Chile Pinochets und für Waffenausfuhrverbote bildet sein politisch-humanitäres Vermächtnis, das ihm für immer einen Platz in der Geschichte der kritischen Schweiz sichert.
Weil er einen grossen Teil seines Lebenswerks bereits im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH Zürich deponiert hat, werden die Karikaturen ab sofort auf der Archivwebsite afz.ethz.ch öffentlich einsehbar.
Hans Ulrich Stegers malerisches Schaffen ist zudem in einer Ausstellung in Affoltern am Albis zu sehen. Zwei schöne Geschenke zum Geburtstag. Auch die WOZ gratuliert an dieser Stelle ganz herzlich!
Ralph Hug

Cartoons von Hans Ulrich Steger auf: 
www.afz.ethz.ch.
Malereien von Hans Ulrich Steger in: Affoltern am Albis Galerie beim alten Gemeindehaus. 
Bis 24. März 2013.

Jürg Hassler

Alles dreht sich um Schach. Aber nur in den Plastiken von Jürg Hassler. Der in Küsnacht lebende Künstler, der diesen Herbst seinen 75. Geburtstag feiert, hat verschiedenste Talente und ist politisch engagiert.
Kurz nach der Matura arbeitet er beim Bildhauer Hans Josephson (1920–2012). Anschliessend besucht er die Fotoschule in Vevey, versucht sich in Neapel an ersten Skulpturen, beginnt als Fotoreporter und besucht 1967/68 Filmkurse an der Zürcher Kunstgewerbeschule. 1970 veröffentlicht er mit «Krawall» seine erste Politdokumentation, bald darauf den Porträtfilm «Josephson, Stein des Anstosses» und 1986 «Gösgen». Er ist 1980 bei «Züri brännt» und 1987 bei «Dani, Michi, Renato und Max» von Richard Dindo als Kameramann dabei und arbeitet immer wieder als Cutter.
In den vergangenen Jahren hat Hassler auch immer wieder an seinen Schachobjekten gearbeitet. Ausgangspunkt sind die 64 Felder und 32 Figuren, die Spielregeln bleiben unangetastet. Gestalterisch bewegen sich seine Schachskulpturen frei im Raum, liegen in der Ebene oder bedecken Wände, werden zu Treppen, lösen sich in Gitterstrukturen auf – und bleiben immer spielbar. Im spielerischen Umgang mit Granit, Marmor, Eisenbahnschwellen, Alteisen, Keramik und Fundstücken stellt Hassler der Strenge des Schachs seine gestalterische Fabulierlust gegenüber.
Fredi Bosshard

Jürg Hassler: «Ordentliche Trümmer» in: Küsnacht Galerie im Höchhuus, Do, 21. März 2013, 19 Uhr, Vernissage. Einführung: Guido Magnaguagno. 
Do/Fr, 17–20 Uhr; Sa/So, 11–18 Uhr. Bis 21. April 2013.

Lesung

Warten im Mersand

Wenn Michael Guggenheimer Tel Aviv, die Stadt seiner Kindheit, besucht, fotografiert er regelmässig – und ist immer wieder in einem der Boulevardcafés anzutreffen, wo er die Tageszeitung «Haaretz» liest oder gerade eine Geschichte schreibt, die in Tel Aviv stattfindet.
Tel Aviv hat ihn nie losgelassen, nicht in Amsterdam oder in St. Gallen, wo er später wohnte – und auch nicht in Zürich, wo der Publizist und Kulturvermittler seit Jahren lebt. Das Buch beginnt denn auch nicht in Tel Aviv, sondern beim Postamt am Zürcher Albisriederplatz.
In Zürich stellt Guggenheimer nun auch sein Buch «Tel Aviv. Hafuch Gadol und Warten im Mersand» vor. Darin entfaltet er – in Texten und Bildern, gestaltet von Kaspar Mühlemann – fünfzig Geschichten über Menschen in Tel Aviv. Persönliche Texte aus Guggenheimers Kindheit überkreuzen sich mit Texten über Menschen und Situationen im heutigen Tel Aviv.
Mersand hat übrigens nichts mit Meersand zu tun – es handelt sich um den Namen eines Mannes aus Triest, der in Tel Aviv ein Café gegründet hat, das noch heute seinen Namen trägt.
Adrian Riklin

Michael Guggenheimer liest aus «Tel Aviv. Hafuch Gadol und Warten im Mersand» in: Zürich Buchhandlung im Volkshaus, Mi, 27. März 2013, 19 Uhr. Moderation: Ursula Zeller.

Film

Zurück in der «Heimat»

Im Film «Vol Spécial» porträtierte Fernand Melgar den Alltag im Ausschaffungsgefängnis in Frambois. Dort sitzen Sans-Papiers und abgewiesene Asylsuchende die Tage ab, mit der Angst, bald in ihre «Heimat» abgeschoben zu werden: mit einem regulären Flug, wenn sie sich «kooperativ» zeigen – oder dann eben mit einem «Vol spécial».
Melgars «Le monde est comme ça» ist die Fortsetzung von «Vol Spécial»: Der Filmemacher folgt den ausgeschafften Menschen in ihre Heimat. Was er zeigt, ist ernüchternd: Ragip lebt ohne Haus und Familie im Kosovo und ist in den Augen seines Vaters ein Verlierer. Dias Schwester im Senegal weiss nichts von Dias Ausweisung und hat finanzielle Forderungen an ihn. Und Geordry wurde bei seiner Rückreise nach Kamerun verhaftet und gefoltert. Der Grund: Das Bundesamt für Migration hat den Behörden in Kamerun seinen Asylantrag zugestellt – ein eklatanter Verstoss gegen die Geheimhaltung, die die Schweiz Asylsuchenden zusichert. 
Eindrücklich zeigt Melgar, wie das Leben der ehemaligen Asylsuchenden zurück in ihrer Heimat weitergeht – eine düstere Realität, die in der Schweiz gerne ausgeblendet wird.
Silvia Süess

«Le monde est comme ça» in: Bern Kino Cinématte, So, 24. März 2013, 18.45 Uhr; anschliessend Diskussion mit Fernand Melgar, Moderation: Annemarie Sancar. www.cinematte.ch

Konzert

Irène Schweizer und Pierre Favre

Die Pianistin Irène Schweizer und der Schlagzeuger Pierre Favre, «zwei Titanen des Jazz», wie sie die britische Zeitung «The Guardian» nannte, sind Zwillinge im Geiste. Ihr Duokonzert im New Yorker Jazzclub The Stone im Rahmen des Intakt-Festivals wurde 2012 von der Jazzzeitschrift «New York City Jazz Record» zum besten Konzert gekürt.
Seit 1966 spielen Schweizer und Favre regelmässig im Duo und haben dabei ihre künstlerische Virtuosität, Offenheit und Neugierde über die Jahre bewahrt. Nur zwei CDs künden davon: Die erste wurde 1990 im Berner «Schweizerbund» aufgezeichnet, die zweite 2003 am Jazzfestival im österreichischen Ulrichsberg.
Mit der Roten Fabrik verbindet die beiden eine lange Geschichte, die 1982 mit dem Bassisten Léon Francioli beginnt. Seither waren sie immer wieder in diversen Formationen, aber nur einmal im Duo zu Gast. Die Liveaufnahmen der drei Konzerte vom kommenden Wochenende in der Roten Fabrik sind für die längst fällige dritte Duoveröffentlichung gedacht, die im Herbst auf dem Intakt-Label erscheinen wird.
Fredi Bosshard

Irène Schweizer und Pierre Favre in: Zürich Rote Fabrik, Fr/Sa, 22./23. März 2013, 20.30 Uhr; So, 24. März 2013, 19 Uhr. www.rotefabrik.ch

Heimat und Fremde

«Ein Frauenchor birgt Herausforderungen», sagte Adrienne Rychard, die Leiterin des Frauenchors der Reitschule, vor einiger Zeit im Berner «Journal B». Das meinte sie nicht in Bezug auf die Diskussionen, die die Frauen im basisdemokratischen Chor führen, sondern rein musikalisch: «Wir müssen alle Stücke neu arrangieren und auf den weiblichen Stimmumfang anpassen. Das heisst, der Bass darf nicht zu tief sein, muss aber als solcher erkennbar bleiben.»
Zwar üben die gut achtzehn Sängerinnen nicht mehr in der Reitschule wie zur Anfangszeit vor zwanzig Jahren – ihre Auftritte aber haben sie noch immer dort: dieses Jahr mit einem Liederabend zum Thema «Heimat und Fremde».
Silvia Süess

«Heimat und Fremde – Das neue Programm des Frauenchors der Reitschule» in: Bern Pizzeria Mappamondo, Länggassstrasse 44, So, 24. März 2013, 
17 Uhr; im Tojo der Reitschule, Fr/Sa, 5./6. April 2013, 20.30 Uhr. www.tojo.ch

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