Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Festival

Comfort Zone

Sind Komfortzonen überhaupt wünschenswert? Und wenn ja: für wen – und auf Kosten und unter Ausschluss von wem?
Für das diesjährige zeitgenössische Theatertreffen Auawirleben in Bern liessen sich die Programmverantwortlichen vom US-amerikanischen Künstler Mark Lombardi (1951–2000) inspirieren. Berühmt geworden war dieser mit handgefertigten Soziogrammen, mit denen er eine Art «Kartografie der Macht» entfaltete, in der er die politischen und ökonomischen Machtstrukturen visualisierte.
Mit dem Code «Comfort Zone» setzen die Festivalleute die Frage nach der Aufteilung von Geld, Macht und Ressourcen an den Anfang des Theatertreffens. Und damit die Frage nach der Partizipation. Das ambitionierte Vorhaben: im Geist Lombardis mit den eingeladenen KünstlerInnen, Kompagnien und dem Publikum ein «theatrales Diagramm der Aufteilung» herzustellen.
Zu sehen sind im Hauptprogramm in den knapp zwei Wochen sechzehn Produktionen – von Gruppen aus London, Rotterdam, Amsterdam, Brüssel, Gent, Helsinki, Aizpute (Lettland), Tallinn, Riga, Berlin, Bern, Zürich, Basel und Lausanne.
Adrian Riklin

«Auawirleben – zeitgenössisches Theatertreffen» in: Bern Tojo Theater in der Reitschule, Progr, Schlachthaus, Dampfzentrale und Vidmarhallen. Festivalzentrum: Zelt im Hof des Kulturzentrums Progr. Mi, 24. April, bis So, 5. Mai 2013. 
www.auawirleben.ch

Diskussion

Drehbuch

Wohl kaum jemand kennt die Namen der DrehbuchautorInnen. Sie stehen stets im Schatten der RegisseurInnen und selten im Rampenlicht. Das Kino Kunstmuseum in Bern widmet sein Programm im April nun den DrehbuchautorInnen. «Geschriebene Filme. Die Kunst des Drehbuchschreibens» lautet der Titel der Reihe, in der Filme zu sehen sind, die von AutorInnen geschrieben wurden, die das Filmschaffen geprägt haben. So zum Beispiel «Chinatown» (1974), in dem der Autor Robert Towne in der Tradition des Film noir das Handlungsgeflecht Schicht um Schicht verdichtet, «The Queen» (2006) des Drehbuchautors Peter Morgan oder die Komödie «Sommer vorm Balkon» (2004) des Autors Wolfgang Kohlhaase.
Auch ein Podium widmet sich dem Thema: Der Autor Pedro Lenz, die Drehbuchexpertin Jacqueline Surchat, der Regisseur und Autor Rolf Lyssy sowie die Drehbuchautoren Dominik Bernet und Michael Saurer diskutieren über das Drehbuchschreiben in der Schweiz. Vor der Diskussion ist der Film «Adaptation» (2002) zu sehen. Darin spielt Nicolas Cage den real existierenden Drehbuchautor Charlie Kaufmann, der auch Drehbuchautor dieses Films ist und in ebendiesem eine totale Schreibblockade hat. Der Film bietet sicher eine gute Grundlage für die anschliessende Diskussion.
Silvia Süess

«Adaptation» in: Bern Kino Kunstmuseum, 
Sa, 20. April 2013, 16 Uhr. 18.30 Uhr: Podiumsdiskussion zum Drehbuchschreiben in der Schweiz. 
www.kinokunstmuseum.ch

Ist Wissenschaft alles?

Bauch oder Kopf – Intuition oder Intellekt … Kunst oder Wissenschaft – Bildhauer oder Biologe. Was oft als gegensätzlich wahrgenommen wird, bedingt sich mitunter gegenseitig, zum Beispiel im kreativen Akt. Und der findet nicht nur im Künstleratelier statt, sondern auch im Labor.
Ohne Intuition könne man nicht forschen, sagt der Naturwissenschaftler Enrico Martinoia, und ohne Bilder lasse sich keine Erkenntnis vermitteln. Über den Kunstgiesser Max Jäger, der mit Künstlern wie Cy Twombly zusammengearbeitet hat, schreibt er: «Max Jäger ist Maler und Wissenschafter. Nicht ein Wissenschafter, der zur Pipette greift und im Labor biochemische und molekulare Experimente durchführt; aber seine Art, wie er seine Fragestellungen mit Bildern und Skulpturen verarbeitet, ist sehr wissenschaftlich.»
Tatsächlich hat sich der 1957 geborene Schwyzer Künstler im Verlauf seines Schaffens immer mehr vom Menschlich-Figurativen zum Gestalterischen hin bewegt, das stark von naturwissenschaftlichen Themen durchdrungen ist. Wie es dazu gekommen ist und was die scheinbaren Gegensätze Intuition und Intellekt so alles verbindet, darüber diskutieren Martinoia, der Biologe, und Jäger, der Bildhauer, am Sonntag, 21. April 2013, in den Hallen für Neue Kunst in Schaffhausen.
Franziska Meister

«Ist Wissenschaft alles?» in: Schaffhausen 
Hallen für Neue Kunst, So, 21. April 2013, 11.30 Uhr. www.raussmueller.org

Konzert

These Arches

Der aus dem kalifornischen Sacramento stammende Schlagzeuger Ches Smith hat sein Bandprojekt These Arches vor drei Jahren initiiert. Zusammen mit dem Tenorsaxofonisten Tony Malaby, der Gitarristin Mary Halvorson und der Akkordeonistin Andrea Parkins hat er eine selten gesehene Besetzung gewählt, um seine eigene Musik umzusetzen. Das erstaunt nicht, wenn man sich seinen Hintergrund anschaut: Aus dem Independentbereich stammen Secret Chiefs 3, Mr. Bungle und Xiu Xiu, bei denen Smith Mitglied war. Dann taucht er vermehrt im Umfeld der New Yorker Downtownszene um John Zorn auf, spielt mit in Marc Ribots Ceramic Dog. Schon bald ist er auch bei der jüngeren Generation dabei, die sich vor allem in Brooklyn ansiedelt und sich bei ihren individuellen Projekten gegenseitig unterstützt.
Seit einiger Zeit spielt Smith in Snakeoil, der aktuellen Band des Altsaxofonisten Tim Berne, die vor kurzem ihre erste CD auf ECM veröffentlicht hat. Nun ist Berne als Gast bei These Arches mit dabei. Die Musik von Smith ist noch dichter geworden, wie die soeben erschienene CD «Hammered» nicht nur mit dem Titel zeigt. Es sind abenteuerliche Klangwelten, die sich entfalten. Die beiden Saxofonisten spielen unisono, das Akkordeon von Parkins und die Gitarre von Halvorson stossen dazu, und gemeinsam finden sie zu einer beinahe volksliedhaften Melodie. Im Hintergrund klöppelt Smith die Geschichte zusammen, treibt sie kraftvoll voran und hebelt den Gegensatz zwischen Rock und Jazz aus. These Arches grooven, kratzen und lassen es kammermusikalisch fein erklingen. Sie bewegen sich versiert zwischen den Genres – musikalische Kategorien sind obsolet geworden. These Arches heben gemeinsam ab.
Fredi Bosshard

Ches Smith & These Arches feat. Tim Berne in: Zürich Rote Fabrik, Mi, 24. April 2013, 20.30 Uhr. 
www.rotefabrik.ch

Spaziergang

Dichterinnen im Niederdorf

Vor bald zehn Jahren gründete die Germanistin und Romanistin Martina Kuoni die Reihe «Literaturspur». Die Idee dahinter: in verschiedenen Städten den Spuren von literarischen Menschen nachgehen, den Orten, an und in denen bekannte und weniger bekannte DichterInnen gelebt, geschrieben, gewirkt haben – oder sich inspirieren liessen.
Nächstens lässt sich unter der kundigen Begleitung von Kuoni und ihrer Assistentin Jael Bollag im Zürcher Niederdorf «den Frauen folgen»: Hier trafen im Lauf des vergangenen Jahrhunderts unbehauste Lyrikerinnen auf einheimische Autorinnen und politisch engagierte Exilschriftstellerinnen auf Schweizer Publizistinnen. Der Bogen spannt sich von Ricarda Huch (1864–1947), die als Lehrerin und Stadtbibliothekarin in Zürich arbeitete, über Claire Goll (1891–1977), Emmy Ball-Hennings (1885–1948) und Jo Mihaly (1902–1989), die in den wilden Jahren nach dem Ersten Weltkrieg das Kulturleben aufmischten – bis zu Laure Wyss (1913–2002), der grossen Erneuerin der literarischen Reportage und des politischen Magazinjournalismus in der Schweiz.
Weitere Literaturspaziergänge folgen in den kommenden Wochen und Monaten in Basel («Hotelzimmer als Schreibstuben»), Aarau («Pädagogen und Literaten»), nochmals Zürich («Exilstadt»), Chur («Altstadt mit Alpenluft») und Herisau («Robert Walser»).
Adrian Riklin

«Den Frauen folgen» in: Zürich vor dem Kunsthaus, Treffpunkt, Sa, 20. April 2013, 16 bis 17.30 Uhr. Anmeldung: www.literaturspur.ch.

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