Nr. 38/2013 vom 19.09.2013

Die trojanische Bratwurst

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Die trojanische Bratwurst

Die Zeiten, in denen ich nachts um zwei noch dringend eine Bratwurst essen musste, sind zwar vorbei, was vor allem gesundheitliche Gründe hat, aber ich schätze die kleinen hellen Läden in nächtlichen Grossstädten, rund um die Uhr offen und mit allem im Regal, was ich brauche. Auch dass der Coop beim Zürcher Hauptbahnhof werktags bis 22 Uhr geöffnet ist, finde ich toll – sogar Testsonntage gabs dort schon!

Mit einem Hang zur Nachteule und depressiver Verstimmtheit an Sonn- und Feiertagen hätte ich also ideale Voraussetzungen, der Änderung des Arbeitsgesetzes zuzustimmen. Zumal es fürs Personal in Tankstellenshops ja wirklich blöd ist, wenn bestimmte Waren nachts zugedeckt werden müssen.

Doch als ich gerade ein Ja auf den Stimmzettel schreiben wollte, fiel mir wieder jener Silvesterabend ein, an dem ich im besagten Coop noch schnell eine Flasche Champagner erstand. Auf meine Frage, wie es denn sei, jetzt noch hier zu hocken, sagte die Kassierin, sie schaffe es nach Ladenschluss nicht mal mehr rechtzeitig nach Hause, um mit ihrem Mann aufs neue Jahr anzustossen.

Ich liebe die 24-Stunden-Gesellschaft. Dass ich sie ausleben kann, ist ein Privileg. Für jene, die dort ausharren müssen, wo ich nachts nur mal kurz vorbeigehe, können die 24 Stunden zur Qual werden. Drum sage ich jetzt herzhaft: «Nein!»

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