Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Der viel besungene Zureiter

Von Brigitte Matern

Er wollte Wasser, Boden und Wald. Nicht für sich, denn er hatte sein Auskommen als Pferdehändler. Aber die vielen besitzlosen BäuerInnen des Dorfs, dem er vorstand, litten unter dem Landhunger der Zuckerrohrpflanzer. Und nicht nur sie. Im ganzen Bundesstaat waren die BäuerInnen in Aufruhr, seit der Gemeindebesitz enteignet und US-amerikanischen und europäischen Unternehmen grosszügig Zugang zu Bodenschätzen und Land gewährt worden war. Don Porfirio, der bereits zwei Jahrzehnte regierende Staatspräsident, benötigte das Kapital, um die Wirtschaft auf Export zu trimmen. Dass dabei ganze Dörfer von der Landkarte verschwanden, nahm er billigend in Kauf. Rechtlich konnten die Bauern gegen den Landraub nicht vorgehen; und so beschloss der 31-jährige Dorfratsvorsitzende, die Felder mit vorgehaltener Waffe zurückzuholen. Das war 1910. Die Tage Don Porfirios waren gezählt.

Bereits mit sechzehn musste der mestizische Viehzüchtersohn auf eigenen Beinen stehen. Seine Eltern und sechs seiner neun Geschwister waren früh gestorben. Immerhin hatte er gelegentlich die Schule besucht, konnte lesen und schreiben und zeigte eine so gute Hand für Pferde, dass er bald als einer der besten Zureiter des Landes galt. Er war aber auch ein guter Befehlshaber. Als 1910 ein breites Bündnis zum Sturz des korrupten Regimes aufrief, sammelte er ein Bauernheer um sich und zog als General der «Befreiungsarmee des Südens» in die Schlacht – zunächst erfolgreich. Doch die Opposition war tief gespalten, und im Kampf um Pfründe verrieten oder sabotierten die nachfolgenden Machthaber ein ums andere Mal die Ziele der Revolution. Zwar gelang es 1917, eine fortschrittliche Verfassung zu diktieren, doch die Umsetzung wurde immer wieder hinausgezögert. Nur in einem kleinen Gebiet konnte der General mit seinem «Lumpenpack» die Grossgrundbesitzer enteignen und den Gemeinden die angestammten Rechte zurückgeben.

Am 10. April 1919 tappte der unbeugsame Guerillachef, der sich auch mit Ländereien und einem Gouverneursamt nicht locken liess, dem Militär in die Falle und wurde erschossen. Dass er wirklich tot war, wollten seine AnhängerInnen lange nicht glauben, und noch heute lebt er in unzähligen Liedern fort.

Wer war der Volksheld der mittelamerikanischen Revolution, deren wichtige Errungenschaft – die Unantastbarkeit des Gemeindelands – 1992 im Rahmen der Nafta-Verhandlungen wieder abgeschafft wurde?

Wir fragten nach dem im mexikanischen Bundesstaat Morelos geborenen Revolutionsführer Emiliano Zapata (1879–1919). Das politische Programm der Zapatistas war der 1911 formulierte «Plan von Ayala», in dem unter anderem freie Wahlen, die Umsetzung der Bodenreform und autonome Gemeindeverwaltungen auf basisdemokratischer Grundlage gefordert wurden. Seinen Guerillakampf gegen die drei auf Porfirio Díaz folgenden Präsidenten – zwei von ihnen stammten aus den Reihen der Aufständischen – führte er hauptsächlich im südlichen Bundesstaat Morelos. Erst in den zwanziger Jahren kam das Land wieder zur Ruhe.

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