Nr. 42/2013 vom 17.10.2013

Billett selbst drucken (gegen Gebühr)

Die Medienriesen Ringier und Tamedia dominieren das Ticketing. Die Wettbewerbskommission greift noch nicht ein. Wann endlich setzen die alternativeren Lokale auf andere Anbieter?

Von Timo Posselt

Am kommenden 18. November spielt die englische Band Placebo im Zürcher Hallenstadion ihr einziges Konzert in der Deutschschweiz. Der Vorverkauf läuft über den Marktführer Ticketcorner, der nach eigener Einschätzung einen Marktanteil von 60 Prozent abdeckt. Ein Stehplatz kostet 70 Franken, mit Annullierungsversicherung sind es 3 Franken mehr. Für den Postversand berechnet Ticketcorner weitere 9.80 Franken, und mit Rechnung sind es nochmals 5 Franken. Selbst ausdrucken kann man das Billett nicht. So kommt der Endpreis auf 87.80 Franken zu stehen, das entspricht einem Aufpreis von 25 Prozent. Als KundIn hat man allen Grund, «Passive Aggressive» zu werden, wie ein früher Song von Placebo heisst.

Bei anderen Veranstaltungen kann man das Ticket zwar selbst ausdrucken, aber ab einem Betrag von 50 Franken fallen dafür 3.50 Franken Gebühr an. Darauf angesprochen, druckst Stefan Epli von Ticketcorner in geschliffenstem Mediensprecherdeutsch herum: «Diese Kosten entstehen nicht für den Druck der Tickets, sondern für die elektronische Kontrolle der Print-at-home-Tickets am Eingang der Eventhalle.» Eine Kontrolle, die von den lokalen VeranstalterInnen durchgeführt wird. Bei Starticket entfallen die Kosten fürs Ausdrucken zu Hause, wenn man im Internet bestellt und per E-Banking bezahlt. Der Ticketvertrieb des Dachverbands der nicht gewinnorientierten Clubs – Petzitickets – bietet ebenfalls Billette zum Selbstdrucken an, solange man mit Kreditkarte bezahlt.

Handschlag der Riesen

Ticketcorner und das Hallenstadion haben einen Vertrag, der besagt, dass 50 Prozent aller Billette von Hallenstadionveranstaltungen über Ticketcorner verkauft werden müssen. Die Wettbewerbskommission (Weko) untersuchte diesen Vertrag vor zwei Jahren und billigte die Absprache. Den anderen Billettverkäufern stünden weiterhin mehr als 90 Prozent des gesamten Ticketingmarkts offen. Somit ist die grösste Mehrzweckhalle der Schweiz fest in der Hand von Ticketcorner beziehungsweise deren Firmeneltern CTS Eventim (vgl. «Fans risikolos skalpieren») und Ringier. Der zweitgrösste Schweizer Anbieter ist Starticket. Dieser wuchs in den letzten Jahren beträchtlich. Zahlen zum Umsatz hält Starticket geheim. Zwei der grössten Festivals, das Openair Frauenfeld und das Gurtenfestival, verkaufen ihre Pässe über Starticket. Sie entschieden sich für Starticket wegen der überteuerten Zuschläge von Ticketcorner.

Im Juli übernahm der Medienkonzern Tamedia mit einem Aktienanteil von 75 Prozent die Mehrheit bei Starticket. Der Rest der Firma blieb im Besitz des Gründers Peter Hürlimann und des Managements. Mit diesem Kauf gehören die grössten Billettverkäufer der Schweiz zwei Medienkonzernen. Der Kauf bedarf noch einer Überprüfung durch die Weko. Weko-Vizedirektorin Carole Söhner hält vorweg fest: «Der Kauf von Starticket durch die Tamedia wurde akzeptiert, weil die Marktanteile so verteilt sind, dass noch ein Wettbewerb möglich ist.» Die Untersuchung sei aber noch nicht abgeschlossen. Auf die Frage, ob die Wettbewerbsfreiheit eingeschränkt sei, wenn zwei Medienkonzerne den Markt dominieren, stellt sie das Vorgehen der Weko klar: «Wir schreiten ein, wenn eine unzulässige Absprache oder ein Missbrauch der marktbeherrschenden Stellung vorliegt. Dies kann etwa aufgrund von Medienberichten geschehen oder wenn jemand klagt.»

Drei der alternativeren Konzertlokale der Deutschschweiz, das St. Galler Palace, die Rote Fabrik in Zürich und die Basler Kaserne, verkaufen alle ihre Billette über Starticket. Eine Alternative wäre der Ticketvertrieb Petzitickets. «Wir dachten anfänglich darüber nach, einen Teil unseres Ticketings über Petzi zu machen, entschieden uns dann aber für Starticket, weil wir alles bei einem Anbieter machen wollten», erklärt Thomas Keller, Geschäftsführer der Kaserne Basel. Die Rote Fabrik verkaufte ihre Billette lang in Plattenläden. «Bei grösseren Konzerten wollten immer mehr Leute aus dem Ausland und der ganzen Schweiz Billette kaufen. Die Nachfrage nach einem Onlinevorverkauf wurde immer grösser», erklärt Evelyn Curnis von der Roten Fabrik. «Wir entschieden uns für Starticket, weil diese einen Service, eine Präsenz und gute Werbung anbieten konnten, was Petzi zu diesem Zeitpunkt nicht hatte.» In St. Gallen hatte Petzi keine Vorverkaufsstelle, deshalb entschied man sich für Starticket. Damian Hohl vom Palace erklärt: «Bei Starticket konnten wir auf ein Netz von Vorverkaufsstellen zurückgreifen.»

Wie in Eschers Wasserfallbild

Im Kauf von Starticket durch die Tamedia sieht Keller von der Kaserne Vorteile: «Die Werbewirksamkeit hat zugenommen, was sich für uns günstig auswirkt.» In der Roten Fabrik wird die Entwicklung kritisch gesehen: «Früher war es ein Thema, dass man nicht zu einem grossen Ticketanbieter wollte», erzählt Curnis. «Wir werden die Diskussion über die Übernahme aber sicher noch führen.» Im St. Galler Palace steckt man bereits in der Diskussion: «Es verändert die Ausgangslage», sagt Hohl, «der Wechsel wird derzeit intern diskutiert.»

Den Schweizer Billettmarkt teilen zwei Medienriesen unter sich auf: Man verdient am Erfolg von Konzerten mit, die man vorher in «20 Minuten» oder im «Blick» angepriesen hat. Es ist wie beim berühmten Wasserfallbild von M. C. Escher: Die Quelle speist sich stets aus dem Abfluss.

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