Nr. 47/2013 vom 21.11.2013

Festival

Saint Ghetto

Die aus Slowenien stammende Band Laibach wird kontrovers diskutiert. Die deutsche Bezeichnung für die Hauptstadt Ljubljana als Bandname und die Verwendung von Symbolen des Faschismus polarisierten bei ihren ersten Auftritten in den achtziger Jahren. Auftrittsverbote für die Gruppe, die sich als Gesamtkunstwerk und Teil der Bewegung Neue Slowenische Kunst verstand, folgten. Inzwischen ist die Band mit ihrem Industriesound etabliert und Teil der Musikszene und des Kunstmarkts. Mit Palais Schaumburg hat eine der wichtigen Bands der Neuen Deutschen Welle zur Originalbesetzung zurückgefunden, und mit den Sparks kommen zwei Herren aus den USA ans Saint Ghetto in Bern, deren Geschichte gar in die siebziger Jahre zurückreicht.

Mit dem Rapper Sensational, der mit dem Produzenten Koyxen aus Osaka zusammenarbeitet, kommt das Festival im Heute an und mit der jungen englischen Sängerin Nadine Shah schon im Morgen. Der Berner Schlagzeuger Julian Sartorius hat «No Compass Will Find Home» des Klangkünstlers Merz, alias Conrad Lambert, auf Song und Perkussion reduziert und dem Album ein neues Klangkleid übergestülpt. In der Liveverarbeitung sind die Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor, Arno Troxler und Lionel Friedli an der Seite von Sartorius.

Saint Ghetto in: Bern Dampfzentrale, Do–Sa, 21.–23. November 2013. www.dampfzentrale.ch

Fredi Bosshard

Unerhört

Das Zürcher Unerhört macht das Dutzend voll und geht an sechs Tagen an acht verschiedenen Veranstaltungsorten über die Bühne. Der Akkordeonist Hans Hassler eröffnet das Programm mit einer Hommage an den Bündner Volksmusiker Paul Kollegger. Die US-amerikanische Sängerin Lauren Newton und der Saxofonist Tony Malaby sowie die deutschen Musiker Günter «Baby» Sommer und Ulrich Gumpert haben Kompositionen für Grossformationen aus dem Umfeld der Musikschulen von Luzern respektive Zürich geschrieben und bringen sie erstmals auf die Bühne.

Mit Archie Shepp kommt wieder einmal einer der grossen Tenorsaxofonisten der Black Music zu Besuch. In der englischen Musikzeitschrift «Wire» hat der 76-Jährige kürzlich erzählt, dass er als wütender junger Mann begonnen hat und nun ein wütender alter Mann ist. Einer, dem die Idee von einem «black president» nie gefallen hat. Bei Barack Obama würde man jetzt sehen, wie er für die Verbrechen der Weissen den Kopf hinhalten müsse und im Kongress wie ein «second class citizen» behandelt werde. Gespannt sein kann man auch auf das Duo Stephan Crump (Kontrabass) und Mary Halvorson (Gitarre), das mit seinem CD-Erstling «Secret Keeper» ein Kleinod vorgelegt hat.

Unerhört in: Zürich Museum Rietberg, Rote Fabrik, Mehrspur und andere Orte, Di, 26. November, 
bis So, 1. Dezember 2013. www.unerhoert.ch

Fredi Bosshard

Konzert

Knackeboul

«Überleg dir kurz, was hast du dafür getan, dass du hier in der Schweiz geboren wurdest? Was haben deine Eltern dafür getan?», fragt Knackeboul in einem YouTube-Film, den er im September dieses Jahres online stellte und in dem er sich über den zunehmenden Rassismus in der Schweiz ärgert. «Nichts, oder?» lautet seine Antwort. «Denn wo wir geboren werden, ist Zufall.» Dieses Gejammer über den «Asylmissbrauch» mache ihn wahnsinnig hässig, denn: «Es geht uns huere gut in der Schweiz. Diesem Land hier geht es nicht so gut wegen den Bauern, diesem Land hier geht es so gut wegen den Banken.» Fünfzehn Minuten dauert der engagierte Film, in dem sich der junge Musiker dezidiert äussert.

Etwas länger dauert hoffentlich sein Auftritt im Kultur- und Begegnungszentrum Union in Basel, das sein zehnjähriges Bestehen feiert. Das Union ist in Kleinbasel zu Hause und ist ein Ort, wo Menschen sich begegnen, sei es an einem Workshop zum bosnischen Blues, in einem Kurs zu kyrillischen Buchstaben, an einer Feier der Woche der Religionen oder an der Kinderpiazza. Nun wird also gefeiert: mit Knackeboul, Bleu Roi, Magatte Baye, Jaro Milko & The Cubalkanics und Piaensemble.

10 Jahre Union in: Basel Union, Sa, 23. November 2013, 18.15 Uhr bis 20 Uhr Jubiläumsfeier mit Eröffnungsrede von Regierungspräsident Guy Morin, ab 21.15 Uhr Konzerte. www.union-basel.ch

Silvia Süess

Tagung

Kurt Marti

«Marti steht mit seinem umfangreichen, sich durch Sprachlust auszeichnenden Werk für eine menschliche, von Zivilcourage und Geschwisterlichkeit geprägte Gesellschaft.» So lautete die Begründung der Jury, die Kurt Marti 1997 den Tucholsky-Preis zusprach. 92 Jahre alt ist der Autor und Pfarrer heute, und für sein Schaffen hat er weitere Preise erhalten. Marti war während über zwanzig Jahren Pfarrer an der Nydeggkirche in Bern, engagierte sich im Kampf gegen Atomwaffen, Atomkraft und den Vietnamkrieg und schrieb Zeitungsartikel, Kolumnen, Gedichte und Geschichten.

«Grenzverkehr» – so der Titel einer interdisziplinären Tagung zu seinem Werk, in deren Rahmen auch ein musikalischer Marti-Abend stattfindet: Der Autor Guy Krneta und der Musiker Ruedi Schmit vertonen, variieren, erweitern und lesen gemeinsam mit dem Mark Koch Trio Gedichte von Kurt Marti.

Kurt-Marti-Tagung «Grenzverkehr» in: Zürich Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie, Kirchgasse 9, Fr/Sa, 22./23. November 
(Anmeldung unter hermes@theol.uzh.ch).

Musikalischer Marti-Abend in: Zürich Literaturhaus, Fr, 22. November 2013, 19.30 Uhr. www.literaturhaus.ch

Silvia Süess

Film

Valzeina – «Life in Paradise»

Seit 2007 betreibt der Kanton Graubünden im 140-Seelen-Dorf Valzeina im Prättigau ein Asylausreisezentrum. Ganz oben am Hang leben dort abgewiesene AsylbewerberInnen in einem Vakuum zwischen verweigerter Aufnahme und drohender Ausschaffung im alten Ferienheim Flüeli. Die WOZ hat in den letzten Jahren immer wieder über Valzeina berichtet, über die Solidaritätsbewegung im Dorf und die Skrupellosigkeit der Bündner Behörden.

Nun hat der Filmemacher Roman Vital aus Arosa einen Dokumentarfilm über Valzeina und sein Flüchtlingsheim gedreht. «Life in Paradise» heisst er und stellt tatsächlich paradiesisch anmutende Landschaftsbilder eindringlichen Gesprächen mit Einheimischen, Behörden und Asylsuchenden gegenüber. Vital zeigt die Wut, die Trauer und die Ratlosigkeit in der Solidaritätsgruppe Miteinander Valzeina, als eine Flüchtlingsfamilie ohne Vorankündigung im «Flüeli» abgeholt und in ein Ausschaffungsgefängnis gesteckt wird. Er redet mit den DorfbewohnerInnen über die praktischen Auswirkungen der Asylpolitik vor der eigenen Haustür, schaut dem Zentrumsleiter über die Schulter, wenn er einem «Flüeli»-Bewohner die Hausregeln darlegt, und hört den Asylsuchenden zu, wenn sie den Staat analysieren, der nicht ihr Gastland sein will. Auffällig dabei: Mit den Einheimischen redet Vital direkt, die Fremden beobachtet er beim Miteinander-Sprechen.

«Life in Paradise» in: Zürich Kino Xenix, 
So, 24. November 2013, 12 Uhr; Davos Kino Arkaden, So, 1. Dezember 2013, 18 Uhr, 
Mi, 4. Dezember 2013, 20.30 Uhr; Liestal Kino Sputnik, So, 8. Dezember 2013, 11 Uhr.

Dominik Gross

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