Nr. 49/2013 vom 05.12.2013

Wireless, Woogle und Wahoo

Frei von Spionen und Internetgiganten: In Athen will eine Gruppe Technikbegeisterter das Netz zurückerobern. Sie baut ein eigenes, paralleles Internet, das bald einmal ganz Griechenland überziehen könnte.

Von Carlos Hanimann

Bis zu 5000 Personen sind schon dabei: Joseph Bonicioli (links) mit Nikos und Giorgos, seinen Kollegen vom Athens Wireless Metropolitan Network. Foto: Spyros Tsakiris, Doc4Life

Während zehn Jahren war Joseph Bonicioli auf Hausdächer gestiegen, hatte Funkantennen und Satellitenschüsseln ausgerichtet, nächtelang am Computer gesessen und über all die Zeit Hunderte, vielleicht auch Tausende Euros in elektronische Geräte gesteckt. Aus Neugier. Aus Interesse an der Technik. Und aus Spass. Bis er im Januar 2011 die Nachrichten sah.

Am 27. Januar, um exakt 22 Uhr, 12 Minuten und 36 Sekunden, zog Telecom Ägypten den Stecker. Die vier weiteren ägyptischen Netzbetreiber folgten in den nächsten dreizehn Minuten, und um 22.30 Uhr jenes Donnerstagabends war ein ganzes Land mit 80 Millionen EinwohnerInnen aus dem Internet verschwunden. 23 Millionen Menschen verloren mitten in jenen revolutionären Tagen des Arabischen Frühlings ihren digitalen Anschluss an die Welt. Es war ein einzigartiger Vorgang, den man in diesem Ausmass nie zuvor gesehen hatte. Doch die Proteste gingen weiter. Nach fünf Tagen liess Hosni Mubarak das Internet wieder aufschalten. Zwei Wochen später musste er abtreten.

Der 38-jährige Joseph Bonicioli verfolgte das Geschehen in seinem Haus im Norden Athens über das Internet. Er war bestürzt, aber überrascht war er nicht. Es war schon früher vorgekommen, dass Netzzugänge blockiert und Inhalte gefiltert worden waren, und es geschieht weiterhin – in den USA, in China, im Iran. Bonicioli, der mit neunzehn Jahren nach Coventry in England gezogen war, um Elektrotechnik und Computerwissenschaften zu studieren, wusste um diese Gefahren. Er hatte es nur für eine Frage der Zeit gehalten, bis ein gross angelegter Shutdown Tatsache werden würde. Und trotzdem war dieser Abend ein Wendepunkt für ihn. Ihm wurde klar, dass sein Hobby, das Projekt, an dem er seit fast zehn Jahren arbeitete, mehr war als ein bisschen Spass mit FreundInnen. Bonicioli ist der Präsident eines Vereins, der ein eigenes, Athen umspannendes, kabelloses Netzwerk aufgebaut hat – ein eigentliches Parallelinternet, das Athens Wireless Metropolitan Network (AWMN).

Eigene Dienste im eigenen Netzwerk

Athen von oben: Eine schier endlose Häuserwüste, auf drei Seiten von Gebirgszügen umgeben, auf der vierten zum Meer hin geöffnet. Vier Millionen Menschen leben hier auf vierzig Quadratkilometern. Und alle könnten sich – mit ein wenig technischem Know-how und ein paar Stunden Handarbeit – an das Athener Netzwerk von Bonicioli und seinen FreundInnen anschliessen. Die Geografie Athens ist dafür nahezu perfekt: eine flache Ebene ohne grössere Erhebungen, kaum Hochhäuser, fast ausschliesslich Flachdächer, auf denen sich Funkantennen auch ohne Kletterausrüstung installieren lassen. Bonicioli steht auf dem Hausdach seines Freundes Giorgos Paikaris und schaut auf die griechische Metropole. Hinter ihm eine rund drei Meter hohe Metallstange, an der sieben Parabolantennen befestigt sind, geschmückt mit glänzenden CDs, die die Vögel davor abschrecken sollen, an den Kabeln zu knabbern.

Seinen Anfang nahm das Athens Wireless Metropolitan Network vor etwa zehn Jahren. Breitbandinternet war im Kommen, und bald wurden auch kabellose Verbindungen zum Internet populär. In einem griechischen Internetforum las Bonicioli damals, wie ein paar Leute versuchten, ihre Internetverbindung mit Funkantennen über grössere Distanzen mit anderen zu teilen. «Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück und lachte», sagt er. Er hatte selbst ähnliche Versuche unternommen, zum Teil erfolgreich, wusste aber auch, wie schwierig das Unterfangen war. Immer wieder zog es ihn in das Forum, er verfolgte, wie die anderen bei ihren Versuchen Fortschritte machten, und irgendwann war er schliesslich selbst Teil des Experiments. Die technischen Geräte wurden billiger, immer mehr Personen schlossen sich an: Sie kauften Satellitenschüsseln und verbanden ihre Computer über Funk mit den Computern ihrer NachbarInnen.

Ging es anfangs darum, einen Internetanschluss zu teilen, begannen die Technikfreaks bald, eigene Dienste im eigenen Netzwerk einzurichten. Heute ist das AWMN nicht mehr nur ein Hobby von Tüftlern und Bastlerinnen. Die Antennen befinden sich nicht mehr nur auf Hausdächern, sondern auch auf den Sendemasten eines griechischen Privatsenders, der dem AWMN hilft, das Signal über die Hügelkette hinwegzutragen, die Athen umgibt. Sogar die Insel Evia, 38 Kilometer vom Festland entfernt, ist seit drei Jahren an das Netzwerk angeschlossen.

Im AWMN findet man fast alles, was es auch im regulären Internet gibt: zahlreiche Websites, Foren, Radiostationen, Filesharing-Plattformen, eine digitale Bibliothek, Voice-over-Telefonie mit einer eigenen Vorwahlnummer: 5410. Die Zahl der Dienste hat in den letzten Jahren so stark zugenommen, dass die NutzerInnen des AWMN sogar eigene Suchmaschinen eingerichtet haben: Woogle und Wahoo (das W steht für Wireless).

Mittlerweile sind zwischen 3000 und 5000 Personen an das AWMN angeschlossen, knapp 1000 Knoten, sogenannte Backbone Nodes, bilden das Rückgrat des Funknetzwerks, das zu den grössten weltweit gehört.

Das Netz denen, die es betreiben

Auf den ersten Blick ist die Technologie dahinter ziemlich simpel: Die Knoten sind über Funk miteinander verbunden und bilden so ein eigenes Netzwerk. Die Daten werden dezentral über die umliegenden Knoten gesendet. Das macht das Netzwerk weniger anfällig: Fällt ein Knoten aus, werden die Datenpakete einfach über den nächsten Knoten weitergeleitet.

Wer Zugang will, kann sich als NutzerIn an einen der existierenden Knoten anschliessen. Oder baut selbst einen Knoten, der sich mit anderen Knoten in der Umgebung verbindet und Daten verteilt. Zudem hat das AWMN rund 200 Hotspots in der Stadt eingerichtet, wo man sich einloggen kann.

Und trotzdem: Das Netzwerk wurde nicht über Nacht gebaut, es ist das Ergebnis jahrelanger Freizeitarbeit, gebaut und unterhalten von Geeks, fast ausschliesslich Männern, mit einer technischen Universitätsausbildung. «Die Idee, dieses Netzwerk zu bauen, ist so verrückt», sagt Bonicioli, «dass kein Unternehmen der Welt einen solchen Auftrag annähme. Würde man unsere Arbeit zu einem regulären Stundenansatz verrechnen, gingen die Kosten dafür nicht in die Millionen, sondern in die Milliarden.» Das System AWMN funktioniert nur, weil die Instandhaltung und Weiterentwicklung des Netzwerks von den Mitgliedern der Community selbst besorgt wird. Das Netz gehört denen, die es betreiben.

Auch die Politik hat die Bedeutung des AWMN mittlerweile erkannt. Die EU unterstützt drei Community-Netzwerke – guifi.net in Katalonien, funkfeuer.at in Wien und das AWMN in Athen – bis 2015 mit insgesamt fünf Millionen Euro. Die Netzwerke sollen auf Nachhaltigkeit und Leistungsfähigkeit getestet werden. Verschiedene Experimente sollen damit finanziert werden, Giorgos Paikaris etwa tüftelt derzeit an einer Antenne, die das Funksignal über zwanzig Kilometer übertragen kann. Der finanzielle Zuschuss aus Brüssel hilft, dennoch gehören die fehlenden Gelder zu den Hauptsorgen des AWMN. «Das Projekt ist ein Teilzeitjob», sagt Bonicioli. Ferien hat er seit Jahren nicht mehr gemacht, seine Freizeit geht für das AWMN drauf. Letztes Jahr steckte er fast 700 Stunden in das Netzwerk, das hat er fein säuberlich notiert, weil er wissen wollte, wie viel Arbeit wirklich dahintersteckt.

«Darum ist die Community so wichtig», sagt Bonicioli. Sie ist Herz und Seele des Projekts. Das Entscheidende sei, die Gemeinschaft zusammenzuhalten, nicht nur digital, sondern von Angesicht zu Angesicht. Nur so blieben die Mitglieder motiviert, hielten ihre Knoten am Laufen, nähmen neue Experimente in Angriff. Demnächst will Bonicioli wieder wöchentliche Treffen organisieren, bei denen die Mitglieder zusammenkommen. Nicht nur, um über das Netzwerk zu sprechen, sondern schlicht, um sich kennenzulernen und Gedanken auszutauschen. Deshalb ist er zurückhaltend, wenn er auf Wachstum angesprochen wird, auf das Potenzial des AWMN, auf die Möglichkeit, mit dem Netzwerk ganz Griechenland zu überziehen oder noch weiter zu gehen. Zuerst möchte er lieber das Erreichte auf eine stabile Basis setzen, die Analysewerkzeuge des Netzwerks verbessern, damit Probleme einfacher und schneller behoben werden können.

Das Internet der Zukunft?

Fertiggestellte Produkte hätten ihn nie beeindruckt, sagt Bonicioli, ihn faszinieren die Entstehungsprozesse. «Ein Auto, das über die Strassen rollt, hat schon was. Aber wirklich spannend ist doch die Fabrik, in der es hergestellt wird: die Maschinen, die Organisation, der Bau.» Darin sieht Bonicioli, der Dinosaurier im Netzwerk, auch die politische Bedeutung des AWMN: «Wir sind Macher, keine Schwätzer», sagt er. «Wir kehren gewissen Entwicklungen, die man derzeit beobachten kann, zwar nicht den Rücken zu. Aber wir versuchen, unser eigenes Ding durchzuziehen.»

Angesichts des zunehmenden Drucks auf ein freies Internet sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Initiativen entstanden, die Ähnliches anstreben wie das AWMN: eigene Netzwerke ohne Filter und privilegierte Daten, vollkommen frei von staatlichen SchnüfflerInnen und privatwirtschaftlichen Datenkraken. In Berlin und Wien zum Beispiel gibt es ähnliche, wenn auch kleinere, Netze wie in Athen, in Katalonien wächst ein Netz, das über 20 000 Menschen, vor allem in ländlichen Gebieten, miteinander verbindet. Allein in Griechenland sind in den letzten Jahren fast zwanzig solcher Netze entstanden: lokal, netzneutral und dezentral. Und trotzdem wird Bonicioli wortkarg, wenn man ihn fragt, ob Alternativnetze wie das AWMN das Internet der Zukunft seien.

Andere sind da euphorischer, Giorgos Paikaris zum Beispiel. Der 33-Jährige ist seit einem Jahr beim AWMN, zuvor war er in den USA und studierte Computerwissenschaften. Für ihn ist klar, dass die dezentrale Organisation die Zukunft ist. Nicht nur das Internet, auch Stromnetze würden künftig so organisiert sein. «Alles andere wäre dumm, weil ein zentrales System viel zu anfällig ist.»

Das Athener Netzwerk komplett abzuschalten, sagt Bonicioli dann, wäre wohl kaum möglich. Wäre ein Szenario wie in Ägypten 2011 in Athen überhaupt denkbar? «Man müsste schon der ganzen Stadt den Strom kappen.»

Als Bonicioli neulich für eine Präsentation alle aktiven Knoten und Verbindungen Griechenlands auf einer Karte einzeichnete, sah er, dass nur noch wenig fehlt, um das ganze Land zu erschliessen. Er grinst, als er davon erzählt, weil diese Karte ihn trotz aller Bescheidenheit mit Stolz erfüllt. Sie zeigt, wie viel er und die AWMN-Community in den letzten zehn Jahren erreicht haben.

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