Nr. 34/2015 vom 20.08.2015

Die Miteinanderökonomie

Griechenland liegt ökonomisch am Boden? Ja, das auch. Dank vieler kleiner Projekte ist das Krisenland aber ein Beispiel für ein kreatives, anderes Wirtschaften.

Von Robert Misik, Athen

Im Strassengewirr von Exarchia, dem hippen Anarchobezirk von Athen, steht die Hitze, und Maria Calafatis sitzt auf einem Klappsessel vor dem «Cube» in der Klisovisstrasse und trinkt einen Caffè freddo. Calafatis und ihr Partner Stavros Messinis sind zwei der zentralen Figuren der hiesigen Start-up-Szene. Der «Cube» ist ein Co-Working-Space, in dem auf sechs Etagen zwei Dutzend Start-ups untergebracht sind. Die meisten sind im Techbereich tätig, einige in der Tourismusbranche.

«Aus der Komfortzone»

Vor sieben Jahren haben Calafatis und Messinis ihr erstes Co-Working-Space eröffnet (Freiberufler, Kreative, kleinere Start-ups oder digitale NomadInnen arbeiten an solchen Orten in meist grösseren, offenen Räumen und können auf diese Weise voneinander profitieren). Es platzte schnell aus allen Nähten, sodass sie nun das ganze Bürohaus in der Klisovisstrasse belegen. Im obersten Stockwerk residiert die Venture-Capital-Firma Openfund des VIP-Ökonomen Aristos Doxiadis, der Investorenkapital aus der ganzen Welt in die junge Start-up-Szene lenkt. Auch Anwälte und Notarinnen sind Teil des Netzwerks, die Unternehmen den Weg durch den Bürokratiedschungel bahnen.

«Die Krise ist nicht nur schlecht», sagt Maria Calafatis mit dem milieutypischen Elan. «Sie hilft, Leute aus der Komfortzone zu bringen.» Die Mentalitäten ändern sich – und auch die Staatsgläubigkeit. Man merkt, dass Maria diese Geschichte schon oft erzählt hat. Sie spult sie nicht routiniert und gelangweilt ab, aber mit dieser profimässigen Engagiertheit, die Leute mit einer Mission und einem langen Atem haben, die gewohnt sind, Investoren zu überzeugen und bei Bürokratinnen die Türe öffnen zu müssen. Im Erdgeschoss basteln ein paar IT-Jungs aus Spanien an Bitcoin-Bankomaten. Die virtuelle Währung hat gerade recht viel geholfen, weil sie von den Kapitalkontrollen nicht erfasst, aber in Euro transferierbar ist – damit konnten Überweisungen getätigt werden, die ansonsten nicht möglich gewesen wären. Begeistert erzählt Maria Calafatis etwa die Geschichte von Taxibeat, dem kleinen Start-up, das hier vier Freunde begonnen hatten und so ähnlich wie Uber funktioniert, aber beinahe jede Art von persönlicher Dienstleistung anbietet, die mit Transport zu tun hat. Als die Firma über dreissig Beschäftigte hatte, zog sie aus – mittlerweile expandierte der Laden nach Brasilien, Frankreich, Norwegen und Rumänien.

Heute verdienen die GriechInnen mit Exporten der Softwareindustrie schon sehr viel mehr Geld als mit dem Verkauf von Olivenöl. «Obwohl das ökonomische Umfeld so negativ ist, wurden während der Krise Tausende Firmen gegründet», schreibt der Autor Nick Malkoutzis in einer Studie. Tatsächlich ist das auch eine Art, in einer Lage ohne funktionierende soziale Netze mit der Arbeitslosigkeit umzugehen. Heute sind 32,4 Prozent der GriechInnen, die irgendwie an der Erwerbswirtschaft partizipieren, Selbstständige. Viele davon sind Freiberuflerinnen oder Kleinunternehmer. Aber gerade in der Krise sind das Kleinunternehmertum und die gemeinwirtschaftliche und kooperative Sharing-Ökonomie kaum voneinander zu unterscheiden. Es ist eine Art von Miteinanderökonomie, die neue «Greeconomy». Das lässt sich sogar schon an Meinungsumfragen ablesen. So hat sich die Zahl derer, die sich unentgeltlich für gemeinwohlorientierte Angelegenheiten engagieren würden, um 44 Prozent erhöht.

Besser in der Krise

Viele Initiativen sind in einer Grauzone zwischen Unternehmertum und Solidaritätsaktionen angesiedelt. Der Kleinunternehmer Giorgis Goniadis erzählt von der Verbraucherinitiative Bios-Coop, einem genossenschaftlichen Laden in Thessaloniki, dessen Betreiberkollektiv nur mit Bäuerinnen und Zulieferern aus der Umgebung zusammenarbeitet. Das schafft direkt Jobs in den Verkaufsläden und indirekt Jobs in der Landwirtschaft, fördert die Umstellung auf ökologisch hochwertige Produkte und sorgt zudem dafür, dass die schwindende Kaufkraft der GriechInnen nicht auch noch an Multis wie Nestlé fliesst. «Kooperativen wie Bios-Coop können der Krise besser trotzen als normale Firmen», heisst es in einer Studie der Universität Thessaloniki.

Athen, der grosse Park um die Archäologische Gesellschaft, die in einem wunderschönen klassizistischen Gebäude im Westen der Stadt residiert. Üppige Oleanderhecken mit bunten Blüten umgeben den Garten. Hier haben sich schon im Mai Engagierte aus vielen Bereichen zum Commons Festival 2015 getroffen. Selbstverwaltete Fabriken haben ihre Projekte ebenso vorgestellt wie AktivistInnen aus dem Landesinneren, die ganze Dörfer mit freiem WLAN vernetzen, oder die Beschäftigten des Staatsfernsehens ERT, die, nachdem die vorige Regierung den Sender abgeschaltet hatte, einfach in Eigenregie weiterarbeiteten. Die Commons-Fantasien, die in unseren Breiten oft etwas Utopisches und Aseptisches haben, werden hier plötzlich ganz praktisch.

Die «normalen» Start-ups und die Netzwerke solidarischer Ökonomie sind nicht in zwei diametral unterschiedlichen Logiken angesiedelt, weshalb der linke britische Wirtschaftsjournalist Paul Mason in seinem gleichnamigen Buch schon einen «Postcapitalism» anbrechen sieht. «Ich glaube, diese ökonomischen Formen bieten eine Rettungsgasse – aber nur, wenn diese Projekte der Mikroebene gehätschelt werden, wenn sie beworben und geschützt werden, und das muss vor allem durch die Regierungen geschehen.»

Es braucht Vertrauen

Ioannis Margaris sieht das gar nicht so unähnlich. Der Techniker ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des öffentlichen Energieversorgers Hellenic Electricity Distribution Network Operator und hier vor allem für Innovation und den Umstieg auf erneuerbare Energien zuständig. Das griechische Elektrizitätssystem bietet eine Reihe von Herausforderungen, aber eben auch von grossen Chancen. Zu den Herausforderungen zählen: Griechenland besteht aus vielen kleinen isolierten Inseln; viele GriechInnen können aufgrund der Armut ihre Stromrechnungen nicht mehr bezahlen, dennoch versucht die Regierung ihnen eine Basisversorgung zu garantieren. In den letzten Jahren hat sich eine regelrechte «Solar-Bubble» entwickelt, was wiederum den Nachteil hatte, dass ganze Landstriche der Landwirtschaft entzogen wurden. Margaris setzt deshalb auf eine smarte, dezentrale Elektrizitätswirtschaft der Zukunft, mit vielen kleinen autonomen Produzenten und Smart Grids, also intelligenten Kleincomputern in jedem Haus, die Produktion und Verbrauch optimieren. «Die Zukunft liegt in Produktionsclustern», sagt er, «Griechenland könnte dann auch zu einem Exporteur von Wissen, Expertise und von guten, funktionierenden Beispielen werden.» Zwar fehlen der Regierung natürlich Mittel für grosse Investitionen, aber, so Margaris, «wenn man gute Projekte hat, dann fliesst auch Geld» – gerade im Kontext der europäischen Energiewirtschaft, in der viele Firmen und Elektrizitätsgesellschaften neue Technologien und Organisationsformen erproben wollen. «Aber das wird nicht als Top-down-Prozess funktionieren, dafür braucht man das Vertrauen der Bürger und der Konsumenten. Dann wachsen auch kreative Ideen von unten.»

Viele Hundert zivilgesellschaftliche Netze, die von Nahrungskooperativen bis zu lokalen Tauschringen mit Parallelwährungen reichen, hat die griechisch-österreichische Politikwissenschaftlerin Konstantina Zöhrer kartografiert. Darunter befinden sich auch selbstverwaltete Solidaritätskliniken, wie die in Thessaloniki, dort, wo die Innenstadt in die Armenbezirke übergeht, untergebracht in einem alten Gewerkschaftshaus. Dreissig Prozent der GriechInnen sind ohne Krankenversicherung, das sind drei Millionen Menschen, die nicht einmal im Notfall zum Arzt gehen können. «Wir waren dreissig Verrückte, die die Idee hatten, eine Klinik für diese Leute zu gründen», sagt Katerina Notopoulou, die hier mit anderen Freiwilligen dafür sorgt, dass die Abläufe passen, dass genügend Medikamente aufgetrieben werden können, dass Spenden aus dem In- und Ausland hereinkommen. Jetzt arbeiten 300 Freiwillige für die Klinik, und noch einmal 300 weitere ÄrztInnen haben ihre Praxen für jene geöffnet, die ihnen die Solidaritätsklinik vorbeischickt. «Zahnärzte, Frauenärzte, Allgemeinmediziner, wir haben hier alles.» Rund vierzig solche medizinischen Selbsthilfeprojekte gibt es mittlerweile im ganzen Land.

Seife statt Baumaterial

Ein ganz anderes Beispiel ist die Firma Viome, weit draussen im Industriegürtel von Thessaloniki. Dimitis lugt durch das provisorische Guckloch eines notdürftig zusammengeschraubten Aluminiumtors und lacht auf. «Kommt rein», sagt er. Viome war eine Baumaterialfirma, die von ihren Eigentümern geschlossen werden sollte. Die ArbeiterInnen sind dann in den Streik getreten, haben ihre Fabrik besetzt und nach einiger Zeit beschlossen, sie in Eigenregie weiterzubetreiben. Aber die Baustoffproduktion war gegenüber den produktiver erzeugten ausländischen Konkurrenzprodukten nicht mehr wettbewerbsfähig, und ausserdem ist der Markt für Baumaterialien zusammengebrochen, da in der Krise kaum jemand mehr ein Haus baut. Also sind linke Wissenschaftler beigesprungen und haben eine Marktanalyse erstellt. «Sie sagten uns, wir sollten am besten hochwertige Naturprodukte herstellen», erzählt Dimitis. Heute produzieren die Viome-ArbeiterInnen ökologische Reinigungsmittel und Seifen. Ökologisch korrekt und auch noch von kämpferischen Menschen im selbstverwalteten Betrieb hergestellt – die Viome-Produkte könnten in unseren Breiten sicher wahre Renner in den Bioläden werden.

«Natürlich kann man nicht sagen, dass das ein positives Resultat der Krise ist», meint Elektrizitätsmanager Margaris. Dazu habe die Krise zu viel zerstörerische Folgen. «Aber es gibt viele Beispiele von kreativen Ideen von unten, von Investitionen in die Commons.»

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