Nr. 50/2013 vom 12.12.2013

Die enttäuschte Revolutionärin

Von Brigitte Matern

«Ich bin geflohen, weil ich zu viel hatte. Du, weil du zu wenig hattest. Jetzt eint der Sozialismus unsere Anstrengungen», soll sie 1903 zum jungen Benito Mussolini gesagt haben. Elf Jahre später war es vorbei mit der Einigkeit. Der Linksradikale, mit dem sie das sozialistische Zentralorgan «Avanti!» herausgab, wurde zum Kriegstreiber, während sie als Pazifistin zum Generalstreik gegen den «Krieg der Kapitalisten» aufrief. Damals sass die Russin bereits im Vorstand der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) und forcierte den Ausschluss des «Verräters».

Zur Welt kam die Philosophiedoktorin und Nationalökonomin wohl 1875 bei Kiew. Ihr Vater, ein reicher Gutsbesitzer, starb früh; mit der despotischen Mutter vertrug sie sich nicht. Mit zwanzig entfloh sie ihr und dem verhassten Zarenreich und zog, fünf Fremdsprachen im Handgepäck, in die Welt hinaus. Sie studierte in Brüssel, Leipzig und Berlin, fand dort Anschluss an die sozialistische Bewegung und ging schliesslich nach Rom, um die Vorlesungen des Marxisten Antonio Labriola zu hören. Dabei verliebte sie sich in das «wunderbare Auffassungsvermögen des italienischen Volkes, seine revolutionäre Solidarität» und trat dem PSI bei.

1902 wurde die begabte Rednerin in die Schweiz entsandt, um die italienischen ArbeitsmigrantInnen in den St. Galler Textilfabriken zu organisieren. Als 1905 die Russische Revolution ausbrach, veranstaltete sie Solidaritätskampagnen. 1910 ging sie nach Italien zurück, nutzte jedoch fünf Jahre später wieder die nun neutrale Schweiz, um eine internationale Opposition gegen den Krieg auf die Beine zu stellen.

Nach der Oktoberrevolution ging sie nach Moskau und wurde Sekretärin der neu gegründeten Kommunistischen Internationale. Die Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands 1921 entzweite sie jedoch endgültig mit Lenin. Sie liess sich zunächst in Rom, dann auf der Flucht vor den Faschisten in Paris, Wien und schliesslich in New York nieder. 1947 kehrte die Sozialistin nach Italien zurück.

Wer war die 1965 verstorbene, international renommierte Politikerin und Publizistin, die 1918 zu Beginn des Landesstreiks aus der Schweiz gewiesen wurde?

Wir fragten nach Angelica Balabanoff (1875/78–1965). Sie machte den mittellosen Gelegenheitsarbeiter Mussolini mit der Schweizer Linken bekannt. Von 1904 bis 1906 war sie Redaktorin der in Lugano erscheinenden Frauenzeitschrift «Su, compagne» (Erhebt euch, Genossinnen).
1915 bereitete sie in Bern mit Clara Zetkin die Internationale Konferenz sozialistischer Frauen gegen den Krieg vor; im gleichen Jahr leitete sie mit Robert Grimm die Zimmerwalder Konferenz in die Wege, an der auch Lenin und Trotzki teilnahmen. Im Oktober 1918 reiste sie als Vertreterin des
russischen Roten Kreuzes nach Zürich, wurde jedoch am 12. November auf Geheiss des Bundesrats ausgewiesen, weil sie die Sicherheit gefährde. 1947 schloss sie sich der neu gegründeten Sozialistischen Partei der italienischen Arbeiter (PSLI) an.

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