Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Videoprojektion

Philippe Saxer

Philippe Saxer war einer der Protagonisten in Alfredo Knuchels Film «Halleluja! Der Herr ist verrückt» (2004). Knuchel porträtiert in seinem Dokumentarfilm sechs Menschen, die alle eine lange Krankengeschichte sowie einen starken künstlerischen Ausdruckswillen haben.

So auch Saxer. Während seiner Lehre als Kunstglaser besuchte er die Fachklasse für freie Kunst an der Schule für Gestaltung in Bern. Er kam nach einem manischen Schub 1988 zum ersten Mal in die Waldau, die psychiatrische Klinik in Bern, und war später mehrmals wegen manisch-depressiver Krankheitsschübe dort. Als 2003 der Verein Kunstwerkstatt Waldau gegründet wurde, machte der gelernte Kunstglaser und leidenschaftliche Zeichner und Maler von der ersten Stunde an aktiv mit. Saxer gehörte zu den bekanntesten Art-brut-Künstlern der Gegenwart und war sehr vielseitig. Zu seinem Schaffen gehörten Glasarbeiten, Ölbilder, Aquarelle, Gouachen, Tusch-, Bleistift- und Kreidezeichnungen, Zinngussfiguren, Comics und Medaillons. Die Sujets seiner Werke sind Menschen, Tiere und Sexualität. Saxer konnte seine grossflächigen, expressiven Werke in über siebzig Ausstellungen im In- und Ausland zeigen.

Im vergangenen Dezember hat sich Philippe Saxer aus der Gefangenschaft seiner unerträglichen Krankheit befreit. Er war gerade einmal 48 Jahre alt geworden. Der Kulturpunkt im Berner Progr zeigt zur Erinnerung an den Künstler eine Videoprojektion aus Zusammenschnitten diverser Film- und Werkaufnahmen des Künstlers. Unter anderem sind auch Szenen aus «Halleluja! Der Herr ist verrückt» zu sehen.

Videoprojektionen Philippe Saxer in: Bern Kulturpunkt Progr, Do, 23. Januar 2014, 
bis Mi, 12. Februar 2014, jeweils 18–24 Uhr. 
www.kulturpunkt.ch

Silvia Süess

Lesung

Steckborner Pentalogie

Die fünf Bände «Jugend am Ufer», «Beim Wirt zum Scharfen Eck», «Zu Vaters Zeit», «Bis sich die Nacht in die Augen senkt» und «Rebell» werden auch als «Steckborner Pentalogie» bezeichnet. Der 1924 in Steckborn am Untersee geborene Otto Frei hat in ihnen Erinnerungen an den Ort versammelt, in dem er die ersten Jahre seines Lebens verbrachte. Er ist ein guter Beobachter, der beschreibt, was in der kleinen Stadt am See an Originalen unterwegs ist, was sich auf dem Seerücken so tut und wie der Aufstieg des Nationalsozialismus von der gegenüberliegenden Seeseite her seinen Schatten wirft.

Frei, der zur Zeit des Kalten Kriegs für die NZZ aus der «Frontstadt» Berlin berichtete und zwischen 1966 und 1989 als Korrespondent aus dem Welschland, debütierte als Schriftsteller 1973 mit «Jugend am Ufer». In seinem literarischen Schaffen, das von seiner journalistischen Arbeit mitgeprägt ist, verwendet er gerne dialektgefärbte Wendungen und bildhafte Darstellungen.

Charles Linsmayer, der Freis Werke als Lektor begleitete, hat im vergangenen Herbst die «Steckborner Pentalogie» unter dem Titel «Bis sich die Nacht in die Augen senkt» in der Reihe «Reprinted by Huber» in einem Band veröffentlicht und mit einem biografischen Nachwort versehen. Für die Buchvernissage haben nun die Schauspieler Daniel Ludwig und Oliver Daume die Konfrontation zwischen einem überstarken Vater und seinem Sohn, die sich durch Freis Werk zieht, szenisch umgesetzt.

«Otto Frei: Bis sich die Nacht in die Augen senkt», mit Daniel Ludwig, Oliver Daume und Charles Linsmayer in: Zürich Literaturhaus, Do, 23. Januar 2014, 19.30 Uhr; in: Steckborn Phönix-Theater, 
Sa, 25. Januar 2014, 19.30 Uhr.

Fredi Bosshard

Tag des jüdischen Buches

Die Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) gilt als «Kulturgut von nationaler Bedeutung»: Ihre Gründung 1939 war ein mutiges Zeichen, die Überlieferung der jüdischen Kultur zu sichern. Die ICZ-Bibliothek hat als einzige deutschsprachige Einrichtung ihrer Art den Holocaust überstanden und bildet mit ihren heute rund 50 000 Medien ein wichtiges Zentrum des jüdischen Wissens.

Die Finanzierung der Bibliothek ist allerdings ungewiss, sodass bereits eine Schenkung der wissenschaftlichen Sammlung an die Zentralbibliothek erwogen wurde. Um die Eigenständigkeit der Bibliothek zu erhalten, hat sich im letzten Jahr der Verein für jüdische Kultur und Wissenschaft mit dem Schriftsteller Charles Lewinsky an der Spitze gegründet.

Um die Vielfältigkeit der Bibliothek zu zeigen, findet nun zu ihrem 75. Geburtstag im Zürcher Stadthaus ein Tag des jüdischen Buches statt, mit Vorträgen, Lesungen und Gesprächen, unter anderen mit Martin Hamburger und Urs Faes, die ihre neuen Romane vorstellen.

«Tag des jüdischen Buches» in: Zürich Stadthaus, Musiksaal, So, 26. Januar 2014, ab 11 Uhr. www.vjkw.ch

Kaspar Surber

Kunstprojekt

Aus dem Labor

«Transform» ist eine künstlerische Versuchsanordnung, die jedes Jahr als Zwischennutzung in leer stehenden Räumen in Bern stattfindet. Jeweils eine Woche lang können KünstlerInnen den Raum frei nach ihren Ideen transformieren. Voraussetzung ist nur, dass der Raum als untrennbarer Teil der Kunst thematisiert wird. Die KünstlerInnen geben sich im einwöchigen Rhythmus die Klinke in die Hand, und der Schauplatz verändert sich während der sieben Wochen Laufzeit des Projekts dauernd.

Die Idee für «Transform» stammt von der Theaterregisseurin Sybille Heiniger und dem Kunstwissenschaftler Franz Krähenbühl. Das Projekt findet bereits zum dritten Mal statt. Darstellende Kunst, Musik und bildende Kunst treffen aufeinander, wenn das Kunstlabor am Freitag seine Tore öffnet. Dann wird das Wochenprotokoll der Transformationen vorgestellt, es werden Konzerte gespielt und Performances aufgeführt. Ausserdem sind die für die jeweilige Woche zuständigen KünstlerInnen anwesend.

Diesen Freitag gibt es ein Konzert mit The E’s (Nicolas Python, Dave Lozer) mit Saul de Angelis. Zu den anwesenden KünstlerInnen gehören Rebecca Rebekka, Brigitte Lustenberger, Valentina Vuksic und Peter Zumstein. Der künstlerische Prozess, die Experimente, die im Labor gemacht wurden, werden so für die Öffentlichkeit zugänglich, und die Transformationen können Woche für Woche mitverfolgt werden.

«Transform» in: Bern Güterstrasse 8, jeden Freitag ab 19.30 Uhr. Bis 28. Februar 2014. www.transform.bz

Anina Ritscher

Performance

Uccelin

So ein Ärger mit diesem Vogel: Der Bündner Künstler Hans Danuser hat letztes Jahr einen Kunst-am-Bau-Wettbewerb für das Schulhaus Quader gewonnen. Doch bereits bei der Preisverkündigung letzten Mai machte der Churer Stadtrat einen Rückzieher. Aus Spargründen soll das Projekt «Uccelin» nicht realisiert werden. Der Künstler liess dieses Argument jedoch nicht gelten und reichte Beschwerde ein.

Damit der Vogel doch noch zum Fliegen kommt, realisieren nun verschiedene Churer Kunstschaffende das Projekt «Uccelin – eine Singvogel-Suite». Die Singvogel-Musikperformance hat Corin Curschellas entwickelt. Sie singt gemeinsam mit Astrid Alexandre und Ursina Giger. Hans Hassler spielt dazu das Akkordeon und Mario Giovanoli Flöte. Für eine theatrale Umsetzung sorgt Stevvi Production.

«Uccelin – eine Singvogel-Suite» in: 
Chur Postremise, Do, 23. Januar, 20 Uhr. 
www.postremise.ch

Silvia Süess

Ausstellung

Pascale Marthine Tayou

Zu Beginn seiner Karriere in den neunziger Jahren fügte Pascale Marthine Tayou seinem Vornamen ein «e» hinzu, weil er so eine ironische Distanz zu maskulinen beziehungsweise femininen Zuschreibungen schaffen und gleichzeitig die künstlerische Autorenschaft etwas verschleiern wollte. Seit seinen erfolgreichen Beteiligungen an der Documenta in Kassel (2002) und der Biennale Venedig (2005 und 2009) gelingt das nicht mehr.

Der in Nkongsamba, Kamerun, geborene Künstler bespielt nun im Kunsthaus Bregenz nicht nur alle drei Etagen, sondern auch die Treppenhäuser und verbindet die einzelnen Teile zum Gesamtkunstwerk «I Love You!». Mit seinen «Poupées Pascale» zitiert er die «afrikanische Stammeskunst», verbindet dabei Kristallglasfiguren mit hölzernen Fundstücken und schafft so eine historisch-aktuelle Verbindung. Er konzipiert mit mehreren Hundert Vogelhäuschen eine Miniaturfavela oder lässt emaillierte Kochtöpfe zu einer Siegessäule anwachsen.

Pascale Marthine Tayou «I Love You!» in: 
Bregenz Kunsthaus, Fr, 24. Januar, 19 Uhr, Eröffnung. Di–So, 10–18 Uhr; Do, 10–21 Uhr. 
www.kunsthaus-bregenz.at

Fredi Bosshard

Anina Ritscher

Mikronowellen

In Bern kennt man die Slampoetin und Autorin Sandra Künzi vor allem für ihre grosse Klappe. Nun erscheinen ihre frechen Texte unter dem Titel «Mikronowellen» in Buchform. Künzi ist Mitbegründerin der Autorinnenreihe Tittanic, die ihren Anfang 2005 in Bern hatte und ihren Bekanntheitsgrad seither über die Kantonsgrenzen hinaus ausweiten konnte. Ausserdem ist sie Initiantin des elektronischen Trip-Hop-Musikprojekts Akku.

Neben Slamtexten und kurzen Geschichten enthält «Mikronowellen» auch Zeichnungen der Künstlerin. Der Inhalt sei zu 43 Prozent in Mundart, wie der Umschlag des Buchs nach den Vorschriften der korrekten Produktdeklaration informiert. Jetzt trägt die Autorin höchstpersönlich Texte und Lieder aus ihrem Buch in einer Leseshow vor. Die Kontrabassistin Reg Fry begleitet sie, und gemeinsam geben die beiden einige von Künzis Liedern zum Besten. Was sie mit einer grossen Portion Spaghetti auf der Bühne anstellen, sei an dieser Stelle aber nicht verraten.

«Mikronowellen Live» in: Zürich Bundeshaus zu Wiedikon, 
So, 16. Februar 2014, 16 Uhr. Weitere Aufführungen auf: 
www.sandrakuenzi.ch

Anina Ritscher

Weiterhin

Ausstellungen

Unerwünscht

Wie bei allen illegalen ImmigrantInnen ist Godwins Situation paradox: Um Geld zu verdienen, muss er sein Gesicht jeden Tag in der Öffentlichkeit zeigen. Um nicht von der Polizei entdeckt zu werden, muss er unsichtbar bleiben. Seine Reise begann in Nigeria, gestrandet ist er schliesslich in Neapel, wo er nun Topflappen auf der Strasse verkauft, um zu überleben. Erwünscht ist er weder dort noch sonst wo in Europa. Trotzdem taucht er plötzlich überall in europäischen Städten auf: in Hauseingängen, an Strassenecken und Fassaden. In Zürich etwa wurde er vor dem Café Collana beim Opernhaus und an der Tramhaltestelle beim Limmatplatz gesichtet.

2011 startete der Künstler Georg Klein ein Projekt, das Godwin als Stellvertreter unzähliger illegaler MigrantInnen in Europa sichtbar machen soll. Menschen aus ganz Europa schicken ihm Fotos von Orten, an denen sie Godwin gerne sehen würden. Klein schickt ihnen eine Fotomontage mit einem Foto von Godwin vor dem gewünschten Hintergrund zurück. Diese Plakate hängen die Menschen an die fotografierte Stelle, sodass Godwin sich fast unmerklich in den Hintergrund einfügt. Über einen QR-Code auf den Plakaten können PassantInnen Godwins Geschichte hören.

Wer Godwin helfen will, in das Bewusstsein der PassantInnen zu gelangen, kann sich am Projekt beteiligen und ein Foto vom gewünschten Hintergrund an godwin@georgklein.de senden – Anregungen gibts in der aktuellen Ausstellung in Zürich, wo eine Auswahl der einzigartigen Plakate zu sehen ist.

«Tracing Godwin» in: Zürich Kunsthaus 
Aussersihl/OG9, Lagerstrasse 98/99, bis 29. Januar 2014.

Anina Ritscher

Art & Arcade

Im Haus für elektronische Künste an der Osloerstrasse in Basel simuliert der Gastkurator Alain Bieber unter dem Titel «Art & Arcade» einen Spielsalon. Es ist die letzte Ausstellung an dieser Adresse, bevor die Institution in den Neubau an der Freilagerstrasse umzieht.

Sieben KünstlerInnen und Kunstgemeinschaften aus aller Welt haben unterschiedliche Arcade-Spielkonsolen zu einer Gruppenarbeit vereint. «Painstation», «PentaPong», «The Machine», «Radical ATM», «Tesla Arcade», «Cage was a n00b» und «Racer» sind mit Arbeiten von Jodi, Evan Roth und Hussein Chalayan und anderen kombiniert. Und wie es sich für eine echte Spielhalle gehört, sind die Konsolen nicht nur zu sehen, sondern auch spielbar.

«Spielsalon: Art & Arcade» in: Basel/Münchenstein Haus für elektronische Künste. 
Mi–Fr, 15–20 Uhr; Sa/So, 13–20 Uhr, bis 16. März 2014. www.haus-ek.org

Fredi Bosshard

Security

Der 1969 in Lausanne geborene Fotograf Marc Renaud beschäftigt sich seit zehn Jahren mit dem Thema Sicherheit. Nun hat er verschiedene Aspekte seiner Sicht auf dieses Phänomen unter dem Titel «Security – eine Trilogie» zusammengefasst. Im ersten Teil «Security» befasst er sich mit den posttraumatischen Aspekten nach dem 11. September 2001 in New York und zeigt Arbeiten, die dort 2003 und 2004 entstanden sind. «Security in Blue», zwischen 2007 und 2010 entstanden, beschäftigt sich mit den blauen Beleuchtungen, die zu Nachtzeiten die Drogenszene aus Nischen, WC-Anlagen und Hauseingängen fernhalten sollen. Im letzten Teil der Trilogie wendet er sich verschiedenen eingeübten Katastrophenszenarien zu, die er als Formalisierung einer kollektiven Angst begreift.

Marc Renaud «Security – eine Trilogie» in: Basel Galerie Eulenspiegel, Di–Fr, 9–12, 14–18 Uhr; Sa, 10–16 Uhr. Bis 8. Februar 2014. www.galerieeulenspiegel.ch

Fredi Bosshard

Photobastei

Im Zürcher Haus zur Bastei, das Anfang der fünfziger Jahre vom Architekten Werner Stücheli geplant wurde, wird momentan einiges «zurückgebaut». Allerdings nur so weit, dass bis September 2014 eine Zwischennutzung möglich wird. Das neungeschossige Haus am Zürcher Schanzengraben diente einst einer Bank als Bürogebäude. Die zentrumsnahen Arbeitsplätze wurden an die Peripherie verlegt, damit sich die Angestellten im meditativen Pendeln üben können.

Für acht Monate werden nun unter dem Namen «Photobastei» gegen 1500 Quadratmeter als Ausstellungsfläche für zeitgenössische Fotografie zur Verfügung stehen. Der Zürcher Kurator Romano Zerbini, der seit Ende der neunziger Jahre den Swiss Photo Award und die EWZ-Selection organisiert, bespielt im Ganzen sieben Etagen an der Bärengasse. Die unteren beiden Stockwerke sind renommierten FotografInnen für kuratierte Grossausstellungen vorbehalten. Den Anfang macht der Magnum-Fotograf Paolo Pellegrini. Auf ihn folgen René Groebli, Henry Leutwyler, Jim Rakete und Diana Scheunemann.

Der grössere Teil des Hauses ist aber für kleinere Ausstellungen vorgesehen: FotografInnen, Gruppen, Stiftungen, Agenturen und Hochschulen können die Räume gegen Miete wochenweise für ihre Statements nutzen. Die Vernissagen finden jeweils donnerstags statt und machen die Veränderungen in der «Photobastei» sichtbar.

Parallel zur Ausstellung wird mithilfe von Sandbox Gallery, einer Software, mit der sich ein virtueller dreidimensionaler Raum konzipieren lässt, der reale Raum nachgebaut. In diesem können die MieterInnen ihre individuellen Ausstellungen auf virtueller Ebene gestalten und über die Ausstellungsdauer hinaus in einer Wolke schweben lassen.

«Photobastei» in: Zürich Bärengasse 29. Di–So, 12–21 Uhr. 
Bis 1. September 2014. www.photobastei.ch

Fredi Bosshard

Lachende Würste

In den dreissiger Jahren eroberten zunehmend Markenartikel die Regale der Lebensmittelgeschäfte und Dorfläden. Sie verdrängten die anonyme Stapelware. 1945, nach Kriegsende, folgten die ersten Selbstbedienungsläden. Die KundInnen mussten sich selbst über Produkte informieren. Damit sie dabei die Orientierung nicht verloren, wurde mit Werbung etwas nachgeholfen.

Der französische humoristische Zeichner Marius Rossillon alias O’Galop entwarf mit Bibendum bereits 1898 eine Figur, die menschenähnliche Züge aufwies und für Autopneus warb. Jahre später verlor Bibendum seinen Namen und wurde als Michelin-Männchen weltbekannt. Die Idee der «beseelten Produkte» wurde in den dreissiger Jahren wieder aufgenommen, und Bibendum feierte in vielerlei Gestalt Auferstehung. Als roter Wollstrang warb ein Torwart für Schaffhauser Wolle. Er angelte sich mit Schiebermütze auf dem Kopf den Ball, der ein Wollknäuel war.

Der bekannte Grafiker Herbert Leupin schuf 1949 die lachende Wurst, die auf die Produkte der Metzgerei Ruff aufmerksam machte. Ein abenteuerliches Teigwarenmännchen balancierte einen dampfenden Teller Spaghetti für die Firma Wenger, und das Akkordeon spielende Blasenmännchen machte auf Persil aufmerksam: «die strahlende Symphonie moderner Wäschepflege». Die Vermenschlichung der beworbenen Produkte hatte zwischen 1930 und 1950 ihre beste Zeit. Sie entführte in eine kindliche Welt, liess Märchen und Fabeln anklingen und geriet dann Ende der fünfziger Jahre wieder ausser Mode.

«Lachende Würste, fussballspielende Wollknäuel» in: Zürich Schweizer Nationalbank, Schaufenster an der Fraumünsterstrasse/Stadthausquai. Bis 10. März 2014.

Fredi Bosshard

Vintage

«I wear your granddad’s clothes, I look incredible» (Ich trage die Kleider deines Grossvaters, ich sehe unglaublich aus), rappt der US-amerikanische Musiker Macklemore in «Thrift Shop», was eine Art Brockenhaus bezeichnet. Der Erfolg dieses Lieds hat deutlich gezeigt, dass der Trend des Alten und Gebrauchten inzwischen im Mainstream angekommen ist. Es gilt als modisch, die alten Lederschuhe des Grossvaters oder eine Sonnenbrille aus den siebziger Jahren zu tragen. Secondhandläden wählen ihre Produkte heute sorgfältiger aus und präsentieren sie ansprechend. Die etwas verstaubten Wühlgeschäfte sind edlen Boutiquen gewichen.

Das Wort «Vintage» stammt ebenfalls aus dem Englischen und steht für «alt» oder «erlesen». Es ist eine Mode der jüngeren Generation, die sich dem Konsumwahn der letzten Jahrzehnte entgegensetzt. Gleichzeitig nutzen ihn Mode- und MöbelherstellerInnen, indem sie ihren Produkten den Anschein eines gebrauchten Gegenstands geben. Das Museum für Gestaltung in Zürich greift diesen Trend mit der Ausstellung «Vintage. Design mit bewegter Vergangenheit» auf. Ausgestellt werden Möbel und Kleider, die den Wunsch nach Gegenständen aus der Vergangenheit und den Reiz des Gebrauchten ausstrahlen. Am Beispiel der mit Sandstrahlern bearbeiteten Jeans betont die Ausstellung aber auch die Ambivalenz des Vintage-Trends und hinterfragt unsere Sehnsucht nach natürlich und künstlich gealterten Objekten.

«Vintage. Design mit bewegter Vergangenheit» in: Zürich Museum für Gestaltung. Bis 6. April 2014. 
www.museum-gestaltung.ch

Anina Ritscher

Auf dem Holzweg

Hermann Blumer, der am 20. November seinen 70. Geburtstag feiert, ist schwer zu fassen. Ist er nun Erfinder, Künstler, Berater, Mentor, Koordinator oder gar alles zusammen? Was sicher ist: Alles dreht sich bei ihm ums Holz, und das seit über fünfzig Jahren. Mit der Ausstellung «Leidenschaftlich auf dem Holzweg. Hermann Blumer erfindet Holz in Waldstatt» wird nun in Teufen sein Lebenswerk geehrt. Blumers Werdegang wird mit zahlreichen Fotos und Plänen aus seinem Privatarchiv dokumentiert. Technische Erfindungen, die im Holzbau in aller Welt Spuren hinterlassen haben, lassen sich so nachvollziehen. So stand Blumer dem renommierten japanischen Architekten Shigeru Ban, der den neuen Erweiterungsbau des «Tages-Anzeigers» in Zürich entworfen hat, als Berater für weit gespannte Holzkonstruktionen zur Seite. Exemplarische ältere Arbeiten werden mit Plänen, Skizzen, Modellen und Fotos dargestellt. Das in den siebziger Jahren entworfene Eisstadion von Davos ist nicht über das Modell herausgekommen. Katalin Deér und Roland Bernath haben für die Ausstellung fotografiert, und eine ganze Reihe von KünstlerInnen, darunter Gabriela Brühweiler und Pascal Lampert, zeigen «eingeholzte Objekte». Sie lassen so das Zeughaus Teufen zum Zeighaus werden.

Parallel zur Ausstellung erscheint im Appenzeller Verlag das Buch «Holz kann die Welt verändern» von Ralph Brühweiler, das unter anderem auch darstellt, wie Blumer dem Werkstoff Holz zu neuem Wachstum verholfen hat.

«Leidenschaftlich auf dem Holzweg» in: Teufen Zeughaus. Mi–Sa, 14–17 Uhr; Do, 14–19 Uhr; So, 12–17 Uhr. Bis 8. März 2014. www.zeughausteufen.ch

Fredi Bosshard

Anton Bruhin

Anton Bruhin ist Maler, Zeichner, Erfinder von Palindromen (Wortfolgen, die vor- und rückwärts gelesen werden können) und spielt die Maultrommel mit Leidenschaft und Virtuosität. Der in Lachen geborene Künstler lebt seit Jahren in Zürich und gehört zu den ruhigen und beharrlichen Menschen, die immer für eine Überraschung gut sind.

Bruhin zeichnet von Hand, mit Tusche und Farbstiften, malt in Öl und nutzt den Computer, bleibt aber immer originell. Bruhin war bei der legendären Ausstellung «Saus und Braus» (Zürich, 1980) und auch wieder bei «Freie Sicht aufs Mittelmeer» (Zürich, 1999) dabei. Nun sind einige seiner Werkgruppen in einer Einzelausstellung in Emmenbrücke zu sehen. Lassen Sie sich von seinem Palindrom «Ein O-Ton, o Monotonie!» nicht auf eine falsche Fährte locken.

Anton Bruhin in: Emmenbrücke, Kunstplattform Akku. Mi–Sa, 14–17 Uhr; 
Sa, 10–17 Uhr. Bis 19. November 2014. 
www.akku-emmen.ch

Fredi Bosshard

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