Nr. 08/2014 vom 20.02.2014

Ausstellung

Latinamerica Collection

Vor etwas mehr als zwei Jahren ist die Daros Latinamerica Collection, die während einiger Jahre im Zürcher Löwenbräu-Areal ihr Domizil hatte, nach Rio de Janeiro umgezogen. Nun werden einige wichtige Exponate dieser wohl wichtigsten Sammlung für Gegenwartskunst aus Lateinamerika in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel zu sehen sein. Es sind weitgehend Arbeiten, die in den vergangenen drei Jahrzehnten geschaffen wurden. Sie reichen von den mächtigen Installationen des Brasilianers Cildo Meireles über die malerischen Kartografien des Argentiniers Guillermo Kuicta bis zu den Möbelobjekten von Doris Salcedo aus Kolumbien.

Die Ausstellung wird mit einem Videoprogramm ergänzt, das sich mit Identität und Erinnerung auseinandersetzt und den Fokus auf Themen wie Naturmagie, historische Überlieferung, Verstädterung und Imagination richtet. Dabei treffen künstlerische Interpretationen auf politische Realitäten.

Daros Latinamerica Collection in: Riehen/Basel Fondation Beyeler, Fr, 21. Februar 2014, bis 
So, 27. April 2014. Täglich 10–18 Uhr, Mi bis 20 Uhr. www.fondationbeyeler.ch

Fredi Bosshard

Festival

Mullbau

In Reussbühl, in der Nähe der Bushaltestelle «Fluhmühle», am Rand von Luzern also, pulsiert die Stadt anders als im Zentrum. Von den BewohnerInnen wird die Ecke, in der an die fünfzig Nationalitäten zusammenleben, liebevoll Lindenstrasse genannt. Andere sprechen abschätzig vom «Ghetto». In einem etwas tiefer gelegenen Innenhof liegt das Konzertlokal Mullbau. 2008 haben MusikerInnen der Gruppe Nacktmull eine Plattform für die frei improvisierte Musik geschaffen.

Bereits zum dritten Mal findet nun ein dreitägiges Festival statt, an dem sich einheimische MusikerInnen mit Gästen aus England, Island und den USA treffen. Zum Auftakt spielt Pius Strassmann ein Blockflötensolo und übergibt dann an den Zürcher Posaunisten Andreas Tschopp. Er bringt seine Gruppe Eklektik Elektrik mit, der auch die Sängerin Joana Aderi angehört. Der Luzerner Saxofonist Urs Leimgruber trifft auf den Schlagzeuger Roger Turner aus London. Weitere Soli folgen von Roman Nowak (Gitarre), Barry Guy (Kontrabass) und dem Saxofonisten Mars Williams aus Chicago.

Besonders spannend dürfte das Abschlusskonzert des Mullbau-Festivals werden. Es bringt die Begegnung des New Yorker Multiinstrumentalisten Shazad Ismaili mit dem Berner Schlagzeuger Julian Sartorius; beide bewegen sich wie Chamäleons zwischen Rock, Pop und Jazz. Mit von der Partie sind die Berliner Pianistin Johanna Borchert und die aus Island stammende Cellistin Gyda Valtusdottir.

Mullbau-Festival in: Luzern Mullbau, 
Lindenstrasse 32A, Do–Sa, 20.–22. Februar 2014, 
jeweils 20 Uhr. www.mullbau.ch

Fredi Bosshard

Theater

Faszination Ultrabewegung

Der Tessiner Hockeyklub Ambrì-Piotta habe «die beste Fankurve» der Schweiz, meinte die WOZ (Nr. 5/14) kürzlich. Die Fans der Curva Sud im Valascia-Stadion am südlichen Fusse des Gotthardmassivs gelten als besonders leidenschaftlich und leidensfähig. Luca Langensand ist einer davon, ein Ultra. Gemeinsam mit seiner Schwester, der Schauspielerin Nina Langensand, hat Luca, der eigentlich Jurist ist, ein Theaterstück über seine Leidenschaft geschrieben. Das Stück heisst entsprechend «ultra» und wird nächste Woche im Tojo-Theater der Berner Reitschule aufgeführt.

Das Theaterstück funktioniert dabei als Interview, als fragendes Gespräch zwischen den Geschwistern Luca und Nina Langensand. Sie versucht zu ergründen, was ihren Bruder, einen Juristen, so sehr antreibt und umtreibt an diesem Verein aus der Leventina mit seinem unmodernen Stadion und seiner dezidiert linken Fankurve. Im Zentrum stehen Fragen wie «Wann bin ich glücklich?» und «Was braucht es dazu?». Den gesellschaftlichen und politischen Hintergrund des Gesprächs bildet die Ultrabewegung, die seit Jahren von Politik und Medien kriminalisiert wird – was Auswirkungen auf die ganze Jugendbewegung, aber auch auf den Alltag des jungen Juristen hat. So werden im Privaten plötzlich gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar.

«ultra» wirft einen persönlichen und hintergründigen Blick auf eine Sportfankultur, über die ansonsten nur aufgeregt diskutiert wird. Den Rahmen bildet dabei der wohl aussergewöhnlichste Profisportverein dieses Landes. Forza, Ambrì, toi, toi, toi!

«ultra» in: Bern Tojo Theater/Reitschule, 
Do, 27. Februar 2014, und Sa, 1. März 2014, 20.30 Uhr, 
sowie So, 2. März 2014, 19 Uhr. www.tojo.ch

Jan Jirát

Museums-Slam

Literatur trifft Kunst

Dass sich Kunst und Literatur bestens vermählen, lässt sich derzeit in der «Blockbuster»-Ausstellung «Expressionismus in Deutschland und Frankreich» im Zürcher Kunsthaus betrachten. Basel führt nun aber vor, was passiert, wenn LiteratInnen eigens ins Museum gehen, um sich von verschiedensten Exponaten inspirieren zu lassen. Nachdem das Museum für Geschichte im Januar bereits den Anfang gemacht hat, treffen sich unter dem sprechenden Motto «Das Herz auf der Zunge» Slam-PoetInnen aus der ganzen Schweiz Ende Februar im Anatomischen Museum der Universität Basel. Was bei Hazel Brugger, Kilian Ziegler und den slammenden MitstreiterInnen beim Anblick präparierter Gehirne oder altem Sezierbesteck wohl herauskommen mag? Das ultimative Crime Poem oder eine poetische Animation des «carpe diem»?

Einen Monat später gibt dann das Antikenmuseum Basel den Gastgeber für die sechs geladenen AutorInnen. Wer als SiegerIn hervorgeht, erhält eine Flasche Whisky, um auch nach der Session in Fahrt zu bleiben.

Museums-Slam in: Basel Museum für Geschichte, Anatomisches Museum und Antikenmuseum, 
Do, 27. Februar 2014, und Do, 27. März 2014, jeweils 19.30 Uhr. www.museumbasel.ch

Ulrike Baureithel

Lesung

Europas radikale Rechte

Die Gratulationen liessen nicht lange auf sich warten: So schrieb Karl Richter, Vizebundesvorsitzender der deutschen Neonazipartei NPD, das Ergebnis zur Abschottungsinitiative sei ein «weithin ausstrahlendes politisches Signal gegen die Entmündigung der europäischen Völker». SVP-Präsident Toni Brunner duckte sich erst mal weg, mit ausländischen Parteien pflege man keine Kontakte.
 Was Europas RechtspopulistInnen eint und was sie trennt, dieser Frage gehen Martin Langebach und Andreas Speit in ihrem Reportagenband «Europas radikale Rechte» (siehe WOZ Nr. 44/13) nach: Nüchtern im Ton, genau in der Beschreibung zeigen sie die verschiedenen Organisationsformen der extremen Rechten quer durch Europa, vom modernisierten Front National in Frankreich bis zu den uniformierten Jobbik-Schlägertrupps in Ungarn. Besonders bedrohlich wirken die Rechten, abgesehen von der direkten Gewalt, wenn sie im Alltag präsent sind: etwa die Bewegung Casa Pound in Italien, die sich mit Hausbesetzungen für bezahlbaren Wohnraum starkmacht.

Koautor Andreas Speit kommt nun für eine Lesetour in die Schweiz. Der Zeitpunkt könnte dringender nicht sein. Von den Europawahlen im Mai erhofft sich die extreme Rechte eine Stärkung. «Die anhaltenden ökonomischen und politischen Krisen befeuern einschlägige Vorurteile und Einstellungen», schreiben die Autoren. Eine Einigung auf europäischer Ebene befürchten sie zwar nicht. Zu unterschiedlich sind die ideologischen Traditionen und territorialen Ansprüche. Stoppen aber kann sie letztlich nur eines: der Einsatz für eine «plurale, liberale und offene Gesellschaft».

Lesung und Diskussion mit Andreas Speit in: 
Bern Politforum Käfigturm, 21. Februar 2014, 19.30 Uhr; in: Luzern Neubad, 23. Februar 2014, 19 Uhr; in: St. Gallen CaBi-Antirassismustreff, 24. Februar 2014, 
20 Uhr.

Kaspar Surber

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