Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Ausstellung

Fluchtpunkt Eritrea

Momentan befinden sich rund eine Million EritreerInnen – das sind zwanzig Prozent der Bevölkerung Eritreas – in der Diaspora. Laut Schätzungen leben 18 000 von ihnen in der Schweiz, viele mit einem hängigen Asylgesuch. Im Rahmen der Ausstellung «Fluchtpunkt Eritrea» im Aarauer Forum Schlosspark kommen sie zu Wort.

Pheben Ashgedom, die 1979 mit ihrer Mutter als 13-Jährige in die Schweiz einreiste und im Glarnerland ansässig wurde, war bis vor zwei Jahren mit der eritreischen Diaspora kaum vernetzt. Mit dem Beginn der aktuellen Flüchtlingswelle hat sich die Ethnologin verstärkt mit ihren Landsleuten beschäftigt und ist inzwischen zur gesuchten Übersetzerin und Kulturvermittlerin geworden. Sie verleiht den EritreerInnen in der Schweiz eine Stimme, berichtet von ihren alltäglichen Herausforderungen im Schweizer Alltag und informiert über Fluchtgründe.

Die Fotografien und Videoarbeiten von Uzma Mohsin dokumentieren das Leben von EritreerInnen, die versuchen, in einem fremden Land Fuss zu fassen. Die Arbeiten der aus Neu-Delhi stammenden Künstlerin gehen – doppelt gebrochen – der Frage nach, was Identität und Zugehörigkeit bedeuten. Der britische Fotograf Edward Denison bereiste Eritrea in verschiedenen Jahren und zeigt in der Ausstellung modernistische, von Italianità geprägte Architektur aus der Hauptstadt Asmara. Sie ist Zeugin der italienischen Kolonialgeschichte, die 1941 zu Ende ging, aber bis heute das Strassenbild in Asmara mitprägt. In einem historischen Teil erfährt man vom St. Galler Aviatikpionier Walter Mittelholzer, der 1934 für den Kaiser von Abessinien, Haile Selassie I, ein Flugzeug überführte, das mit einem Thronsessel ausgestattet war.

«Fluchtpunkt Eritrea» in: Aarau Forum Schlossplatz, Fr, 21. März 2014, 18.30 Uhr, Vernissage. 
Mi/Fr/Sa, 12–17 Uhr; Do, 12–20 Uhr; So, 11–17 Uhr. 
Bis 5. Juni 2014. www.forumschlossplatz.ch

Fredi Bosshard

Von Kaufleuten und verkauften Bräuten

Hohenems in Vorarlberg hat eine besondere Bedeutung in der jüdischen Geschichte: 1607 wurden die ersten Juden durch den örtlichen Reichsgrafen angesiedelt, hier wirkten über die Grenzen hinweg bekannte Rabbiner, aber auch die Schriftsteller Jean Améry und Stefan Zweig hatten in Hohenems ihre familiären Wurzeln. Die Spuren des einstigen Jüdischen Viertels finden sich noch heute in der Stadt, aus der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts viele JüdInnen in die wirtschaftlich vielversprechendere Schweiz auswanderten. 1942 wurde die letzte Jüdin des Ortes nach Theresienstadt deportiert.

Das in Hohenems ansässige Jüdische Museum ist Bewahrerin dieser dramatisch abgebrochenen Geschichte. Mit der Ausstellung «Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden – eine Welt vor 1914» blickt es hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg auf die Lebenswelt der Habsburger Juden und ihre Hoffnungen, die sie auf den Vielvölkerstaat richteten. Sie erzählt von Kaufleuten und Lastenträgern, Erfindern und verkauften Bräuten und was sich im riesigen Habsburgerreich seit dem späten Mittelalter sonst noch ansiedelte. 400 jüdische Gemeinden existierten 1914 schliesslich in der Donaumonarchie, nachdem das Staatsgrundgesetz von 1867 die Judenemanzipation eingeleitet hatte – und mit ihr der Antisemitismus zu einer grenzüberschreitenden Ideologie wuchs. Das Museum präsentiert Leihgaben aus Museen und Sammlungen in Europa und den USA, Objekte und schriftliche Zeugnisse, in denen sich Lebensgeschichten verdichten, die einen gemeinsamen Kern haben: den Glauben an ein Europa, in dem auch Juden in Frieden leben konnten.

«Die ersten Europäer. Habsburger und andere Juden – eine Welt vor 1914» in: Hohenems (Österreich, Grenze Diepoldsau) Jüdisches Museum, 23. März bis 5. Oktober 2014, Di–So, 10–17 Uhr. 
www.jm-hohenems.at

Ulrike Baureithel

Film

«The Act of Killing»

Es ist wie bei der Packungsbeilage eines Medikaments: Lesen Sie diesen Text, bevor Sie sich entscheiden, den Film tatsächlich zu sehen. Im Zentrum des Dokumentarfilms «The Act of Killing» stehen Massenmörder, die noch heute als Helden verehrt werden. Es sind jene Männer, die in der «Saison der Hackmesser», die auf den Putsch von General Suharto im Oktober 1965 in Indonesien folgte, im Blutrausch über angebliche KommunistInnen und chinesische ImmigrantInnen herfielen. Zwischen einer halben und drei Millionen Menschen sollen sie umgebracht haben. Bis heute sind die Massaker nicht aufgearbeitet worden.

Bis der US-amerikanische Filmemacher Joshua Oppenheimer mit ihnen das Gespräch suchte – und auf Männer traf, die begeistert von ihren damaligen Gräueltaten erzählten. Was Oppenheimer, der einen Grossteil seiner Verwandten in den KZs verloren hatte, gleichzeitig entsetzte und dazu trieb, die Grenzen des Dokumentarischen zu sprengen: Er schlug den Männern vor, nicht nur von ihren Taten zu berichten, sondern diese zu reinszenieren, Folterverhöre nachzustellen und dabei in die Rolle der Täter wie der Opfer zu schlüpfen.

«Massenmord als etwas Heldenhaftes zu feiern, ist der Grundstein für Straffreiheit», so Oppenheimer in einem Interview. «Was in Indonesien passiert ist, ist eine Metapher für Straflosigkeit überall auf der Welt.» Sein Film hat in Indonesien fundamentale Fragen bei der Bevölkerung aufgeworfen. Nachdem der Film bereits in verschiedenen Schweizer Kinos gelaufen ist, zeigt ihn jetzt das stattkino Luzern am 23. und am 26. März 2014.

«The Act of Killing» in: Luzern stattkino, 
So, 23. März 2014, 18 Uhr, und Mi, 26. März 2014, 20.30 Uhr. www.stattkino.ch

Franziska Meister

Konzert

Im Schaltkreis (und an der Küste)

Die Reihe «Electronic Circuit» in der Berner Dampfzentrale hat sich zum Ziel gesetzt, taktgebende VertreterInnen der elektronischen Musikszene zu verbinden. Am 22. März 2014 wartet eine Clubnacht mit dem Briten Andy Stott, der Estin Inga Copeland und der Japanerin Kyoka. Andy Stott hat beim Label Modern Love immer wieder neue Auswege der Techno- und Housemusik ergründet, komplex und schön zugleich. Ein Meisterwerk ist das 2012 erschienene Album «Luxury Problems», bei dem über den Beats atmosphärisch der Gesang von Alison Skidmore schwebt, einer Bekannten Stotts aus Kindertagen.

Copeland bildete zusammen mit Ex-Partner Dean Blunt das Duo Hype Williams, das seine kryptischen Tracks unter anderem auf dem stilprägenden Label Hyperdub veröffentlichte. Das Selbstwertgefühl hat Copeland nach der Trennung nicht verloren: Diesen Mai erscheint ihr erstes Soloalbum mit dem Titel «Because I’m Worth It». Kyoka schliesslich ist die erste Frau auf dem Raster-Noton-Label, ihr Sound zeichnet sich durch direkte Rhythmen aus.

Noch ein Tipp fürs Berner Konzertpublikum, nicht unten an der Aare, sondern hinter der Lorrainebrücke: Schon am Donnerstag spielen im Café Kairo Be Forest ihren melodischen Noise-Pop. Die Band stammt aus dem Ort Pesaro an der Adria, wo die Jugendlichen aus Langeweile eine eigene Musikszene erschufen, die von der Kritik bald als Pesaro-Szene gefeiert wurde. Nach dem düsteren Debut «Cold» klingen Be Forest auf ihrem neuen Album «Earthbeat» heiterer. Die Gitarren von Nicola Lampredi und der Gesang von Constanza delle Rose erinnern an Warpaint.

Andy Stott, Inga Copeland, Kyoka, in: Bern Dampfzentrale, Sa, 22. März 2014, 22 Uhr.

Be Forest in: Bern Café Kairo, Do, 20. März 2014, 
21.30 Uhr.

Kaspar Surber

Erik Satie

Das Thurgauer Forum andere Musik vereint KünstlerInnen aus den verschiedensten Bereichen. In lockerer Folge präsentieren sie bis zum Sommer Programme an verschiedenen Orten im Kanton, die sich mit dem Zahlenreich beschäftigen, mit Ziffern, Folgen, Reihen und Proportionen.

Am Anfang steht eine lange Nacht im idyllisch zwischen Boden- und Untersee am Rhein gelegenen Gottlieben. Aufgeführt werden die «Vexations» von Erik Satie (1866–1925). Der schrullige französische Komponist, der einen starken Einfluss auf die MinimalkomponistInnen hatte, schrieb die kurze Komposition 1893. Das Stück, das nicht ausdrücklich für Klavier angelegt war, ist mit der Anmerkung versehen, dass es 840 Mal hintereinander gespielt werden soll. Im Foyer des Hotels Hecht setzen sich eine ganze Reihe von PianistInnen auf die Bank und sorgen während zwanzig Stunden für leichte Variationen des Themas.

Parallel dazu zeigen im Rahmen der Reihe «Hecht an der Grenze» eine ganze Reihe von KünstlerInnen ihre Arbeiten und Performances.

«Erik Satie: Vexations für Klavier» in: Gottlieben Foyer Hotel Hecht, Sa, 22. März 2014, 16 Uhr 
bis So, 23. März 2014, 12 Uhr, durchgehend, mit 
verschiedenen PianistInnen. Ausstellung: 
21.–30. März 2014. www.forumanderemusik.ch

Fredi Bosshard

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