Nr. 12/2014 vom 20.03.2014

Der aufrechte Hauptmann

Von Brigitte Matern

François Mitterrand nannte ihn einen Störenfried, der es einem nicht leicht mache, friedlich zu schlafen und ein gutes Gewissen zu haben. Den Luftwaffenhauptmann kümmerte der Schlaf der Neokolonialisten jedoch wenig, solange diese Afrika ausbeuteten. Frech bot er ihnen die Stirn, auch auf internationalem Parkett. Dass er nicht alt werden würde, hatte er geahnt.

Zur Welt kam er in einer katholischen Familie 1949 im westafrikanischen Obervolta. Die Eltern hätten ihn gern in einem Priesterseminar gesehen, er entschied sich jedoch für eine Militärakademie, an der er bald mit linkem Gedankengut in Berührung kam. Die französische Kolonie war 1960 unabhängig geworden und wurde seither von ständig wechselnden Machthabern regiert, die vor allem am eigenen Wohl interessiert waren. Und so gründete er mit einem Freund die Vereinigung kommunistischer Offiziere. Deren Zeit kam 1983, nachdem der charismatische Linke in die Regierung aufgenommen und kurze Zeit später, wohl auf Druck Frankreichs, ins Gefängnis geworfen worden war. Es gab Massenproteste, die Vereinigung putschte und rief die Revolution aus.

Als neuer Staatspräsident machte er sich unter dem Motto «Trinkwasser für alle statt Champagner für wenige» in rasendem Tempo an die Umsetzung seiner Ziele: Er leitete eine Agrarreform ein, ging gegen Korruption vor, stellte die Wirtschaft auf die Produktion von Gütern für den heimischen Bedarf um, forcierte den Strassen- und Eisenbahnbau, liess Sozialwohnungen, Schulhäuser und Sanitätsstationen bauen und Bäume gegen den Vormarsch der Wüste pflanzen. Dabei setzte er erfolgreich auf die aktive Mitarbeit der Bevölkerung, vor allem der Frauen, deren Emanzipation er als vordringlich ansah. Nach nur vier Jahren war das Land unabhängig von Nahrungsmittelimporten.

Dass er den Regierungsmitgliedern Economy Class verordnete, ihre Limousinen durch Kleinwagen ersetzte, den Beamten das Gehalt kürzte, streikende Lehrer entliess und Oppositionsparteien verbot, verschaffte ihm jedoch nicht nur FreundInnen. Als er die afrikanischen Länder aufrief, die Rückzahlung der Schulden zu verweigern, und in den Nachbarländern zunehmend als Hoffnungsträger gefeiert wurde, waren seine Tage gezählt. Am 15. Oktober 1987 wurde er bei einem Putsch erschossen.

Wer war der atemlose Visionär mit einer Schwäche für Motorräder, der sein Land in «Heimat der Aufrechten» umbenannte?

Wir fragten nach Thomas Sankara, dem sozialistischen Expräsidenten von Burkina Faso (1949–1987). Ein tragendes Element seiner Politik war der Kampf für die Befreiung der Frauen: «Wenn wir den verlieren», sagte er einmal, «brauchen wir nicht auf eine umfassende und p­ositive Veränderung der Gesellschaft zu hoffen.» Er berief zahlreiche Frauen in Staatsämter, und die ­Präsidentenleibgarde war eine Motorradstaffel, die nur aus Frauen bestand. Sein ehemaliger Freund und Mitstreiter in der Vereinigung kommunistischer Offiziere war ­Blaise Compaoré. Er führte 1987 den Staatsstreich gegen Thomas Sankara an und regiert Burkina Faso seither als autokratischer P­räsident. Inwieweit bei der Ermordung Sankaras Frankreich und die CIA ihre Finger im Spiel ­hatten, ist bis heute ungewiss, da die zuständigen Stellen die Archive nicht ­öffnen.

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