Nr. 13/2014 vom 27.03.2014

Die Meistersinger der Popmoderne

Was ist so faszinierend an Musik-Castingshows wie «The Voice of Switzerland» oder «The Voice Kids»? Hintergedanken zur zweiten Staffel der beiden Produktionen.

Von Karin Hoffsten

Alle können singen: Chiara Ruggeri, Moderatorin Viola Tami und Maxim Essindi in der Castingshow «The Voice of Switzerland». Foto: SRF

Die kleine, einsame Gestalt auf der riesigen Bühne singt zwar nicht «Cry Me a River», doch backstage fliessen Tränenbäche. Mama schluchzt, Papa hat feuchte Augen, und die restliche Verwandtschaft knabbert an den Fingernägeln. Es läuft «The Voice of Switzerland», die Castingshow, in der die schönste Stimme gesucht wird. Doch nicht nur die jeweilige Familie ist gerührt; auch ich sitze regelmässig ergriffen vor dem Bildschirm, denn die meisten der jungen, einsamen Wesen auf der dunklen Bühne singen umwerfend schön. Zurzeit sendet SRF die zweite Staffel von «The Voice of Switzerland», und auf Sat 1 hat gerade wieder «The Voice Kids» mit Kindern zwischen acht und vierzehn Jahren begonnen.

Mit dem Bekenntnis, die Sendung zu mögen, ernte ich häufig irritierte Blicke. Wer trotzdem mal reinhört, ist vom hohen musikalischen Niveau überrascht. Dass in der aktuellen Staffel viele KandidatInnen nicht aus der Schweiz stammen und «ihren amerikanischen oder britischen Vorbildern nacheifern», wurde prompt im «Blick» moniert. Die Sendung enthalte «zu wenig Schweiz», man solle doch Talente «nach dem Vorbild von Francine Jordi» suchen. Ganz davon abgesehen, dass mich davor Gott und der Programmdirektor schützen mögen, entsteht gerade durch die Vielfalt an Sprachen und Ethnien ein besonderer Reiz: Ach, kann die Schweiz weltoffen sein!

Alle können singen

Während manche Menschen schon beim Gedanken, vor anderen singen oder auch nur reden zu müssen, eine Panikattacke erleiden, reissen sich seit rund zehn Jahren weltweit Tausende darum, öffentlich zu zeigen, was sie können oder zu können glauben, und Millionen schauen ihnen lustvoll bei Triumph oder Scheitern zu. Castingshows haben keinen guten Ruf. Ob ihre Inflation eher Ursache oder Symptom eines Phänomens ist, das der «Tages-Anzeiger» einst «eine Epidemie der Selbstverliebtheit» nannte, ist auch unter Fachleuten umstritten. Im deutschsprachigen Raum verdanken sie ihr schlechtes Image völlig komplexitätsfreien Figuren wie Dieter Bohlen, der bei «Deutschland sucht den Superstar» konzeptgemäss die KandidatInnen beleidigt, oder Heidi Klum, die auf der Suche nach «Germany’s next Topmodel» magere junge Frauen bizarren Prüfungen unterwirft.

«The Voice» funktioniert anders. Der augen- oder besser ohrenfälligste Unterschied zum früher ausgestrahlten «Musicstar» ist: Alle können singen. Rubriken wie «Leider nein», wo man abgelehnte KandidatInnen dem Gespött preisgab, fehlen ebenso wie Demütigungen durch die Jury. In der Schweiz setzt diese sich zusammen aus Stefanie Heinzmann, Marc Sway, Andres Andrekson, besser bekannt als Stress, und Philipp Fankhauser. Sie geben sich alle Mühe, der Tatsache gerecht zu werden, dass sich da ein Mensch mutterseelenallein vor Tausenden ihrem Urteil stellt. Ihre Feedbacks sind respektvoll und liebenswürdig, wenn auch zuweilen unergründlich, weil immer auch subjektiv. Das verhehlen sie nicht.

Und so kommt es ab und zu auch bei «The Voice» zum seelischen Absturz. Manchen kommen sofort die Tränen, wenn sie nicht weiterkommen, andere sinken erst backstage aufschluchzend in die Arme ihrer Lieben. Robustere Naturen wissen hingegen genau, was sie wollen, für die ist der Auftritt eher ein Spiel. Wenn sie rausfallen, machen sie einfach weiter «ihr Ding» – und das ist Singen. Am schwersten haben es jene, die ihrem Auftritt entgegenfiebern, als gehe es um Sein oder Nichtsein. Wer das Verdikt der Jury wie den Cäsarendaumen erlebt, sollte sich vielleicht lieber weiterhin im privaten Rahmen verwirklichen. Vom professionellen Gesangscoaching zwischen den Sendungen profitieren aber alle, auch jene, für die nach dem nächsten Auftritt – zumindest in diesem Rahmen – Schluss ist.

Nach dem Hype

Vor allem «The Voice Kids» provoziert die Frage: Was kommt danach? Wie dort im letzten Jahr die damals achtjährige Chelsea «Girl on Fire» von Alicia Keys schmetterte, war ein Ereignis – und das nicht nur wegen des Jöh-Effekts. Die ungeheure Kraft und Begeisterung, aber auch das Können, mit dem kleine Mädchen und Jungen «erwachsene» Songs intonieren, ist nicht nur erstaunlich, sondern fast schon ein bisschen unheimlich: wie wenn im Exorzistenfilm plötzlich aus zarter Mädchenkehle völlig unpassende Töne quellen. Nur klingt es hier melodisch. Wer gewinnt, erhält einen Ausbildungsvertrag im Wert von 15 000  Euro.

Doch was, wenn der Hype vorbei ist, wenn das Interesse von TV, Presse und Fans plötzlich erlischt? Das sei nicht voraussehbar, sagt Gregor Waller, Medienpsychologe an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, ein solcher Auftritt könne in der psychosozialen Entwicklung einen Schub sowohl in eine positive wie auch in eine negative Richtung bewirken. «Man gewinnt an Selbstsicherheit, wenn man vor einem solch breiten medialen Publikum auftreten kann. Es kann aber auch in die Gegenrichtung gehen, wenn man den Auftritt verhaut oder meint, ihn verhauen zu haben.»

Entscheidend ist neben dem, was der oder die KandidatIn schon an Selbstsicherheit mitbringt, das soziale Umfeld, die Beziehung zu den Eltern, ob man aufgefangen wird im sozialen Netz. Es kann «eine harte Erfahrung mit positiven Effekten» sein, meint Waller. Für Kinder sei es allerdings schwierig zu abstrahieren, was ein TV-Auftritt bedeutet, denn das Publikum im Studio mache ja nur einen winzigen Teil des Gesamtpublikums aus, das erreicht wird.

Bis jetzt kam die neue Staffel auf einen durchschnittlichen Marktanteil von 34,5 Prozent. Das ist nicht ganz so viel wie der letztjährige Jahresdurchschnitt der «Landfrauenküche» (38,8), kann aber mit «Giacobbo/Müller» (34,3) mithalten; Antipoden wie «Viva Volksmusik» (25,6) oder den «Musikantenstadl» (23,9) lässt sie locker hinter sich zurück.

Dank Facebook weiss ich übrigens, dass die oben erwähnte Chelsea unbeirrt weiter «ihr Ding» macht, obwohl sie nicht gewonnen hat. Und bei «The Voice Kids» räumt schon wieder eine Achtjährige ab: Larissa mit dem «Cup Song», unplugged. Das bezaubernde kleine Lied mit dem virtuos geklapperten Becherrhythmus haben weltweit schon zahllose Jugendliche in eigener Version auf Youtube gestellt. Ich fange jetzt an zu üben.

«The Voice of Switzerland» läuft samstags ab 20 Uhr auf SRF 1, «The Voice Kids» freitags 
ab 20.15 Uhr auf Sat 1 – oder im Internet: thevoice.srf.ch; www.sat1.ch/tv/the-voice-kids

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