Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Im Haus des Erfolgs

Seit kurzem gibt es auch im afrikanischen Mali einen «Musicstar». Die Fernsehshow funktioniert ähnlich wie in Europa. Und doch ganz anders.

Von Claudio Zemp

Malis erster Superstar heisst Mahamadou Dembélé. Im Moment seines Erfolgs wird der 22-jährige Schlacks von seinen Fans für ein Erinnerungsbild bestürmt. Dann sagt er: «Dass ich gewonnen habe, heisst nicht, dass ich der Beste bin.»

Dembélé hatte unter dem Künstlernamen Dabara an der malischen Talentshow «Case Sanga» teilgenommen. Als einer von sechzehn MusikerInnen war er aus den rund 300 KandidatInnen auserkoren worden. Vor einem Jahr hatte Mahamadou Dembélé in der Hauptstadt Bamako eine kaufmännische Ausbildung abgeschlossen. Die Chancen, einen der wenigen Bürojobs im Land zu ergattern, standen für ihn so schlecht wie für die Tausenden anderen Jugendlichen im Land, die Arbeit suchen.

Africable überall

«Case Sanga» bedeutet in der verbreitetsten Sprache Malis «Haus des Erfolgs». Die lokale Version von «Musicstar», «Star Academy» und wie die Popstarfabriken alle heissen war die erste Reality-TV-Show für Westafrika. Punkto Publikumsgunst machte die Sendung ihrem Namen alle Ehre: In Malis Hauptstadt Bamako brach in den Sommermonaten das «Case Sanga»-Fieber aus. Von Juli bis Anfang September gab es am Samstagabend in den Stuben und vor den Quartierfernsehern auf der Strasse nur noch einen Sender: Africable. Das fade Programm des malischen Staatssenders oder die oft veralteten Soaps auf anderen Kanälen waren gegen die Musikshow chancenlos. Die private Fernsehanstalt übertrug «Case Sanga» live in dreizehn Länder Westafrikas. Und TeilnehmerInnen aus den umliegenden Ländern waren auch willkommen.

Diese Chance nutzte Pamela Badjogo aus Gabun, dem kleinen Küstenstaat in Zentralafrika. Die 24-Jährige hat es als einzige Ausländerin bis in den Final geschafft. Hier unterlag die Biochemiestudentin mit ihrer Interpretation von Alicia Keys' «Falling» Mahamadou Dembélé. Aber zerknirscht wirkte sie deswegen nicht. Gegenüber einer Journalistin sagte sie: «Bei diesem Spiel gewinnen alle!»

Stromausfall? Kein Problem!

Das Spiel mit dem Traum vom Star funktioniert in Emmenbrücke ebenso wie in der Millionenstadt Bamako. Auch «Case Sanga» lockte mit dem Muster der Talentshows, das überall dasselbe ist: intensives Coaching für die KandidatInnen mit Workshops in Gesang und Tanz, eine moderierende Miss sowie tägliche Hintergrundberichte am Fernsehen. Dazu gab es wöchentlich einen spektakulären Event im Palais de la Culture Bamakos, wo die Show jeweils am Tag zuvor aufgezeichnet wurde. Fangruppen mit Plakaten und T-Shirts ihrer FavoritInnen liessen dort mit ihrem Gekreische den Saal platzen. Das Fest war jeweils so ausgelassen, dass es selbst einen einstündigen Stromausfall überstand. Am höchsten waren die Emotionen aber - auch das scheint auf der ganzen Welt zu funktionieren - im Moment der Wahrheit. Wie bei «Musicstar» durfte das Publikum über Weiterkommen und Ausscheiden der KandidatInnen entscheiden. Im Moment, in dem das Resultat der SMS- und Telefonvotings bekannt gegeben wurde, flossen landesweit Tränen - und die enttäuschten Ausgeschiedenen kritisierten Jury und OrganisatorInnen.

Griot und Hip-Hop

Und doch war bei «Case Sanga» alles anders. Die Sendung war mehr als eine Kopie der französischen «Star Academy»-Staffeln, die auch in Mali empfangen wurden. Im «Case Sanga» gab es kein Karaoke zu Musik ab Konserve. Die KandidatInnen hatten künstlerische Ambitionen. Die meisten brachten, wie der Sieger, Bühnenerfahrung mit. Die Gabunerin Pamela Badjogo beispielsweise war Backgroundsängerin beim malischen Superstar Salif Keïta. Andere stammen aus Musikerfamilien und sind schon als Knirpse vor Publikum aufgetreten. Die traditionelle Musikkultur Malis ist auch im neuen Jahrtausend noch tonangebend, selbst bei den Jugendlichen. Rap und Hip-Hop sind zwar auch in Bamako populär, aber noch viel stärker ist der Einfluss der Griots. Die westafrikanische Musikerkaste hatte einst das Unterhaltungsmonopol in der Gesellschaft inne. Die BewahrerInnen der Geschichte der Mandinke-Kultur sind an allen öffentlichen und privaten Festtagen präsent. Dort singen die Griots für jene, die es sich leisten können, Loblieder aus dem Stegreif. Heute ist das KünstlerInnenmetier zwar nicht mehr exklusiv den Griots vorbehalten. Noch immer stammt aber die Mehrheit der nationalen Showleute aus einem Griot-Geschlecht. So auch einige der «Case Sanga»-KandidatInnen.

Der Tradition verpflichtet

Die Jungen kombinieren das musikalische Erbe der Ahnen mit poppigen Sounds; sie switchen zwischen den zwei Welten. Auch die 26-jährige Kunststudentin und «Case Sanga»-Kandidatin Michelle Traoré ist stolz auf ihre musikalischen Wurzeln: «Es ist für mich sehr wichtig, dass wir die Traditionen Malis pflegen und ein modernes Leben leben. Die Musik ist ein Mittel, beides zu vereinen.» So sind die Vorbilder der malischen «Musicstars» traditionelle Liedermacher wie Ali Farka Touré, Habib Koïté oder Boubacar Traoré. Mit Ausnahme von Pamela Badjogo interpretierten die KandidatInnen fast ausschliesslich Kompositionen malischer Musiker. Das ergab eine Mischung zwischen modernem TV-Spektakel und der virtuosen Schrille des traditionellen Gesangs. Statt gesponserter Dutzendkleider trugen die malischen Musicstars farbige Showkostüme, authentisch afrikanisch. Begleitet wurden sie von einer grossen Band, deren Musiker den ganzen Abend ohne Unterbruch durchhüpften und die KandidatInnen kräftig mit Backgroundgesang unterstützten. Neben E-Gitarre, Bass und Keyboard tönten im «Case Sanga»-Orchester afrikanische Instrumente wie die «Doppelharfe» Kora oder das Balafon. Ein Virtuose auf diesem Urxylophon ist Sieger Dembélé. Er holte sich in der letzten Sendung die entscheidenden Punkte mit zwei Balafonsoli und einem Duett mit seinem einheimischen Lieblingsstar Abdoulaye Diabaté.

Marketing ist alles

«Case Sanga» ist eine privat finanzierte malische Eigenproduktion. Hinter der Produktionsfirma Fanaday Entertainment stehen Baba Diarra und Papa Wane. Beide sind ehemalige Emigranten, die nach Jahren im französischen Exil nach Mali zurückgekehrt sind, um mit «Case Sanga» ihren eigenen Traum vom Erfolg zu verwirklichen. Er wolle mit seinen Erfahrungen aus Europa dem Land etwas zurückgeben, sagt Diarra Wane. Er ist ein Freund grosser Events - und für ebendiese sieht er in seiner Heimat grosses Entwicklungspotenzial: «In Mali werden Konzerte und Festivals immer nur sehr kurz im Voraus angekündigt. Für 'Case Sanga' jedoch haben wir schon im Februar mit Werbung begonnen. So konnten wir beim Publikum ein frühes Interesse für die Sendung wecken und die Erwartungshaltung über mehrere Monate aufbauen. Dies ist total neu für Mali.» Entwicklungshilfe im Marketing, die sich offenbar auszahlte. Nicht zuletzt für die «Case Sanga»-Produzenten selbst. Die Rückkehrer leisten sich in Bamako einen superstargerechten Auftritt in teuren Anzügen und Geländewagen. So erstaunt es nicht, dass die Sendung in Mali auch kontrovers debattiert wurde. Die Wochenzeitung «Bamako Hebdo» kritisierte etwa die Geldmacherei des SMS-Votings. «Case Sanga» sei mehr lukrativ als kulturell gewesen. Und die Leute im Hintergrund seien ausgenützt worden - so habe man ausgerechnet den Bandmusikern nicht einmal die Spesen für ihre Auftritte erstattet. Der malische Kulturminister ehrte das Haus des Erfolgs trotzdem mit einem Besuch und lobte die Initiative zur Förderung des malischen Musikexports.

Viele Talente, eine Soloplatte

Die Show war nicht zuletzt auch eine Aufbauaktion für das Fernsehproduktionswesen im Land. Das Personal bestand zu hundert Prozent aus Malier-Innen, die am Haus des Erfolgs mitbauten. Trotz modernen Produktionsequipments wirkte die Sendung für europäische Augen ungewohnt: Die Konzerte wurden von nur einer statischen Kamera gefilmt, bei der Probe tats auch eine leere Fanta-Flasche als Mikrofon, und wenn mal ein Beleuchter im Bild war, störte das niemanden. Die «Leider nein»-Rubrik gab es in Mali übrigens nicht. Das öffentliche Vorführen der peinlichsten Castingversuche mag hierzulande belustigen - in Mali würde der Gag nur schlecht funktionieren, nicht zuletzt deshalb, weil die musikalischen Talente so zahlreich sind. Die Sendung weckte einen selbstbewussten Geist. Die KandidatInnen waren KönnerInnen der Improvisation, sie wirkten ganz so, als hätten sie die mediale Förderung gar nicht nötig. Ob es den malischen Musicstars also besser ergehen wird als ihren KollegInnen in Europa?

Von Mahamadou Dembélé, dem Gewinner, wird es eine Soloplatte geben. Und eine Tournee durch Europa steht auch an, zusammen mit Oumou Sangaré, einer malischen World-Music-Diva mit internationalem Renommee. Ausserdem ist der junge Mann in seinem Land nun Millionär: Die Preissumme von drei Millionen Francs CFA (7500 Schweizer Franken) bedeutet in Mali ein kleines Vermögen.

Mitarbeit: Barbara Aerne und Flurina Rothenberger

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