Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Ausstellung

Paul Chan stellt Fragen

Die Kabel kommen aus einer Steckdose und verschwinden doch nur in eine nächste. Oder enden plötzlich in Schuhen. Wie bewege ich mich durch die digitale Welt? Wer bin ich überhaupt? In seinen Arbeiten beschäftigt sich Paul Chan mit den grossen Fragen. Doch was auf den ersten Blick einfach wirkt, löst sich beim näheren Betrachten in faszinierende Doppeldeutigkeiten auf. Chans humorvolles Werk pendelt zwischen dem utopischen Aufbruch und der drohenden Apokalypse. Chan, 1973 in Hongkong geboren und mit acht Jahren nach Omaha, Nebraska, ausgewandert, zählt zu den originellsten Stimmen der zeitgenössischen Kunst. Seine Interessen reichen von aktuellen politischen Fragen zur US-Politik – Chan reiste auch schon als Aktivist in den Irak, um trotz Embargo Medikamente zu liefern – bis zu den zeitlosen Themen in Geschichte, Literatur und Philosophie.

Seit Ende letztes Jahr lebt er in Basel, um eine speziell für das Schaulager konzipierte Ausstellung umzusetzen: In einer verblüffenden Inszenierung sind Zeichnungen, Skulpturen und Installationen sowie Lichtprojektionen zu sehen. So auch Projektoren, die zwar eingeschaltet wirken, aber trotzdem kein Licht ausstrahlen. Nur wer durch die Linse blickt, erhascht im Innern ein flüchtiges Lichtspiel. Kann es Licht geben ohne Schatten? Vernunft ohne List? Bitte oszillieren Sie!

Paul Chan «Selected Works» in: Basel Schaulager, Vernissage Fr, 11. April 2014, 17.30 Uhr. Bis 19. Oktober 2014. www.schaulager.org/paul-chan

Kaspar Surber

Konzert

Jazzgeschichte live

Die Geschichte des Jazz Live Trio begann vor 1964, also vor fünfzig Jahren. Das Schweizer Radio hiess damals noch DRS, und das Jazz Live Trio mit dem Pianisten Klaus Koenig spielte unter anderem mit den Bassisten Isla Eckinger und Peter Frei sowie den Schlagzeugern Peter Schmidlin, Pierre Favre und Makaya Ntshoko bis 1998. Zu den illustren Gästen aus aller Welt gehörten Johnny Griffin, Dexter Gordon, Lee Konitz, Enrico Rava, Albert Mangelsdorff und viele andere. Ein Teil der «historischen» Konzerte ist auf dreizehn CDs dokumentiert, die seit 2009 mit Unterstützung von Radio SRF erschienen sind.

Insgesamt wurden 111 Livesendungen ausgestrahlt, die das Jazzleben in der Schweiz beeinflusst und inspiriert haben. Koenig musste 1997 krankheitsbedingt eine lange Pause einlegen. Nun ist er zum Jubiläum wieder zurück auf der Bühne und spielt zusammen mit dem jungen Bassisten Patrick Sommer und dem Schlagzeuger Andi Wettstein. Für den zweiten Teil des Abends wird das Trio mit dem Altsaxofonisten Christoph Merki und dem Trompeter Dani Schenker zum Quintett Seven Things erweitert, das soeben die CD «Piazza Rotonda» veröffentlicht hat.

Jazz Live Trio und Seven Things in: Zürich Moods, Mi, 16. April 2014, 20.30 Uhr. www.moods.ch

Fredi Bosshard

Träumen mit den Wild Beasts

Wenn Pop süchtig ist nach seiner eigenen Vergangenheit, wie der Musikkritiker Simon Reynolds in seinem Buch «Retromania» schrieb, klingt ein bedingungsloses Bekenntnis zum Jetzt fast wieder anmassend. «Present Tense» haben die britischen Wild Beasts ihr viertes Album betitelt. Also doch nicht das unmittelbare Jetzt, sondern die Gegenwart als grammatische Zeitform, und an dieser Spitzfindigkeit sieht man schon: Das ist eine Band, die selbst dann noch den Umweg über den Kopf sucht, wenn sie ihre Songs neuerdings verstärkt für die Zeitlupendisco der Verträumten fit macht.

Mit der Kopfstimme von Sänger Hayden Thorpe klingt das manchmal, als habe sich Antony Hegarty die Elektroniker von Hot Chip ins Studio geholt. «We’re decadent beyond our means», tremoliert er in der Single «Wanderlust» daher, und das ist schon mal schön gelogen gleich zum Start dieser unverschämt elastischen Platte. Dekadent? Dafür sind diese Songs viel zu schlank und umsichtig möbliert. Die falsche Fährte passt aber zu einer Band, die sich zwar Wild Beasts nennt, dabei aber ihr inneres Biest streng im Zaum hält. Ganz ähnlich auch ihre Vorband beim Konzert in Zürich. Das sind vier nordenglische Romantiker aus der Schule der verhallten Gitarren, und sie nennen sich so unromantisch wie möglich nach dem Gleitmittel unserer Zeit: Money.

Wild Beasts in: Zürich Plaza, Sa, 12. April 2014, 19.30 Uhr (Support: Money); Düdingen Bad Bonn Kilbi, Do, 29. Mai 2014.

Florian Keller

Canti politici e sociali

Der Zürcher gemischte Chor Kultur & Volk widmet sich seit vierzig Jahren dem politischen Lied. Für das aktuelle Programm mit dem Titel «Canti politici e sociali» hat er eine erstaunliche Anzahl von meist italienischen Liedern zusammengetragen, die sich mit den Themen Emigration, Migration und Immigration beschäftigen. Diese Schwerpunkte gliedern einerseits das Liederprogramm und dienen andererseits dem Philosophen und Historiker Angelo Maiolino als Stichworte für seine kritischen Reflexionen und Interventionen. Er berichtete 2011 in seinem Buch «Als die Italiener noch Tschinggen waren» über den Widerstand italienischer ArbeiterInnen gegen die Schwarzenbach-Initiative von 1970. Am 9. Februar 2014 hat er wieder genügend Stoff für ein neues Buch bekommen.

Die Lieder decken inhaltlich einen langen Zeitraum ab und werden zum Teil zu populären Melodien gesungen. Die ersten berichten vom Ende des 19. Jahrhunderts, als Anarchisten und Sozialisten in Lugano eingekerkert waren. Einige Antikriegslieder thematisieren Episoden aus dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg und erzählen von der darauf folgenden Armut im Süden Italiens, die viele zur Emigration zwang. Der Chor singt aber auch vom harten Schicksal der Reisarbeiterinnen in der Poebene, die oft lange Anreisen in Kauf nahmen, um dann für vierzig Tage eine Arbeit und spärlichen Lohn zu haben. Ihre Arbeitszeit wurde vom Sonnenlauf bestimmt: Sie begann eine Stunde nach Sonnenaufgang und endete eine Stunde vor Sonnenuntergang. Aber eigentlich bestimmten sie die Stechmücken, die Malaria übertrugen. «Ballata dell’emigrazione» und «Partono gli emigranti» sind neueren Datums. Sie besingen das Schicksal von Saisonniers in der Schweiz und in Deutschland. Damit ist der Chor in der Gegenwart angekommen.

Chor Kultur & Volk «Canti politici e sociali» 
und Angelo Maiolino in: Zürich Casa d’Italia, Erismannstrasse 6, Fr, 11. April 2014, 20 Uhr. 
www.kuv.ch

Fredi Bosshard

Theater

Blaubart kauft Gift

Die Geschichte von Blaubart, der seine Ehefrauen ermordet, wenn sie zu neugierig werden, findet sich erstmals in einem Märchen, das der Franzose Charles Perrault Ende des 17. Jahrhunderts verfasste. Der Stoff wurde unzählige Male abgewandelt, in Erzählungen, Opern und Filmen. So auch von Anton Tschechow auf humorvolle Weise in seiner Erzählung «Meine Frauen». Ein gewisser Raoul Blaubart präsentiert sich darin als «Gutmensch», der seine Frauen nicht aus Bosheit, sondern aus Notwendigkeit umbringen muss. Ergänzt um weitere Humoresken von Tschechow, bringt das Sogar-Theater in Zürich nun «Blaubart kauft Gift» auf die Bühne. Darin werden Blaubart die übergrosse Liebe einer Gattin zur Musik oder die schriftstellerischen Ambitionen einer anderen lästig, auch eine aufdringliche Schwiegermutter kann zum Gifttod der Ehefrau führen.

Raoul Blaubart wird von Alexandre Pelichet gespielt, seine Frauen allesamt von Annette Wunsch, die auch die Textfassung erarbeitet hat. Und dann gibt es noch Blaubarts Hund, dargeboten von der russischen Pianistin Polina Lubchanskaya. Von seinem Herrn vernachlässigt, hat sich der Hund aus Langeweile der Musik gewidmet. Wenn ihn die Schwermut überkommt, spielt er Rachmaninow, um den Hunger zu vertreiben Chatschaturjan. Als Hund und als Stimme des Autors Tschechow kommentiert er das Geschehen auf der Bühne – gerne auch mal auf Russisch.

Anton Tschechow «Blaubart kauft Gift» in: 
Zürich Sogar-Theater, Do/Fr/Mo, 10./11./14. April 2014, 20.30 Uhr, Sa/So, 12./13. April 2014, 17 Uhr.

Kaspar Surber

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