Nr. 24/2014 vom 12.06.2014

Die fluchende Chronistin

Von Brigitte Matern

Sie verachtete die Institution Ehe, und Kinder zu bekommen, bedeutete für sie den Untergang: Machte eine Frau sich finanziell abhängig von ihrem Mann, durfte der sie wie Vieh behandeln. Auch ihre Mutter hatte sich für die siebenköpfige Familie totgeschuftet, während der Vater nur schlug und trank. Klauen, Fluchen und Aufschneiden waren das Erste, was die 1892 geborene Arbeitertochter aus Missouri lernte, um sich zu behaupten; später kamen Reiten, Schiessen und Lassowerfen dazu. Um der Armut zu entkommen, brauchte es aber mehr, und so besuchte die Bildungshungrige, wann immer sie Zeit und Geld hatte, weiterführende Schulen.

1917 liess sie sich in New York nieder, kam in Kontakt mit SozialistInnen (die von der Arbeitergöre mit Dolch und Revolver am Gürtel fasziniert waren) und begann, sich für die indische Unabhängigkeit, für Sexualaufklärung und Geburtenkontrolle zu engagieren. Dafür landete sie im Gefängnis, und der Geheimdienst wich ihr zeitlebens nicht mehr von den Fersen. 1920 setzte sie sich wegen der zunehmenden Repression nach Deutschland ab, agitierte weiter gegen die britische Herrschaft in Indien, schrieb Artikel für die linke US-Presse und gründete in Berlin eine Klinik für Familienplanung.

Acht Jahre später zog es sie als Korrespondentin der «Frankfurter Zeitung» nach Schanghai – sie war überzeugt, dass in Asien die entscheidende Schlacht gegen den europäischen und den japanischen Imperialismus bevorstehe. Sie bewegte Jawaharlal Nehrus Indischen Nationalkongress dazu, die RevolutionärInnen Chinas in ihrem Kampf gegen Tschiang Kai-schek zu unterstützen, pflegte Verwundete der Roten Armee, organisierte Gelder und medizinische Ausrüstung und lenkte mit ihren Publikationen die internationale Aufmerksamkeit auf den chinesischen Kriegs- und Revolutionsschauplatz.

1941 kehrte sie gesundheitlich angeschlagen in die USA zurück und warb für die Unterstützung eines kommunistischen China. Im Kalten Krieg geriet sie jedoch ins Abseits, und als man sie gar der Spionage für die UdSSR bezichtigte – ein Regime, das sie verabscheute –, floh sie nach England, wo sie kurze Zeit später starb.

Wer war die schillernde Chronistin und Klassenkämpferin, die den Überlebenden des Langen Marschs den Square Dance beibrachte und 1950 auf dem Revolutionsheldenfriedhof in Beijing beigesetzt wurde?

Wir fragten nach der US-amerikanischen Sozialistin und Publizistin Agnes Smedley (1892–1950). 1929 erschien ihr weitgehend autobiografischer Roman «Eine Frau allein», der als der erste proletarische Frauenroman gilt; 1943 folgte – nach diversen weiteren Büchern – «Battle Hymn of China», das ihre Zeit in China beschreibt. Sie war nie Mitglied der kommunistischen Partei, da sie den westlichen GenossInnen nicht traute und von den chinesischen GenossInnen – trotz 
all ihrer Verdienste – wegen mangelnder Parteidisziplin nicht aufgenommen wurde. Als Lektüre 
sei empfohlen: Janice und Stephen MacKinnon: «Agnes Smedley». eFeF-Verlag. Zürich 1989.

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