Nr. 25/2014 vom 19.06.2014

Festival

Eine Puppentheorie

Ein Haus, fünf Wohnungen, sechs ProtagonistInnen. Das Merlin Puppet Theatre aus Griechenland präsentiert in seinem punkigen Stück «Clowns’ Houses» nach eigenen Angaben eine «Puppentheorie für das menschliche Nichts». Da ist der glatzköpfige Alte, der einsam vor dem TV sitzt, oder die bleiche Frau mit den schwarzen Augenringen, die den Boden fegt. Die ungefähr einen halben Meter grossen Puppen, die von zwei Puppenspielern animiert werden, sitzen und agieren in ihren deprimierend-düsteren Wohnungen und führen ein einfaches, tristes Dasein. «Clowns’ Houses» zeigt ein beunruhigendes Gesellschaftsbild, ist mal grausam, mal lustig, mal skurril und der beste Beweis dafür, dass Puppentheater – entgegen der Annahme vieler – nicht nur etwas für Kinder ist: Das Stück solle sich nur zu Gemüte führen, wer mindestens fünfzehn Jahre alt ist.

Zu sehen ist es am Figura Theaterfestival in Baden-Wettingen, das 36 Inszenierungen aus zehn europäischen Ländern, darunter 21 Schweizer Erstaufführungen, zeigt. «Clowns’ Houses» wird im Kino Royal gespielt, dem über hundert Jahre alten Kino, das vor bald drei Jahren als alternativer Kulturraum wiedereröffnet wurde.

Neben Puppentheater für Erwachsene gibt es in Baden natürlich auch vieles für die Kleinen: In der Reihe «Figura Famiglia» sind Stücke programmiert, die sich familiengerecht mit schwierigen Themen auseinandersetzen. So zum Beispiel die deutsche Theatergruppe Theater Couturier & Ikkola, die das wunderschön-traurige Kinderbuch «Ente, Tod und Tulpe» von Wolf Erlbruch auf die Bühne bringt.

Figura Theaterfestival in: Baden-Wettingen, 
Di–So, 24.–29. Juni 2014. www.figura-festival.ch

Silvia Süess

Theater

Mit dem Tablet in den Krieg

Früher habe er Teile für Waschmaschinen angefertigt, sagt der Schweizer Fabrikarbeiter. «Heute machen wir Hightech-Waffenteile.» Die Arbeit sei eigentlich dieselbe wie damals. Willkommen in «Situation Rooms», wie die Gruppe Rimini Protokoll ihren interaktiven Parcours durch das Labyrinth von Krieg und Waffenhandel nennt.

Wer sich bequem auf die Rolle des Publikums zurückziehen will, ist bei Rimini Protokoll an der falschen Adresse. Wir alle hängen mit drin, wenn die Pioniere des dokumentarischen Theaters zum Multiplayer-Videostück laden. Und weil sich die Realität heute nicht mehr ohne digitales Interface auf die Bühne bringen lässt, bekommt man für diese Reise in die Wirklichkeit einen mobilen Bildschirm ausgehändigt: Ausgerüstet mit Tablet und Kopfhörern, wird man auf verwinkelten Wegen durch detailgetreu ausgestattete Räume gelotst, die alle vom Krieg erzählen, von der Industrie bis zu den Opfern. Und in jedem Raum nehmen wir den Alltag des organisierten Tötens durch andere Augen wahr. Das Feld der ProtagonistInnen, die Rimini Protokoll dafür aufgeboten hat, reicht diesmal vom Arbeiter in der Munitionsfabrik bis zum Kriegsflüchtling, vom Kindersoldaten in Ruanda bis zum Arzt auf humanitärer Mission.

Nach der Uraufführung an der letztjährigen Ruhrtriennale gastiert «Situation Rooms» jetzt im Rahmen der Zürcher Festspiele am Schauspielhaus. «Multiples Simultankino» nennen sie das bei Rimini Protokoll. Oder bodenständiger ausgedrückt: eine dokumentarische Geisterbahn durch den manchmal beklemmend profanen Schrecken gegenwärtiger Kriege.

«Situation Rooms» von Rimini Protokoll in: 
Zürich Schiffbau/Box, täglich Do, 19., bis 
So, 29. Juni 2014. www.schauspielhaus.ch

Florian Keller

Karte und Gebiet

In seinem Roman «Karte und Gebiet» (2010) erzählt der französische Erfolgsautor Michel Houellebecq die Biografien von drei Künstlern: des Malers und Aussenseiters Jed Martin, der mit bearbeiteten Strassenkarten zum Superstar der Kunstszene wird, seines Vaters, der als Architekt scheitert, sowie die seines Alter Ego: Houellebecq führt sich selbst in seinen Roman ein und wird von Jed Martin besucht. Der Künstler bittet ihn, ein Vorwort für einen Katalog zu schreiben. Später wird Houellebecq in seinem Landhaus ermordet. Die Polizei nimmt ihre Ermittlungen auf.

Am Ende des Romans spricht Houellebecq der Polizei seinen Dank aus: Die Rekonstruktion der Welt, wie sie der Kriminalroman vorführe, zeige beträchtliche Parallelen zu der des Schriftstellers, meint der Autor. Dieser Spur will Neumarkt-Direktor Peter Kastenmüller in seiner Inszenierung nachgehen, mit der er «Karte und Gebiet» als Schweizer Erstaufführung auf die Bühne bringt. In der spielerischen Form des Kunstkommissariats, heisst es in der Ankündigung, werde nebenbei «die Moderne» ermittelt – als Epoche in der Kunst, aber auch als tägliche Konsumwelt.

«Karte und Gebiet» in: Zürich Theater Neumarkt, Premiere am Do, 19. Juni 2014, 20 Uhr. 
www.theaterneumarkt.ch

Kaspar Surber

Performance

Der längste Tag

Am 21. Juni findet die Sommersonnenwende statt. Die Sonne erreicht die höchste Mittagshöhe auf der Nordhalbkugel der Erde beziehungsweise ihren höchsten Stand über dem Horizont. Der längste Tag des Jahrs beginnt um 5.29 Uhr und endet um 21.26 Uhr. Während dieser Zeitspanne findet in Zürich im Zeughaushof Aussergewöhnliches statt. Sechzehn PerformancekünstlerInnen aus dem In- und Ausland werden sich während dieser 15 Stunden und 57 Minuten auf dem Areal bewegen und ihre Performances im öffentlichen Raum darbieten.

Zu sehen sind unter anderen die indische Performancekünstlerin Smitha Cariappa mit ihrer Performance «Yet to decide», Colin Raynal aus Neuchâtel mit seiner Performance «Magic Pie» oder Yvonne Good aus Zürich mit der Performance «Im Umbruch». Die Interventionen dauern jeweils knapp eine Stunde, und man kann gespannt sein, wie die SamstagseinkäuferInnen und FlaneurInnen darauf reagieren und vielleicht sogar interagieren werden. Zu hoffen bleibt, dass die Sonne sich an diesem längsten Tag tatsächlich zeigt und die KünstlerInnen während ihren Darbietungen unter freiem Himmel nicht mit Regen begossen werden.

«Der längste Tag. 16 Stunden nonstop Performances unter freiem Himmel» in: 
Zürich Zeughaushof, Sa, 21. Juni 2014. 
www.derlaengstetag.wordpress.com

Silvia Süess

Lesung

Anarchismus, Kunst und freie Liebe

Da trafen zwei freie Leben aufeinander, am Fuss des Monte Verità in Ascona, wo sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Anarchisten, Künstlerinnen, Lebensreformer und Bohemiens versammelten. Zum Ersten Ernst Frick, der als Giessereilehrling in Zürich früh mit anarchistischen Kreisen in Berührung kam, an einem Anschlag auf die Kantonspolizei sowie an der vorsätzlich herbeigeführten Entgleisung eines Trams beteiligt war. Ein Jahr Gefängnis gab es dafür, und als er die Strafe abgesessen hatte, ging Frick, von den Genossen politisch enttäuscht, nach Ascona, wo er sich fortan der Malerei widmete. Zum Zweiten Frieda Gross, die sich als junge Frau in den Psychoanalytiker und Sexualrevolutionär Otto Gross verliebte und mit ihm nach Ascona kam. Dort ging sie eine freie Beziehung mit Ernst Frick ein, mit dem sie drei Kinder hatte.

Esther Bertschinger-Joos und Richard Butz geben zusammen ein reich illustriertes Buch zu Ernst Frick heraus. Neben seiner künstlerischen Prägung durch Kubismus und Neue Sachlichkeit und dem Engagement in der internationalen Künstlergruppe Der Grosse Bär war Frick auch als Hobbyarchäologe und Ursprachenforscher tätig. Gleichzeitig hat Esther Bertschinger-Joos die Biografie von Frieda Gross aufgearbeitet. Dazu gehört auch ein berührender Briefwechsel mit ihrer Freundin Else Jaffé.

Buchvernissagen in: Zürich Antiquariat Biblion, 
Sa, 21. Juni 2014, 17 Uhr; St. Gallen Buchhandlung Comedia, Mi, 25. Juni 2014, 19.30 Uhr.

Kaspar Surber

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