Nr. 29/2014 vom 17.07.2014

Festival

Schmachten am Wasser

Heulen hilft ja nichts, wenn der aufregendste Name im Programm plötzlich absagt. So geschehen mit den Swans in Zürich: Die Veteranen des komplexen Lärms sollten eigentlich am Festival mit dem schön schmachtenden Namen «Oh See» auftreten, an den Gestaden des Zürichsees gleich neben der Roten Fabrik. Aber Schwäne gibts ja genug dort, und das Programm kann sich auch ohne die Swans, oh, sehen lassen, angefangen mit den Girls in Hawaii: Das sind sechs Männer aus Belgien, die mit ihrem erfrischend betrübten Pop musikalisch dort weitermachen, wo sich Grandaddy einst auflösten.

Am Freitag dann spielen Little Barrie aus England ihren aufreizend verschmierten Soulrock. Danach kommts zum Rendezvous der schweren Akzente mit der österreichischen Düsterchanteuse Soap & Skin und dem notorisch unironischen Schlagersänger Dagobert, dem berühmtesten Aargauer Deutschlands. Wer seinen Herzschmerz deutscher Zunge lieber ruppiger hat, freut sich auf Samstag, wenn Gisbert zu Knyphausen seinen Pessimismus pflegt. Und wer vergeblich auf ein Schweizer Konzert von Arcade Fire hofft, kann ja versuchen, sich mit den norwegischen Epigonen von Team Me zu trösten.

Haben wir etwas vergessen? Eine ganze Menge, wenn wir uns nur schon die wahnsinnig originellen Stilbeschreibungen ansehen, von Doom-Gospel (Peggy Sue) bis zu «saumässig melodischem Wut-Pop» (Kins). Selbstredend ist das alles garniert mit Lokalmatadoren von Doomenfels bis Evelinn Trouble. Nur für die Swans muss man sich noch bis zum Herbst gedulden: Die gastieren am 7. Oktober in Fribourg und am 8. Oktober in der Grabenhalle in St. Gallen.

Festival Oh See in: Zürich Rote Fabrik, 
Do–So, 17.–19. Juli 2014. www.ohsee.ch

Florian Keller

Gartenfestival

Eigentlich wäre der Fieder lieber gar nicht auf die Welt gekommen. Doch es ging nicht nach ihm, sondern nach dem «Dokter» Ueli Maurer: «Der sprüzte dem unansehnlichen Zellenhaufen drei Wochen lang einen gröberen Wachstumsbeschleuniger und rückte dem Hedi dann mit dem sogenannten Kindlisauger zu Leibe.» Auch gegen diesen wehrte sich der Fieder, und der Doktor schriss das Baby schliesslich mit der Geburtszange heraus. Die Mutter bringt ihren Sohnemann zu Fuss vom Spital an den Fuss des Stockhorns, in den Sundergrund, wo der Fieder aufwächst. «Sundergrund» lautet auch der Titel des neuen Buchs des Berner Autors Roland Reichen. Er erzählt vom kurzen Leben von Fieder, der durchs Leben stolpert, Wärme und Geborgenheit suchend, und kläglich scheitert. «Sundergrund» ist der zweite Roman des 1974 im Berner Oberland geborenen Autors. Das Buch ist gespickt mit Ausdrücken aus dem Schweizerdeutschen wie Tschuppelete, Holztotsch oder Näggi. Wie das aus dem Mund des Autors klingt, kann am Gartenfestival im Café Kairo gehört werden, wo Reichen aus seinem Werk liest.

Auch zu hören am Gartenfestival ist die Band Puts Marie. Die fünf Männer aus Biel sind nach langer Pause zurück und treten nach ihren Konzerten im «Mokka» in Thun und im «Bad Bonn» in Düdingen endlich in Bern auf. Mit Cheyenne aus Lausanne ist eine in der Deutschschweiz noch unbekannte Band zu hören, die vor allem durch die dunkle Stimme der Sängerin verzückt.

Schön, aber auch etwas traurig ist, dass Gisbert zu Knyphausen & Kid Kopphausen das «Kairo» beehren. Das musikalische Projekt gründete Knyphausen 2012 gemeinsam mit Nils Koppruch. Dieser starb noch im selben Jahr völlig unerwartet. Koppruch, der regelmässig im «Kairo» auftrat, wird der grosse Abwesende sein am Festival. Doch vergessen wird man ihn hier kaum, stammt doch das Zitat zum Gartenfestival aus einem seiner Lieder: «Hier kannst du mich finden, wenn du mich suchst.»

Gartenfestival in: Bern Café Kairo, 
Fr/Sa, 18./19. Juli 2014. www.cafe-kairo.ch

Silvia Süess

Buchvernissage

Mürren

Das autofreie Mürren liegt in der Jungfrauregion und zieht Tausende TouristInnen an. Bekannt ist es unter anderem wegen James Bond: Als 1968/69 die Dreharbeiten zu «On Her Majesty’s Secret Service» rund ums Schilthorn stattfanden, berichtete der «Blick» täglich. Die Publizität rettete die ein Jahr zuvor gebaute Schilthornbahn, die nicht rentiert hatte. Mehr über James Bond und weitere illustre Gäste nachlesen kann man in «Kronleuchter vor der Jungfrau. Mürren – eine Tourismusgeschichte». Das Buch, herausgegeben vom Journalisten Patrick Feuz mit Artikeln von Sarah Nowotny, Roland Flückiger-Seiler und Daniel Di Falco, feiert seine Vernissage in Mürren selbst.

«Kronleuchter vor der Jungfrau. Mürren – eine Tourismusgeschichte» in: Mürren Alpines Sportzentrum, Buchvernissage, Sa, 26. Juli 2014, 
15 Uhr. www.hierundjetzt.ch

Silvia Süess

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