Nr. 40/2014 vom 02.10.2014

Film

Neue Blicke auf das da unten

«Die ist zwar total amerikanisch, aber sie ist schön!», ruft die Chirurgin begeistert aus, kurz nachdem sie einer Patientin die äusseren Schamlippen aufgespritzt hat. Der Film «Vulva 3.0» schaut genau hin auf die titelgebende Stelle. Dabei blickt er nicht nur in die Abgründe unserer Gesellschaft der Selbstoptimierung, sondern wirft auch emanzipatorische, kulturgeschichtliche und vor allem humorvolle Schlaglichter auf die Vulva: Das Resultat ist ein spannender und vielschichtiger Dokumentarfilm. Er wird im Rahmen des Filmfestivals Luststreifen im Basler Neuen Kino gezeigt; im Anschluss an die Projektion kann das Gesehene mit der Protagonistin und Medizinwissenschaftlerin Dr. Marion Hulverscheidt diskutiert werden. Zum Beispiel wie Medizin und Wissenschaft jahrelang falsche Vorstellungen von «dem da unten» prägten und wieso wir uns immer noch damit schwertun, es beim Namen zu nennen. Neben solch Anspruchsvollerem bietet die siebte Ausgabe des queeren Filmfestivals auch alternative Unterhaltung. Es eröffnet mit einer Schweizer Premiere von Yann Gonzalez’ Erstling «Les Rencontres d’après Minuit», gefolgt von starkem nordischem Beziehungskino, experimenteller Kurzfilmpornografie und trashigen Klassikern der queeren Szene. Ausserdem können sich die BesucherInnen in die erotische Fesselkunst und die erregende Pein von SM einführen lassen – getreu dem diesjährigen Motto «Süsser Schmerz». Neben einem Konzert der Lausanner Chanson-Rumpel-Punk-Band Les Délicieuses kann auch an der Festivalparty zu «Discokugelsound» getanzt werden – fernab des Malestream.

Filmfestival Luststreifen in: Basel Neues Kino, Klybeckstrasse 247, Do–So, 2.–5. Oktober 2014. 
www.luststreifen.ch

Timo Posselt

Cinema Italiano

JournalistInnen, die unter Polizeischutz leben, weil sie von Mafiaclans bedroht werden, Jugendliche, die wegen der Wirtschaftskrise keine Arbeit finden, und korruptes Beamtentum – aus Italien gibt es immer wieder Unschönes zu hören. Unser Nachbarland ist nach der Ära Berlusconi in einem desolaten Zustand. Wie die Filmschaffenden mit dem Zustand ihres Landes umgehen und filmische Antworten versuchen, veranschaulicht das Filmfestival Cinema Italiano, das fünf neue Werke präsentiert.

Eine Schule in Rom, ein Fischstand in Neapel oder eine Hochhaussiedlung in Cagliari, der Hauptstadt Sardiniens: Das sind Schauplätze der Filme, die einen ungeschönten Blick auf die harte Realität werfen. Leonardo Di Costanzo erzählt in seinem Spielfilmerstling «L’intervallo», wie ein fünfzehnjähriger Eisverkäufer in Neapel ungewollt zum Mitarbeiter der Mafia wird: Er soll auf ein siebzehnjähriges Mädchen aufpassen, das in einem verlassenen Gebäude festgehalten wird. Auch wenn er nicht will: Die Anfrage abzulehnen, ist unmöglich.

Ebenfalls in Neapel spielt «Reality», der neue Film von Matteo Garrone («Gomorrha», 2008). Der Fischverkäufer Luciano nimmt am Casting für eine Reality-TV-Show teil. Sein Traum entwickelt sich zu einer Besessenheit, die droht seine Familie zu zerstören. Auch bei «Tutti contro tutti» droht eine Familie auseinanderzufallen. Der Grund: Als Agostinos Familie nach der Erstkommunion des Sohns in ihr Haus zurückkehren möchte, ist es besetzt worden. Die Familie schlägt kurzerhand ihre Zelte vor der Wohnung auf; ein absurder Kampf um die eigene Wohnung beginnt.

Die Eröffnung des italienischen Filmzyklus macht in Bern «Il rosso e il blu» von Giuseppe Piccioni, der auch an der Premiere anwesend sein wird. Piccioni wählte für seinen Film eine Schule in Rom als Ort der Begegnung, der Hoffnung, der Enttäuschungen und der Überraschungen. Was dort so passiert, wird nun im Kino, dem Ort der Imagination, gezeigt.

Cinema Italiano in: Biel Filmpodium, 
ab Fr, 3. Oktober; in: Bern, ab Mo, 6. Oktober, Eröffnung in Anwesenheit des Regisseurs 
Giuseppe Piccioni; in: Winterthur Filmfoyer, 
ab Di, 7. Oktober 2014, Eröffnung in Anwesenheit 
des Regisseurs Giuseppe Piccioni. Weitere Städte folgen. www.cinema-italiano.ch

Silvia Süess

Konzert

Schwermut, raumgreifend

Ja, wir wissen schon: bärtiger, junger Mann mit Gitarre, Typus Waldschrat, den Blick von existenzieller Melancholie umwölkt. Eigentlich eine Pest, diese Barden der Empfindsamkeit. Aber doch: Einer geht noch, weil er seine Sehnsucht in so sagenhaft raumgreifende Arrangements kleidet, die das Pathos zuverlässig abfedern und musikalisch einen Horizont abschreiten, der weit vom eigenen Nabel wegführt.

Er kommt aus Zürich und heisst Reza Dinally, und auf dem Cover zu seinem ersten Album posiert er so verloren in der Landschaft, wie sich das eben gehört für einen postmodernen Schmerzensmann mit Hipsterbart. «Depths of Montmartre» heisst die Platte, die er am Freitag in Zürich tauft. Dabei ist er weit weg von Paris, denn der Boden, auf dem Dinally steht, sieht mehr nach alpenländischem Gletscher aus. Was musikalische Vergleichsgrössen angeht, träumt er von Peter Gabriel und Talk Talk – keine schlechten Eltern für einen, der seine Songs lieber ins Atmosphärische gleiten lässt, als auf schematische Effizienz zu setzen. Aufgenommen haben Dinally und Band ihr Debüt in der Bretagne, als Produzent wirkte David Odlum, Exgitarrist der irischen Band The Frames. Natürlich klingt das nach geschliffenem Selbstmitleid, aber dieses so geschmackvoll im Cinemascope-Format auszubreiten, das muss auch erst einmal gewagt werden.

Reza Dinally in: Zürich Bogen F, Fr, 3. Oktober 2014, 
21 Uhr. «Depths of Montmartre» erscheint 
bei Sony Music.

Florian Keller

Theater

Gelogen wird immer

Wie gedruckt und bis sich die Balken biegen: So lügt sich das Theater Neumarkt gerade durch den Herbst. Zweites Kapitel dieser thematischen «Plattform», wie die Programmschwerpunkte im hausinternen Jargon heissen, ist «Leben Lügen Sterben», eine Forschungsreise entlang der Unwahrheiten, die unser Leben säumen – von der folgenlosen kleinen Notlüge im Alltag über die professionelle Lüge bis hin zur grossen Lebenslüge, die schlimmstenfalls eine ganze Existenz aushöhlt. Auf der Bühne treffen Yanna Rüger aus dem Ensemble und Dimitri Stapfer, Gewinner des Schweizer Filmpreises für seine Rolle als Autist in «Left Foot Right Foot», auf Jugendliche und SeniorInnen, die sich ihren eigenen Lügen stellen.

Lügt man erfolgreicher mit der Unverfrorenheit der Jugend? Oder lernt man erst mit dem Alter die Kunst der wasserdichten Lüge? Das sind Fragen, denen die deutsche Regisseurin Uta Plate in ihrem Projekt nachspürt. Dazu werden auch Menschen befragt, die von Berufs wegen täglich mit Lügen konfrontiert werden oder selber zu welchen gezwungen sind. Machen Lügen krank? Der Psychiater muss es wissen. Wie erkennt man, ob jemand nicht die Wahrheit sagt? Eine Frage, mit der die Juristin tagtäglich konfrontiert ist. Was ist der Kick beim Lügen? Da weiss der Hochstapler Bescheid.

Ob das so ein richtig toller Theaterabend wird? Das einfach so zu behaupten, wäre gelogen.

«Leben Lügen Sterben» in: Zürich Theater Neumarkt. Premiere: Sa, 4. Oktober 2014, 20 Uhr. Nächste Vorstellungen: 8./9./16./21./30. Oktober 2014.

Florian Keller

Wölfli auf dem Dampfschiff

So muss das sein: ein gewagtes und wild zusammengemischtes Musiktheater zum 150. Geburtstag des Berner Art-brut-Künstlers Adolf Wölfli. Als Textvorlage diente hauptsächlich Wölflis Buch «Von der Wiege bis zum Graab». Die wuchtigen Texte sind die weniger bekannten Pendants zu seinem bildnerischen Werk, stehen diesem an Abgründigkeit, Skurrilität und Verworrenheit aber in nichts nach. Im Stück taucht Wölfli selbst als zentrale Figur auf sowie weitere Personen aus seinem realen Leben wie der Psychiater Walter Morgenthaler und Pfleger der Waldauklinik, aber auch Figuren aus Wölflis Vergangenheit wie etwa seine früh verstorbene Mutter. Helena Winkelmans Komposition wird live vom «Avantcore»-Trio Steamboat Switzerland umgesetzt, das seinen Namen übrigens von Wölflis eigener Wendung «Dampfschiff Schweiz» übernommen hat. Wölfli wird vom Basler Musiker Joke Lanz gespielt, der im Frühling mit seiner Band Sudden Infant das Album «Wölfli’s Nightmare» beim Berner Label Voodoo Rhythm Records veröffentlicht hat.

«Das Allmachtsrohr» in: Bern Dampfzentrale, 
Fr/Sa, 3./4. Oktober 2014. www.dampfzentrale.ch

Roland Fischer

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